Mein Beitrag zur Diskussion um den Film „Elternschule“

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu entscheiden, ob ich mich an der aktuellen Diskussion um den Film „Elternschule“ hier beteiligen sollte oder nicht. Vorab sollte ich wohl dazu sagen, dass ich den Film nicht sehen konnte, da er in meiner Nähe nicht gezeigt wird. Meine Gedanken, die nun folgen, sind also keine Beurteilung des Filmes, auch nicht des Trailers selbst, sondern mein persönliches Echo auf die vielen Veröffentlichungen der letzten Woche zu diesem Thema.

Für mich persönlich ist klar: Ein Kind mithilfe der eigenen körperlichen Überlegenheit zum Essen zu zwingen, ihm gegen seinen Willen den Löffel in den Mund zu drücken, empfinde ich als Gewalt und Missbrauch an Schutzbefohlenen. Ein (kleines) Kind in einer völlig fremden Umgebung, im Dunkeln, ohne Kontakt zur Bezugsperson stundenlang schreien zu lassen, stufe ich als traumatisierend ein und es hinterlässt aus meinem Verständnis heraus ganz sicher tiefe Narben auf der Kinderseele. Das sind nur zwei der laut Film wohl gängigen Maßnahmen in Gelsenkirchen, die an teilweise traumatisierten, teils chronisch kranken (Kleinst-)Kindern Anwendung finden sollen.

Diese Methoden können – selbst wenn sie noch so eloquent verkauft und in ein sogenanntes „ganzheitliches“ Therapieprogramm gesteckt werden – keine nachhaltige, heilende Wirkung auf das Menschenkind haben. Davon bin ich in der Tiefe meines Herzens überzeugt.

Doch wie kommt es denn bloß, dass die Familien, die sich dort in die psychosomatische Kinderklinik einweisen lassen, keine andere Möglichkeit mehr sehen, als diesen umstrittenen Maßnahmen zu folgen? Oder dass ein Teil der Erwachsenen, die das Programm mit ihren Kindern dort absolviert haben, hinterher laut eigener Aussage zufrieden mit den Ergebnissen für ihre Familie nach Hause geht?

Da jeder Einzelfall individuell verschieden ist, kann es dafür sicher keine allgemeingültige Antwort geben.

Schon gar nicht von einer Außenstehenden wie mir. Aber ich weigere mich einfach, sowohl den Therapeut*innen in der Klinik, als auch den Eltern irgendwelche bösen Absichten oder gar Lieblosigkeit zu unterstellen.

Ich muss einfach daran glauben, dass die betroffenen Familien im Grunde eigentlich alle etwas Gutes für ihre Kinder wollten. Sie sind mit Sicherheit ins Elternsein hinein gegangen mit dem Vorsatz, ihre Kinder liebevoll aufzuziehen, ihnen Leid und Not zu ersparen, Harmonie in ihrem Zuhause zu erleben. Und dann merkten sie irgendwann auf dem Wege, dass sie es leider nicht schafften, ein so friedliches, ja nicht mal ein halbwegs „normales“ Familienleben gestalten zu können, wie sie sich das für alle Beteiligten gewünscht haben und wofür sie womöglich bis über alle Grenzen ihrer Kräfte hinaus gegangen sind.

Wenn ich an diese verzweifelten Eltern denke, habe ich viel Mitgefühl für sie und frage mich, was sie selbst für eine Geschichte mitbringen?

Vermutlich gibt es so manche unter ihnen, die selbst eine Kindheit voller Gewalt, voller Druck, Zwang oder Lieblosigkeit durchlebt haben und es bei ihren eigenen Kindern wirklich anders machen wollten? Eltern, deren innere Bindungsmuster und Glaubenssätze noch von den Zeiten geprägt wurden, in denen jede „gute, deutsche Hausfrau“ Johanna Haarers Werk verinnerlicht hatte und die nun, ohne klare Wegweiser und Handlungsanleitungen, an den Herausforderungen der Elternschaft verzweifeln?

Oder sind Menschen darunter, deren Eltern an schweren psychischen Störungen oder Suchterkrankungen litten und damit ebenfalls viele wichtige Bedürfnisse unbeantwortet ließen?

Vielleicht sind da auch einfach Eltern wie du und ich, die sich auf die Suche nach einem bedürfnisorientierten Weg begaben, am Ende aber die Balance zwischen elterlichen und kindlichen Bedürfnissen nicht fanden, die Wunscherfüllung und Bedürfnisbefriedigung nicht trennen konnten, denen Vorbilder für eine gesunde Autorität fehlten, oder die den Sicherheitsbedürfnissen (Struktur, Rhythmus, Elterliche Führung etc.) nicht genug Aufmerksamkeit schenkten?

Bei vielen fehlte ganz sicher das nötige soziale Netz – der Familienclan, die Großfamilie – welches Entlastung und Unterstützung hätte bringen können? Sind unter ihnen Alleinerziehende, die an der Dauerbelastung und den wirtschaftlichen Zwängen zerbrachen? Bot ihr Umfeld nur soziale Isolation statt eines wohlwollenden, tragenden Miteinanders? Spielten häusliche Gewalt, Missbrauch, toxische Beziehungen oder andere Traumatisierungen der Eltern und Kinder eine Rolle? Wieviele Familien mit langen persönlichen Leidensgeschichten, zermürbenden Klinikodysseen, oder Kräfte zehrenden Krankheitsbildern suchen hier wohl nach Hilfe?

Es gibt wirklich unendlich viele Szenarien, die, wenn die notwendigen Ressourcen und Hilfen nicht vorhanden oder nicht abrufbar sind, zu völlig verzweifelten Eltern und maßlos gestressten und somit „auffälligen“ Kindern führen können. Denn die Kinder zeigen doch meistens sehr deutlich an, in was für einem Klima sie leben und wenn wichtige Bedürfnisse unerfüllt bleiben.

Was auch immer letztendlich im Einzelfall an generationsübergreifenden, psychopathologischen Dynamiken, an krankmachenden gesellschaftlichen oder innerfamiliären Rahmenbedingungen oder Schicksalsschlägen eine Rolle spielen mochten: Die Eltern, die sich in diese Klinik begeben, sind ganz offensichtlich am Ende ihrer Kräfte. Und es ist ihnen meiner Meinung nach hoch anzurechnen, dass sie stark genug waren, dies zu erkennen und die Kraft fanden, sich überhaupt Hilfe und Unterstützung zu suchen.

So, wie die Schilderungen über die psychosomatischen Auffälligkeiten der zu behandelnden Kinder ausfallen, liegt es mir nahe zu vermuten, dass viele der betroffenen Eltern in ihrer eigenen Kindheit wirklich vieles, was man für ein glückliches (Eltern-)Leben braucht, mangels der richtigen Vorbilder niemals lernen und verinnerlichen konnten. Zum Beispiel, was es heißt, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und gut für sich zu sorgen, mit starken, kindlichen Emotionen umzugehen, einem Kind liebe- und respektvoll  Grenzen zu setzen und ihm durch das eigene konsequente Verhalten genügend Sicherheit und Orientierung zu geben, die es für seine innere Ausgeglichenheit braucht. Und – wohl am allerwichtigsten – (auch in emotional schwierigen Phasen) zugewandt und bindungsbereit für die Kleinen zu sein und ihnen damit ihr vordergründigstes Bedürfnis zu erfüllen.

Erwachsene wie Kinder, welche die beschriebenen, massiven Beziehungsstörungen aufweisen, leiden sicherlich bereits über einen längeren, chronischen Zeitraum an einem existenziellen Bindungsmangel. Und dieser Mangel führt vor allem bei den Kleinsten in ihrer Not zu dementsprechenden „psychosomatischen“ Symptomen wie z.B. Ess- und Schlafstörungen, Unruhe und Schreianfällen, Unfähigkeit zur Kooperation und (auto-)agressivem Verhalten. (Wobei im Film wohl auch teilweise als völlig normal zu betrachtendes kindliches Verhalten, vor allem in Bezug auf Schlafen und Trennung, als krankhafte Regulationsstörung eingestuft wurde mit den entsprechenden „therapeutischen“ Konsequenzen für das Kind.)

Es sei jetzt mal dahin gestellt, ob im Einzelfall das fehlende Bindungsangebot von Seiten der Eltern maßgeblich war, welches die Kinder in diese extremen Auffälligkeiten trieb oder ob die besondere Bedürftigkeit und der herausfordernde Charakter eines einzelnen Kindes dazu führten, die Situation in der Familie in einen Teufelskreis zu manövrieren, aus dem nur die Eltern sie wieder heraus führen könnten.

Doch an welchen Stellschrauben des Systems Familie wird nun laut den Berichten über die „Elternschule“ in Gelsenkirchen gedreht?

Man korrigiere mich bitte, falls ich es anhand der mir vorliegenden Informationen falsch interpretiert habe, aber es scheint ein Hauptaugenmerk des im Film dargestellten Elterncoachings darauf zu liegen, dass den Kindern in erster Linie Grenzen fehlen würden, dass die Kleinen die tyrannischen Bestimmer*innen („Boss“, „Prinzessin“) in den Familien geworden wären und dass die Erwachsenen nur lernen müssten,  „Konsequenz“ und „liebevolle Strenge“ richtig einzusetzen, um das Blatt zu wenden.

Ich mag nicht anzweifeln, dass eine ungute Verschiebung innerhalb der Familienhierarchie ein wichtiger Bestandteil vieler der gezeigten Problematiken sein kann und diese auf jeden Fall in die Therapie und die Überlegungen mit einfließen sollte. Doch was ist mit den vielen anderen drängenden Bedürfnissen, die, wenn sie unerhört und unbefriedigt bleiben, ebenfalls zu massiven „Verhaltenauffälligkeiten“ führen können? Und die grundsätzliche Frage lautet für mich dann weiter: Auf welche Art und Weise begegne ich diesen Schwierigkeiten? Wo setze ich an, um die Dynamik in der Familie langfristig und entwicklungsfördernd zum Positiven für alle Beteiligten zu verändern?

Wenn jetzt laut diesem als „Ein Muss für jeden, der Kinder hat!“-bezeichneten Dokumentarfilm elterliche Führung bedeutet, „Ich bin der Boss, ich habe die Macht und sage, wo es lang geht!“ und wenn konsequentes Verhalten darin besteht, Babies und Kleinkinder unter Ferber-ähnlichen Methoden, das Durchschlafen „anzutrainieren“ oder sie ohne vertraute Bindungsperson alleine in fremden Räumlichkeiten zu lassen, wenn Grenzen setzen heißt, wer nicht essen mag, wird von einem körperlich viel stärkeren Menschen (Pflegepersonal) dazu gezwungen zu essen, und wer nicht mehr laufen mag, wird vom „Coach“ auch gegen seinen Willen den Weg entlanggezerrt, dann….ja dann… dann würde mir wohl auch nichts anderes einfallen, als all diesem ganzen Gerede von Grenzen setzen und Autorität den Rücken zu kehren.

Aber so einfach ist es nicht.

Die Worte von Führung und Konsequenz werden hier für mein Verständnis wirklich völlig irreführend verwendet, ihr einst positiver Inhalt grotesk verdreht, sie werden mit Praktiken und Methoden am Kinde zusammengebracht, die ich als Mensch wirklich strikt ablehne, die für mich eher an die Zeiten der Schwarzen Pädagogik erinnern als alles andere.

Jedoch das Gegenteil davon – nämlich jegliche elterliche Führung und den Gebrauch meiner Macht sofort als einen Machtmissbrauch, als Gewalt, als unmoralische Manipulation und Konditionierung eines freien Wesens einzustufen, fühlt sich für mich auch einfach nicht stimmig an. Und dies hilft den Eltern sicher an diesem Punkt auch nicht weiter.

Ich denke, eine nachhaltige Lösung, eine Möglichkeit zur (Selbst-)Heilung für die mannigfaltigen Probleme der betroffenen Familien kann einfach nicht in der (räumlichen und emotionalen) Trennung, in der noch größeren Distanzierung von den Kindern liegen. Sie kann nicht das Kind zum Objekt irgendwelcher umstrittener (da an Gewalt grenzende) Verhaltenstrainings machen und die Behandlung als reinen Erfolg darstellen, sobald das schwächste Glied in seinem Familiensystem am Ende dem Druck nicht mehr standhalten kann und trotz seiner weiterhin unerfüllten Grundbedürfnisse wieder halbwegs im Alltag „funktioniert“ und den Eltern „gehorcht“.

Der Weg, den unsere Gesellschaft im Allgemeinen beschreiten sollte, findet sich für mich vielmehr im liebevollen Mit- und Füreinander. Im Verantwortung übernehmen für meine Mitmenschen, im Hilfe anbieten, wo sie gebraucht wird. Eltern müssen wieder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und diese zu kommunizieren bzw. selbst für deren Erfüllung zu sorgen. Im Verlauf sollte sicherlich an dem (Wieder-)Herstellen einer gesunden Familienhierarchie, die auf Vertrauen, auf Fürsorge füreinander und gegenseitigem Respekt basiert, gearbeitet werden. Und auch das (alltagstaugliche) Wissen um alle kindlichen Bedürfnisse, allen voran natürlich das Bindungsbedürfnis und bindungsfördernde Maßnahmen sowie der in unserer Gesellschaft wirklich stiefmütterlich behandelte Komplex der kindlichen Sicherheitsbedürfnisse müssten vorrangig Teil eines „Elternführerscheins“ sein, der diesen Namen verdienen soll.

Was die Dikussion um den Film „Elternschule“ bei mir konkret bewirkt hat?

Ich habe eine neue Motivation in mir aufflammen gespürt, meinem ursprünglichen Herzensthema, der bindungs- und bedürfnisorientierten Elternschaft doch noch einmal weiter auf den Grund zu gehen. Mich in diesem Thema fort- und weiterzubilden. Vielleicht sogar den Sprung in eine neue Selbständigkeit zu wagen…?

Auf jeden Fall möchte ich Teil der Bewegung sein, die sich für mehr Ver-Bindung in unserer Gesellschaft einsetzt, denn sie ist die Grundlage von Geborgenheit. (Und wer sich geborgen fühlt, der kann auch beruhigt einschlafen, mit den Lieben am Tisch das gute Essen genießen, seinen Eltern vertrauensvoll folgen und braucht nicht in jedem Augenblick seines bemitleidenswerten Daseins in völliger Verzeiflung um die Erfüllung seiner existenziellen Grundbedürfnisse kämpfen!)

 

Links:

Tagesspiegel

Huffington Post

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie

Herbert Renz-Polster

Katia Saalfrank

Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE)

Deutscher Kinderschutzbund

Familylab

Das gewünschteste Wunschkind

Leonina Freigeborgen

Die Rabenmutti

Mini and me

Wickelakrack

Mrs. Eastie

Wiegenkinder

Einfachklein

Kopfkusshöhe

 

 

 

 

 

 

 

 

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