Kürzlich erschien Brigitte Hannigs Neuauflage ihres 2. Heftes der Bindungspädagogik. Der Titel lautet jetzt passenderweise „Bedarf und Bedürfnisse – Kindern geben, was sie brauchen“ und ist mit seinen 109 Seiten fast doppelt so lang wie der Vorgänger. Der Kernsatz dieses Heftes für mich ist ganz klar: Bedürfnisse sind nicht verhandelbar.

Was ist damit gemeint? Ich verstehe es so, dass die menschlichen Bedürfnisse von Geburt an in uns angelegt sind – und zwar bei jedem Menschenkind genau gleich. Und die Reihenfolge oder auch Hierarchie der menschlichen Bedürfnisse folgt einer inneren Logik und Ordnung. Unabhängig davon, wo wir uns befinden, in welcher Lebensphase wir stecken oder welche Überzeugungen und Glaubenssätze unser Dasein beeinflussen.

Diese angeborenen, menschlichen Bedürfnisse wirken immer in uns, egal ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Sie unterliegen weder der freien Wahl, noch lassen sie sich diskutieren. [… ] Jede Erfüllung und jede Nicht-Erfüllung eines dieser angeborenen Bedürfnisse hat unmittelbare Wirkung auf das Wachsen, Werden und Sein eines (kleinen) Menschen. […] Die Notwendigkeit der Bedürfniserfüllung ist der persönlichen Einstellung und den unterschiedlichen Erziehungsstilen übergeordnet.

Ein wirklicher Zugewinn der Neuauflage ist, dass Frau Hannig jedem einzelnen Bedürfnis noch mal mehr Raum gibt, um jeweils auf dessen mangelhafte und auch übermäßige Erfüllung einzugehen. Mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes.

Zum Schluss gibt sie einen wirklich hilfreichen Leitfaden zur Unterscheidung von Wünschen und Bedürfnissen und lädt Eltern und Erziehende dazu ein, sich mehr der wahren Bedürfnisbefriedigung anstatt der ständigen Wunscherfüllung zu widmen. Mit dem Resultat, dass sich „[…] Ihr Aufwand reduzieren und Ihre Zufriedenheit erhöhen wird.“

Also ich kann sämtliche Broschüren und Impulse-Texte von Frau Hannig uneingeschränkt empfehlen, aber wenn man in die Materie von einer wahrhaft bedürfnisorientierten Elternschaft und Lebensweise einsteigen möchte, ist dieses Heft ein super Start!

Eine kleine Randbemerkung noch, da ich auf meinen Artikel zum Thema Fernsehen eine Mail von einer Mutter erhielt, die bei meiner Herangehensweise an den Fernsehkonsum meines Kindes (klare Reglementierung der Fernsehdauer) befürchtete, dass ich das Bedürfnis meines Kindes nach Autonomie nicht ausreichend erfüllen würde.

Das fand ich interessant und habe darüber nachgedacht. Abschließend kann ich zu dieser Frage nun sagen, dass ich das Bedürfnis nach Autonomie natürlich als solches anerkenne und meinem Kind in dem Rahmen, den ich für gesund und angemessen erachte, genug Möglichkeiten gebe, sein Autonomiestreben auszuleben.

Wenn ein Kind nun stundenlang fernsehen möchte, ist das für mich aber eindeutig ein Wunsch (denn das Fernsehen-Wollen an sich ist kein angeborenes Bedürfnis des Menschen, sondern ein durch innerfamiliäre / gesellschaftliche Gegebenheiten auftretender Wunsch). Wenn ich also diesem Wunsch als Mutter widerspreche, weil ich die Auswirkungen dieses Verhaltens als unpassend oder negativ einstufe, dann erfülle ich grundsätzlich mit meiner Handlungsweise eine ganze Reihe von wichtigen Bedürfnissen, wie z.B. nach Schutz, elterlicher Führung / Autorität, Regeln und Grenzen, Rhythmus, Ordnung, Bewegung statt Erstarrung – um nur einige zu nennen, die mir spontan einfallen.
Allerdings können eine Menge individueller Gründe dahinter stecken, wie dieser Wunsch nach mehr Fernsehen zustande kommt. Von schlichter Langeweile oder der Suche nach ein wenig Spannung und Ablenkung, über wahre Bedürfnisse wie dem nach Entspannung oder auch nach Zugehörigkeit (größere Kinder /peer group).
Wenn es bloße Langeweile ist, kann ich es guten Gewissens aushalten, wenn mein Kind dann rumnörgelt oder frustriert ist, schließlich ist Langeweile zu erleben und zu überwinden super wichtig in der kindlichen Entwicklung.

Wenn ich aber den Eindruck habe, ein unerfülltes Bedürfnis liegt diesem Wunsch zugrunde, dann liegt es auch an mir, genauer hinzuschauen und meinem Kind im Alltag und Zusammenleben die Möglichkeiten zu schaffen, an anderer Stelle dieses Bedürfnis erfüllt zu bekommen. (z.B. ECHTE = Gesunde Entspannung statt Hirn-Aus-Flimmern, ECHTE Zugehörigkeit durch Kontakt = Bindungsmomente mit Freunden im persönlichen Austausch, Autonomie in Bereichen des Alltags, die sich gut eignen wie Freispiel, Pflege des eigenen Körpers, Mitbestimmung beim Ablauf der Rituale usw.)

Auf diese Weise reflektiere ich häufig über Wünsche und Forderungen meines Kindes und erhalte dadurch viel mehr Klarheit darüber, was mein Kind wirklich braucht. Und diese Selbstsicherheit strahle ich wiederum an mein Kind aus – ein echter Zugewinn für meine Mutterschaft!

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