Was bedeutet bedürfnis-orientiert leben?

Bedürfnisorientiert. Ein geflügeltes Wort heutzutage. Meist begegnet es uns im Zusammenhang von Eltern und ihren Kindern, manchmal auch von Pädagog_*innenseite, standardmäßig in der Attachment-Parenting-Szene. Oft flankiert von den Worten Bindung und/oder Beziehung, in letzter Zeit auch immer öfter im Kontext der unerzogen-Bewegung. Doch so allgegenwärtig der Begriff in unserer Zeit auch zu lesen ist, so enorm unterschiedlich scheinen mir Verständnis, Auslegung und Umsetzung im realen Leben zu sein.

Daher möchte ich mich gerne einmal gründlich damit befassen, was ich eigentlich unter einem bedürfnisorientierten Leben verstehe und warum ich als Gemeinschaftssuchende die Auseinandersetzung mit den menschlichen Bedürfnissen nicht allein in die Kategorie „Wichtig-für-Eltern-und-Familien-mit-Kindern“ stecken würde.

Da das Thema wirklich vielschichtig ist, wird sicherlich nicht alles in einen einzigen Artikel hinein passen. Vielmehr beginne ich hiermit eine Reihe, in der ich nacheinander die wesentlichen Aspekte beleuchten werde. Ich freue mich über Eure Fragen, Anregungen und Rückmeldungen oder vielleicht habt Ihr ja Lust, selbst darüber zu schreiben?

Aber jetzt fange ich am besten erstmal von vorne an. Und zwar an dem Punkt in meiner Biographie, an dem ich begann, mich tiefer mit der Frage nach den Bedürfnissen des Menschen und insbesondere des Kindes zu beschäftigen.

Mit einem gewissen Grundverständnis für die Bedürfnisse eines Neugeborenen im Gepäck arbeitete ich mehrere Jahre als Hebamme und begleitete viele Eltern und Familien auf ihrem Weg. Dann wurde ich selber Mutter und trat eine seeeehr intensive Fort- und Weiterbildungszeit an, wenn man so möchte.

Als nämlich das erste Lebensjahr unseres Kindes um einige Monate verstrichen war, fing es so richtig an, spannend im Sinne von herausfordernd für mich zu werden. Aufgrund meines Vorlebens als Hebamme hatte ich mich zwar auf die Bedürfnisse und das Muttersein in der Säuglingszeit recht gut vorbereitet gefühlt – was danach kam, war für mich jedoch ein großes Fragezeichen. Damals dachte ich noch etwas naiv, dass meine elterlichen Kompetenzen quasi automatisch mitwachsen würden und ich ganz organisch lernen und spüren würde, was mein älter werdendes Kind für Bedürfnisse hat.

Ganz so simpel war es dann aber jenseits der 2-Jahresgrenze irgendwie doch nicht, musste ich feststellen. Im Alltag spürte ich immer mehr Unsicherheiten im Umgang mit meinem Sohn aufkommen. Autonomiephase, Grenzen setzen, Konsum, Fremdbetreuung, Konflikte, Mitbestimmung – all diese großen und kleinen Dinge empfand ich nicht unbedingt als selbsterklärend.

Glücklicherweise kam ich etwa zu dieser Zeit mit den Texten zur Bindungspädagogik von Brigitte Hannig in Kontakt. Was Maria Montessori oder Emmi Pikler für die einen ist,  ist Frau Hannig für mich: ein Leitstern in meiner Mutterschaft.

Dies war für mich ein Wendepunkt, weg von der sehr freilassenden und hin zur Halt gebenden Erziehung. Ich las mich durch sämtliche ihrer Veröffentlichungen und besuchte zwei Seminare für Eltern und Erziehende.

Ab da hatte ich unwiderruflich meine persönliche Ausrichtung gefunden.

Unterstützt und ergänzt werden diese Ansätze durch das anthroposophische Verständnis der kindlichen Reifung in Form von Jahrsiebten mit ihren jeweiligen Themen und Schwerpunkten. Ich möchte diese Ideen, auf denen mein Verständnis von der kindlichen Entwicklung und meine Interpretation eines artgerechten, ganzheitlichen Umgangs in unserer Familie fußt, gerne weiter tragen. Da es für mich so viel verändert hat und mir tagtäglich aufs Neue hilft, die Herausforderungen der Elternschaft zu meistern.

Ich möchte mich bei der Betrachtung eines bedürfnis-orientierten Lebens an folgenden Fragen entlang hangeln:

1. Informationsbeschaffung und Definitionsabgleich:

2. Dann möchte ich die Bedürfniserfüllung in den Fokus nehmen:

3. Nachdem ich mir über die Beantwortung dieser Fragen einigermaßen klar geworden bin, geht es mit der praktischen Umsetzung und dem Sinn dahinter weiter.

  • Warum eigentlich der ganze Zirkus?
  • Wie sieht es praktisch für mich aus, das bedürfnis-orientierte Familienleben und das Leben in Gemeinschaft?

Puuuuh, allein beim Formulieren der Fragestellungen merke ich, dass dies ein wahrhaftig komplexes Thema ist, findet Ihr nicht auch?

Ich wünsche mir von Herzen, dass ich in der nächsten Zeit die Ruhe finden werde, meine persönlichen Antworten darauf zusammen zu tragen. Denn einerseits möchte ich mich durch das Schreiben und Reflektieren mit meinem eigenen Weg noch intensiver auseinander setzen. Andererseits möchte ich die Einsichten, die ich für mich erkannt habe, mit euch teilen und darüber ins Gespräch kommen. In der Zwischenzeit -bis diese meine Gedanken ihren Weg auf den Blog finden- freue ich mich sehr über Feedback und Ergänzungen von eurer Seite!

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