Ein bisschen mehr Bindung, bitte!

Bindung. Sie ist in aller Munde. Sie wird erforscht, erklärt, definiert und gefördert. Doch was versteckt sich eigentlich hinter diesem heilversprechenden Begriff und warum kommt einem die Bindung im Alltag so schnell abhanden, wenn man nicht aufmerksam ist? Ein Erklärungsversuch.

Ich merke es an seinem Verhalten. Er ist quengeliger, anhänglicher, schneller frustriert. Es könnten die Backenzähne sein, die sich seit einiger Zeit langsam aber stetig ans Tageslicht schieben. Es kann auch einfach nur so eine Phase sein. Ein Entwicklungsschub, ein beginnender Infekt. Oder es ist, was mein Bauchgefühl mir sagt: Ein Ruf nach mehr Bindung.

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Die letzten zwei Wochen waren ziemlich anstrengend für uns. Ich habe mich im Kinderladen für eine Sache verpflichtet, die unerwartet viel Zeit und Kraft gefordert hat. Sowas geht ja schnell. Und wenn man kein Kleinkind zu versorgen hat, kann man sich auch einfach mal ein paar Tage von der Außenwelt abschotten und durcharbeiten, bis die dringende Aufgabe erfüllt ist. Mit besagtem Kind geht dies im Alltag aber überhaupt nicht gut. Ungünstig war dieses Mal außerdem, dass ich es nicht geschafft habe, die Gedanken an die Arbeit zwischendurch mal wirklich abzustellen und zur Ruhe zu kommen. Mein Geist raste ständig durch theoretische Welten, mein Körper war nonstop unter Anspannung. Und da lag wohl der Knackpunkt. Denn Bindung ist für mich keine abstrakte Idee, kein esoterisches Etwas, dass auf zauberhafte Weise durch Tragen, Stillen und Familienbetten „da ist“.
Die weit verbreiteten Ansätze der Bindungstheorie und das allgemeine Verständnis dieses Begriffes geben nur einen Teil des Ganzen wieder, welcher ohne die andere Hälfte unvollständig erscheint. (Ausführliche Zusammenfassungen zum populäreren Bindungswissen findet Ihr zum Beispiel hier oder hier.)
Und diese andere Hälfte, das fehlende Puzzleteil, ist das Bewusstsein, dass Bindung ein körperlicher Zustand ist. Ein Zustand der Entspannung, der Aufnahmebereitschaft und Entschleunigung, in welchem mein vegetatives Nervensystem auf Ruhemodus runterfährt und meine Lebensernergie ohne störende Blockaden ein- und ausströmen kann. Nur wenn ich das Kopfkino ausschalten und mich mental und körperlich auf das Hier und Jetzt einlassen kann, hat mein Kind die Chance, in den Zustand von Bindung, von Angebunden-Sein zu treten.

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Und dieser Zustand ist ein Urbedürfnis des Menschen. Wir brauchen die Bindung zu uns nahe stehenden Personen, um uns wohl zu fühlen und diese als sichere Basis für die anstehenden Entwicklungsschritte zu nutzen. Je kleiner, je jünger der Mensch ist, desto lebensnotwendiger verspürt er das Bedürfnis nach wahrer Verbundenheit zu seinen Bezugspersonen. Wenn die Bezugspersonen aber von einer Erledigung zur nächsten unterwegs sind und ständig damit beschäftigt sind, Pläne für morgen auszutüfteln, dann geht diese wichtige Verbindung verloren und das kleine Menschenkind bleibt mit sich und seinem unerfüllten Bedürfnis allein.

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Glücklicherweise ist mein Projekt jetzt abgeschlossen, Excel ist wieder runter gefahren und ebenso mein Kopf, mein Kreislauf, mein ganzer Körper. Ich atme wieder ruhiger und lasse das Smartphone Smartphone sein. Ich sitze neben meinem Kind auf dem Teppich und stricke. Trinke Tee. Baue Murmelbahnen auf und lache, wenn sie umgeschmissen werden. Ich spüre wieder den Nieselregen auf meinem Gesicht, wenn ich vor die Tür trete, träume von grünen Hügeln und fruchtbarem Ackerboden, anstelle von Zahlenreihen und Kreisdiagrammen. Und fühle mich tief verbunden mit meinem Kind, das gerade in die nächste Pfütze hüpft.

Links:
Tragen allein genügt nicht
Immer dieses Theater

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