Wunsch oder Bedürfnis?

Kürzlich waren wir mal wieder in einer etwas größeren Stadt. G brauchte dringend neue Schuhe und wir packten die Gelegenheit beim Schopfe für einen kleinen Ausflug zu sechst. Der angepeilte Second-Hand-Laden war aber nicht mehr vorhanden, so ging es für uns weiter in die Innenstadt hinein.

Leider gibt es in größeren Städten nicht nur Klamottenläden, sondern auch so manches Spielwarengeschäft. Und wie ich da dann so mit meinem enttäuschten Jungen mit etwas Abstand zu unserer Gruppe – die bestand zu dieser Zeit nämlich ausschließlich aus mehr oder weniger Kinderwutgeschrei-inkompatiblen Erwachsenen – abwartete, wie sein Frust über das Nicht-Bekommen einer neuen Spielzeugpistole sich lautstark Luft machte, kam mir der Text über Wünsche und Bedürfnisse wieder in den Sinn, mit dem ich seit Tagen nicht so richtig weiter kam.

Bevor ich Mutter war, habe ich mir kaum Gedanken darüber gemacht,  wo genau eigentlich der Unterschied zwischen einem Wunsch und einem Bedürfnis ist.

Seit ich aber glaube, verstanden zu haben, dass eine unreflektierte Wunscherfüllung durchaus negative Auswirkungen auf die Entwicklung meines Kindes haben kann, schau ich in dem Gebiet doch lieber etwas aufmerksamer hin.

Wer Kinder hat, weiß, dass die Nicht-Erfüllung eines kindlichen Wunsches oft auf starke Gegenwehr stößt. Dies kann viele verschiedene Gründe haben, doch die blinde Wunscherfüllung bringt uns leider selten weiter, auch wenn sie manchmal zu verlockend erscheint.

Was genau ist denn jetzt aber der Unterschied zwischen Wunsch und Bedürfnis?

Und welche Folgen sind zu erwarten, wenn man sich die Unterscheidung spart, alles in einen Topf wirft und nur noch (kindliche) Wünsche den Familienalltag bestimmen lässt, anstatt sich um eine adäquate Bedürfniserfüllung zu bemühen?

Bedürfnisse

Wie ich schon desöfteren beschrieben habe, handelt es sich bei den Bedürfnissen um etwas  Universelles, was jedem Menschen von Geburt an innewohnt. Bedürfnisse sind das, was unser Überleben sichert, was uns nach Bindungen, Wachstum und Entwicklung streben lässt. Sie sind sozusagen die Triebfeder unseres Handelns.

In Bedarf und Bedürfnisse – Kindern geben, was sie wirklich brauchen erklärt Brigitte Hannig, dass

die jeweiligen Folgen der Erfüllung oder Nicht-Erfüllung der Bedürfnisse an das vegetative Nervensystem gekoppelt sind.

Wenn die Bedürfnisse -so Hannig- in genügendem Maße erfüllt werden, hat dies eine regelmäßige Atmung, entspannte Muskulatur, einen ausgeglichenen Puls, und einen natürlichen Hormonspiegel zur Folge. Daraus resultiert dann auch ein ausgeglichenes Gefühlsleben.

Andersherum folgt auf eine mangelhafte Befriedigung der Bedürfnisse verstärktes Herzklopfen, eine unregelmäßige Atmung, angespannte Muskulatur und eine Erhöhung der Stresshormone. Die begleitenden Gefühle sind dann häufig Frustration, Wut oder sogar Angst.

Die ausreichende Befriedigung der Bedürfnisse ist eine wichtige Grundvoraussetzung dafür, dass das Kind sein angeborenes Entwicklungspotential entfalten und letztlich zu der freien und starken Persönlichkeit heran wachsen kann, die zu sein es aus sich selbst heraus bestimmt ist.

Wünsche

Es gibt verschiedene Arten von Wünschen, wobei eine hilfreiche Differenzierung für mich die nicht notwendigen Wünsche von den Wünschen als Handlungsstrategien zur Erfüllung der Bedürfnisse trennt.

Die erste Sorte Wünsche sind individuelle Begierden und Triebe, häufig (aber nicht immer) auf materielle Dinge und ein Haben-wollen ausgerichtet. Ihre Erfüllung ist nicht notwendig für das Überleben und die Nicht-Erfüllung hemmt oder bremst auch die Entwicklung nicht (oft ist sogar eher das Gegenteil der Fall!). In unserer Lebensrealität als Konsument_*innen können wir von diesen überflüssigen Wünschen wohl alle ein Lied singen.

Im Gegensatz zu den Bedürfnissen ändern sich Wünsche im Laufe unseres Lebens und nehmen immer neue Formen und Gestalten an. Besonders (Klein)kinder sind – aufgrund des vorrangig wirkenden Lustprinzips – dafür prädestiniert, immer neue (egozentrierte) Wünsche zu entwickeln. Erst mit zunehmender Entwicklung und den entsprechenden Lernerfahrungen bildet sich das Realitätsprinzip immer weiter aus, welches die Umgebung und ihre Möglichkeiten bzw. Anforderungen ins eigene Tun einbezieht.

Auch im Falle eines Wunsches führt eine Nicht-Erfüllung zwar desöfteren zu akutem Frust und zu Konflikten, aber wenn die entstehenden kindlichen Emotionen liebevoll mit Präsenz und Feinfühligkeit der Bezugspersonen begleitet werden, sollte das Unglück über den unerfüllten Wunsch auch recht bald wieder verpuffen (je nach Temperament, Reifezustand, Frustrationstoleranz und allgemeinem Zufriedenheitslevel natürlich).

In diesem Fall werden ja statt des Wunsches so manche tiefer liegenden Bedürfnisse wie z.B. nach Halt, Bindung, elterlicher Führung, Geachtetwerden, Angenommensein, Wertschätzung usw. befriedigt.

Frau Hannig schreibt hierzu:

Bedürfnisbefriedigung und Wunscherfüllung liegen manchmal sehr dicht beieinander und lassen sich anfangs nicht immer leicht unterscheiden.

[…] Die zufriedenstellende Wirkung einer Wunscherfüllung hält niemals lange an. Mit Ausnahme des ‚kleinen Triumphes‘ bleibt unterschwellig eine gewisse Unzufriedenheit. Um diese ‚Leere‘ doch noch ‚irgendwie‘ zu füllen, produziert jede Wunscherfüllung recht bald den nächsten Wunsch.

 

Fortdauernde Wunscherfüllung hält die kreativen Kräfte des Menschen gebunden, weil er durch sie ‚auf das falsche Mittel fixiert‘ bleibt.

[…] Die Bindung zwischen Eltern und Kind verliert in solchen Momenten an Tragkraft, die eigenen Potentiale sind dann von Stress überdeckt.

 

Das Leben fühlt sich belastend und schwierig an.

 

Eine ausreichende Bedürfnisbefriedigung macht sich hingegen durch eine stetige Zunahme von Zufriedenheit bemerkbar.

 

[…] Zudem werden bei jeder echten Bedürfniserfüllung neue kreative Kräfte erweckt.

[…] Die Bindung zwischen Eltern und Kind wird (wieder) aktiviert,  die eigenen Potentiale sind (wieder) verfügbar.

 

Das Leben fühlt sich geordnet und leicht an.

Als zweite Kategorie gibt es nun auch noch die andere Form von (Handlungs-)Wünschen. Diese Wünsche kann man auch als die persönlichen Strategien bezeichnen, die ein Mensch (je nach Reifegrad mehr oder weniger bewusst und mehr oder weniger adäquat) einsetzt, um seine zugrunde liegenden Bedürfnisse zu stillen.

Dies verkompliziert die Lage zunächst ein wenig. Vor allem bei Kindern – speziell in ihrer Autonomiephase -, die sich ihrer Wünsche mit einem Mal sehr stark, ihrer eigentlichen Bedürfnisse aber noch lange Zeit nicht wirklich bewusst sind.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass auch bei Erwachsenen, die diese Reifeprozesse weder in ihrer Kindheit noch aus eigenem Streben als Erwachsene vollzogen haben, die Kommunikation über die wahren Bedürfnisse sehr erschwert und der Griff zum „falschen Mittel“, also zu einer Ersatzbefriedigung, die das eigentliche Bedürfnis aber nicht wirklich nährt, die Folge sein kann.

Je unreifer der Entwicklungsstand ist,  umso egozentrierter und nur auf ein sofortiges Nachlassen der inneren Anspannung (Trieb) ausgerichtet werden die Strategien zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse noch ausfallen.

Hier sind wiederum die Eltern stark gefordert, dies zu bedenken und ihrem Kind gegebenenfalls eine angemessenere, für das Familiengefüge passendere Möglichkeit aufzuzeigen, die zugrunde liegenden Bedürfnisse zu befriedigen.

Ehrlich gesagt bin ich selber noch auf der Suche nach dem richtigen Gleichgewicht für mich selbst und für mein Handeln als Mutter. Meine eigene Kindheit war, soweit ich das zurück erinnere, geprägt von sehr viel Freiheiten, sehr viel Wunscherfüllung und kaum Regulation oder Begrenzung – mit ihren positiven wie auch negativen Begleiterscheinungen. Insofern fehlt mir das direkte Erleben und das Vorbild als Basis für mein Handeln und ich versuche dies über Informationsbeschaffung und Achtsamkeit zu kompensieren.

Wie sieht es also praktisch aus, wenn mein Kind einen Wunsch äußert,  den ich nicht völlig bedenkenlos erfüllen möchte? 

Zum Beispiel könnte das so aussehen:

Mein Kind kommt am Nachmittag zu mir und äußert den Wunsch, Schokolade / ein Eis / etc. zu essen.

Grundsätzlich spricht natürlich nichts gegen eine kleine Nascherei ab und an,  wenn ich mich auch mit einem unkontrollierten Süßigkeitenkonsum nicht wohl fühlen würde.

Aber was ist, wenn hinter diesem Wunsch eigentlich ein ganz anderes Bedürfnis versteckt ist, dass ich übersehe und übergehe, indem ich reine Wunscherfüllung betreibe?

Das Bedürfnis dahinter könnte nämlich schlicht und ergreifend Hunger sein, auf welches ich je nach Situation und Tagesablauf eingehen würde. Wenn die nächste gemeinsame Mahlzeit kurz bevor steht, würde ich darauf vertrösten und merke schon anhand der Reaktion, ob ich auf der richtigen Fährte bin oder nicht.

Wenn der Hunger zwischendurch auftritt, werde ich auch eher nicht den Wunsch erfüllen, sondern lieber einen (gesunden) Snack anbieten. (wie zum Beispiel Rohkost, Nüsse, Trockenobst, Joghurt oder auch Reiswaffeln, Brot oder Reste vom Mittagessen.)

Wenn das zugrunde liegende Bedürfnis damit befriedigt wird, kommt der Wunsch zu naschen nicht so bald wieder auf.

Ich zeige meinem Sohn durch mein Verhalten, dass ich ihn und sein Wohlbefinden ernst nehme und lasse ihn durch die körperliche Erfahrung spüren, wie er dem Hungergefühl mit einer gesünderen Strategie als Naschen begegnen kann.

Die Vielzahl befriedigter Bedürfnisse (in diesem Fall nach Nahrung, Zuwendung, Grenzen und Regeln, Rhythmus, Gesehenwerden u.a.) heben den unerfüllten Wunsch nach Süßigkeiten meist ohne irgendwelche Probleme auf. Zusätzlich auch noch ein echter Gewinn für Zahn- und Stoffwechselgesundheit!

Es könnten möglicherweise noch andere Dinge in Frage kommen. Im genannten Fall könnte bei meinem Sohn auch das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit eine Rolle spielen, welchem ich statt mit Zucker lieber mit erhöhter Zuwendung meinerseits begegnen würde.

Langeweile und die Suche nach einer Beschäftigung wären auch noch denkbar. Auch dabei könnte ich vielleicht behilflich sein, ohne einfach nur dem Wunsch zu entsprechen und unkommentiert den Naschkram zu übergeben.

Und all die anderen wirkenden Grundbedürfnisse, wie etwa nach Routinen, Ordnung, Struktur, Regelmäßigkeit oder auch nach elterlicher Klarheit und Führung, möchte ich auch nicht ständig leichtfertig übergehen, da dies auf Dauer meinem Kind nicht gut tut.

Wichtig ist es für mich als Mutter auf jeden Fall, all die großen und kleinen Wünsche meines Kindes als die möglichen Strategien, die sie verkörpern, zu erkennen und die antreibenden unerfüllten Grundbedürfnisse dahinter zu entschlüsseln.

Denn erst dann kann ich abwägen und mit gutem Gefühl entscheiden, ob ich einem bestimmten Wunsch zu genau diesem Zeitpunkt stattgeben oder eine (aus meiner elterlichen Sicht) geeignetere Strategie anbieten sollte, mit der das Bedürfnis besser erfüllt werden könnte. In manchen Situationen stellt sich ja zusätzlich auch die Frage, wer von den Wünschen meines Kindes betroffen ist und dann gilt es, eine Strategie zu finden, welche wenn möglich zur Erfüllung der Bedürfnisse aller Beteiligten beiträgt.

Diesen Umgang versuche ich jedenfalls so gut wie möglich bei den Entscheidungsfragen des Alltags zu praktizieren. Wünsche gibt es von Seiten meines Kindes ja viiiiiiieeele…

Manchmal bin ich selber aber auch nicht so richtig in meiner Mitte und fühle mich vielleicht gerade diffus gestresst. Dann fehlen mir die Klarheit und Intuition, um eine Unterscheidung von nicht notwendigem Wunsch, Strategie und Bedürfnis zu treffen.

Es geht auch bestimmt niemals darum, es immer richtig und perfekt zu machen.

Doch was mir hilft, wenn ich von den vielen Forderungen und (Handlungs-)Wünschen meines Kleinen über-fordert bin, ist tatsächlich:

Kurz in mich gehen. Durchatmen. Einen Moment verstreichen lassen. Meine eigene Herzensanbindung wieder herstellen, bevor ich antworte.

So bekomme ich die vorher fehlende Achtsamkeit wieder für das, was gerade in diesem Moment ist.

Und mit mehr Präsenz für den Augenblick gelingt es mir einfach besser, eine gute Entscheidung zu treffen.

Häufig merke ich dann schon,  was mein Kind eigentlich wirklich braucht (und das hat erstaunlich oft nichts mit dem geäußerten Kinderwunsch zu tun!) und kann versuchen, darauf einzugehen.

Und wenn ich merke, meinem Kind geht’s gut, es hat alles, was es braucht, seine Bedürfnisse sind erfüllt – dann bekommt die Wunscherfüllung eine völlig andere Qualität.

Dann kann ich es auch so richtig genießen, es mir gemeinsam mit meinem Sohn und einer Packung Kekse auf dem Sofa gemütlich zu machen.

(Weil es eben keine Ersatzbefriedigung für ein anderes Bedürfnis und Fixierung auf das falsche Mittel darstellt, sondern einfach nur puren Genuss und Lebensfreude! Das häufig zitierte Tüpfelchen auf dem i .)

Und wie haltet ihr das mit der Frage nach Wunsch oder Bedürfnis?  Eure Erfahrungen interessieren mich!

Links:

Verwöhnen und Gewöhnen (B. Hannig )

Krisen und Wachstum (B. Hannig )

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