Bedürfnis-orientiert leben: wer ist denn jetzt dran?

Etwas, das alle Menschen – egal ob groß oder klein – gemeinsam haben, sind unsere angeborenen Bedürfnisse. Sie wirken ständig auf uns ein und beeinflussen unser Wohlbefinden, unsere Emotionen und unser Handeln. Doch auch wenn die Bedürfnisse bei uns allen grundsätzlich gleich angelegt sind, so treten sie doch im Alltag oft in unterschiedlicher Gewichtung und Ausprägung in Erscheinung.

Dies führt häufig zu Konflikten, da die Bedürfnisse manchmal entgegengesetzt auftreten oder auch das gleiche Grundbedürfnis bei verschiedenen Personen auf verschiedene Weise beantwortet werden möchte. So kann Entspannung für den einen bedeuten, in Ruhe ein Buch zu lesen, während der andere beim Schlagzeugspielen am besten abschalten kann.

Da also jeder Mensch seine eigenen Bedürfnisse und seine eigenen Strategien zur Erfüllung dieser mit sich herum trägt, bedarf es innerhalb einer Gruppe, insbesondere einer Familie, eine achtsame Kultur der gewaltfreien Kommunikation. Dadurch kann eine wahre Begegnung von Herz zu Herz statt finden und das Beziehungsklima fühlt sich gut und friedlich an, auch wenn gerade bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllt werden können.

Je klarer jede_*r einzelne die eigenen Bedürfnisse erspüren und seinen Angehörigen mitteilen kann, umso allumfassender und befriedigender werden die gemeinsamen Strategien ausfallen, um möglichst vielen gleichzeitig gerecht zu werden.

Wie ich letztens erläuterte, haben die Eltern idealerweise durch ihre vollzogenen Reifeprozesse ihren Kindern gegenüber eine ganze Zeit lang einen Erfahrungs- und Wissensvorsprung, was das Verständnis und den Umgang mit den Bedürfnissen (in den unterschiedlichen Altersstufen) angeht.

Die damit verbundene Vorbildfunktion und Verantwortung sollten wir ernst nehmen: Indem wir möglichst oft alle Mitglieder in ihrem aktuellen Zustand, in ihrer Individualität und mit ihren persönlichen Ressourcen wahrnehmen, um systemerhaltende Entscheidungen zum Wohle der Familie treffen zu können.

Als Erwachsene können wir die gesamte Situation überschauen, wir können die Folgen der Erfüllung oder Nicht-Erfüllung eines bestimmten Bedürfnisses einschätzen und demnach abwägen, wessen Bedarf gerade am dringendsten ist und wer vielleicht noch die Ressourcen hat zu warten und zurück zu stecken. Außerdem können wir die Folgen der Nicht-Erfüllung mittragen und die Begleitung der auftretenden (kindlichen) Gefühle übernehmen.

Sein eigenes Bedürfnis zurück zu stellen birgt ja auch gleichzeitig die Chance,  ein oder mehrere andere wichtige Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, die auch schon wirksam, aber nur in diesem Moment gerade nicht am dringendsten spürbar sind.

Zum Beispiel kann mein kleines Kind  sich nach Zugehörigkeit und Nähe und/ oder Körperkontakt sehnen und möchte deshalb auf den Arm genommen werden. Wenn ich als Mutter aber zeitgleich merke, dass ich zu lange nichts gegessen habe und dabei bin, in den Unterzucker zu rutschen, werde ich mit gutem Gewissen den Wunsch meines Kindes ablehnen.

Ich entscheide also, dass mein elterliches Bedürfnis hier Vorrang hat. Dies tue ich, damit ich in meiner Kraft bleibe und erfreulicherweise werden im selben Augenblick die Bedürfnisse des Kindes nach persönlichen Grenzen, Autoritätelterlicher Führung und einer stimmigen Hierarchie beantwortet. Wenn ich es außerdem schaffe, parallel zum Brotschmieren mit meinem Kind in herzverbundenem Kontakt zu bleiben, ihm zu signalisieren, dass ich es höre und verstehe, warum es gerade unglücklich ist und dass ich es so bald wie möglich auf den Arm nehmen werde – dann kommen auch noch das Gesehenwerden, das Geachtet- und Angenommensein und natürlich die Bindung dazu. Und da Bindung unser allerwichtigstes soziales Bedürfnis darstellt, können unglaublich viele andere unerfüllte Bedürfnisse damit ausgehalten und bewältigt werden. Dies birgt wiederum eine große Chance für Wachstum und Entwicklung.

Das Prioritätensetzen ist also, wie gesagt, lange Jahre Aufgabe der Eltern und eine Faustregel einer gesunden Familienhierarchie lautet “Erst die Großen, dann die Kleinen“.

So wie in der Rehherde erst die ältesten Tiere fressen und dann die Kitze dran sind, so ist es auch in unserer „Menschenherde“ notwendig, dass diejenigen, die die meiste Verantwortung tragen, ihre eigenen Grundbedürfnisse zuerst befriedigen.

  • Nur, wenn ich ausreichend esse und trinke, produziere ich genug Muttermilch um mein Baby satt zu kriegen.
  • Nur, wenn ich ausreichend Schlaf kriege, kann ich für die Sicherheit, den Schutz und die Unversehrtheit meines Kindes Sorge tragen.
  • Nur, wenn ich mir immer wieder Ruhe und Erholung einfordere, kann ich meinem Kind die liebevolle Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken, die es für seine Entwicklung braucht.
  • Oder etwas drastischer: Bei Druckabfall in der Kabine kümmere ich mich zuerst um meine eigene Sauerstoffmaske, dann helfe ich anderen.

Indem ich zuallererst gut für mich selber sorge, stelle ich sicher, dass ich mein Kind mit allem Notwendigen versorgen kann. Gleichzeitig erfülle ich automatisch wichtige Bedürfnisse beim Kind, wenn ich mein eigenes Wohl aus genau diesem Grunde heraus ernst nehme und ihm eine hohe Priorität zuordne.

Zum Beispiel fühlt das Kind dadurch das Wirken der haltgebenden Ordnung innerhalb der Familie, es spürt durch meine Handlungen meine Selbst-wertschätzung und Achtsamkeit im Umgang mit mir selbst und nicht zuletzt die Sicherheit und Geborgenheit, die daraus resultieren, dass ich in einem bindungsbereiten Zustand bin.

Oder wie Frau Hannig schreibt :

Wenn Eltern sich jedoch dafür einsetzen, zuerst ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen,  zum Beispiel

 

* nach einer stabilen Paarbeziehung (Bindung)

 

* nach einer liebevollen Abgrenzung (Autonomie)

 

* nach einer übersichtlichen Struktur (Orientierung)

 

* nach einer Umverteilung der Lasten (Achtsamkeit)

 

* nach einem Erst-einmal-durchatmen-wollen (Ruhe)

 

* nach einem Bei-sich-selbst-ankommen (Selbst-Anbindung)

 

dann gewinnen sie recht bald wieder ihre Kraft, Freude und Motivation zurück.

 

Dann können sie mit ihrer/m Partner_*in und mit den Kindern wieder herzverbundene Momente erleben und für klare Strukturen sorgen. Dann sind sie wieder mit sich selbst u n d mit ihrer Familie in Bindung. Das ist eine Wohltat für alle.

 

[…] Auf diese Weise werden nicht nur die Bedürfnisse der Erwachsenen erfüllt, sondern die der Kinder gleich mit. Ein wunderbarer ‚Nebeneffekt‘.

Was aber passiert mit dem Kind, wenn es dasjenige ist, welches in einer gewissen Situation von der Nicht-Erfüllung eines seiner individuellen Bedürfnisse betroffen ist?

Die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse zurück zu stellen, lernt das Kind einerseits durch mein Vorbild: wenn ich ihm vorlebe, dass ich sein Befinden ernst nehme und in dringenden Fällen auch darauf eingehe,  obwohl ich gerade etwas anderes möchte oder brauche, wird es mit der Zeit und zunehmender Reife in diese Haltung hinein wachsen und Verständnis und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen können.

Doch dies ist nur die halbe Miete. Mindestens genauso wichtig ist es aus meiner Sicht, dem Kind die Möglichkeit zu geben, dieses Zurückstellen immer wieder selbst zu tun, selbst zu erfahren und im geschützten Rahmen zu üben.  Diese Erlebnisse darf es also – von uns begleitet – bewältigen und ist dabei sicher nicht allein. Begleiten bedeutet ein Annehmen des Frustes und Anbieten von Trost und Unterstützung. Allein mein Anerkennen des Ist-Zustandes hilft meinem Kind bei der Verarbeitung und bei seinem Lernprozess.

Wenn ich ihm außerdem immer wieder aufzeige, welche Bedürfnisse ich selber habe und welche Strategien es gibt, diese zu erfüllen, hat mein Kind die Chance, ebenfalls in bewussteren Kontakt mit seinen Strategien und den dahinter liegenden Bedürfnissen zu kommen und diese später auch zu kommunizieren.

Das Kind lernt durch diese Ausrichtung der Eltern außerdem sich an seinem ihm bestimmten Platz im Familiengefüge einzufinden. Dieser ist nämlich nicht VOR allen anderen Gruppenmitgliedern. Es bekommt die Gelegenheit zu lernen, wie es mit Frust umgehen und seine starken Emotionen bewältigen kann. So gewinnt es gleichzeitig an Freiraum und Autonomie, anstatt ständig im Mittelpunkt der Bemühungen seiner Eltern zu stehen.

Ein wichtiger Ausnahmefall ist für mich allerdings die Säuglingszeit, ich würde sogar den Zeitraum großzügig bis etwa zum zweiten Geburtstag auslegen.

Im ersten Lebensjahr lebt der Mensch noch in einer Symbiose mit seiner Umwelt und ist quasi mit ihr verschmolzen. In dieser Zeit und auch noch im darauf folgenden Jahr ist die Wahrnehmung der Welt noch eine völlig andere als in all den Jahren danach.

Das Gefühl in der Welt sicher und geborgen zu sein, das Vertrauen in die Bezugspersonen sowie das Ur-Vertrauen ins Leben selbst werden genährt durch eine zeitnahe, feinfühlige Beantwortung der kindlichen Signale.

Gerade Säuglinge und sehr kleine Kinder haben noch keinerlei Kapazitäten für den Aufschub dringender Bedürfnisse und brauchen vor allem eins: Erwachsene, die ihnen diesen Sonderstatus zugestehen und die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse eine Weile lang so organisieren können,  dass sie trotz der Herausforderungen dieser besonderen Zeit bei Kräften bleiben.

Ich denke, in einer idealen sozialen Gemeinschaft wird die Verantwortung geteilt, junge Eltern bei ihrer anspruchsvollen Arbeit zu unterstützen und sie zu entlasten, wo es nur geht. Ich möchte jedenfalls glauben, dass dies möglich ist und dass jede _*r einzelne von uns dazu beitragen kann, diese Hilfe als Selbstverständlichkeit zu betrachten und diese Haltung in die Welt zu tragen.

Je kleiner das Kind noch ist, desto kleiner ist der Spielraum, den ich für meine persönlichen Bedürfnisse habe. Ich darf nur nicht den „Absprung“ verpassen und mich selber zu lange hinten anstellen. Dies würde nämlich eine dauerhafte ungesunde Verschiebung in der Hierarchie bedeuten. Damit werde ich weder mir selbst noch den sich verändernden Fähigkeiten und Entwicklungsbedürfnissen meines Kindes gerecht.

Bei mir begann dieser „Emanzipierungsprozess„, als mein Junge etwas über zwei Jahre alt war und er hat uns allen sehr gut getan. Eine gesunde Abgrenzung und Besinnung auf unser aller wahren Bedürfnisse anstelle einer ständigen Wunscherfüllung hilft mir, nicht über meine Kraftreserven hinaus zu gehen und mich für das Kind sozusagen aufzuopfern.

Und bis mein Sohn so weit heran gewachsen ist, dass er sich selbst um die Erfüllung seiner Bedürfnisse kümmern kann, sehe ich mich in der Verantwortung ihm bei der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse behilflich zu sein und bei all den vielen Lernaufgaben zur Seite zu stehen, die das Leben für ihn bereit hält.

Und was sagt ihr dazu? Wie geht ihr mit den unterschiedlichen Bedürfnissen von euch selbst und von euren Mitmenschen bzw. Familienmitgliedern um?

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