Bedürfnis-orientiert leben: Die Grundlagen

Nachdem mich die Muse nicht gerade in chronologischer Reihenfolge geküsst hat und mein letzter Beitrag zum Thema schon etwas vorgriff -indem er von der Verantwortung für die Erfüllung der Bedürfnisse handelte – werde ich mich heute erst nochmal darum bemühen, eine möglichst genaue Definitionsklärung des Bedürfnisbegriffes vorzunehmen.

Dabei möchte ich die Grundlagen der Maslow’schen Bedürfnispyramide sowie relevante Ergänzungen zu diesem Gedankenmodell veranschaulichen.

So geht es mir heute besonders um folgende Fragen:

  • Was ist ein Bedürfnis?
  • Welche Bedürfnisse gibt es ?
  • Was bedeutet in diesem Zusammenhang Bedürfnishierarchie?

Was ist ein Bedürfnis?

Auf diese Frage gibt es sicher verschiedene Antworten von den unterschiedlichsten Autoren. Ich möchte mich in all meinen Betrachtungen vor allem an zwei Personen orientieren und das sind: Abraham Maslow und Brigitte Hannig.

In ihren Ausführungen schreibt Frau Hannig davon, dass die Bedürfnisse das sind, „was uns nach Überleben, nach Lebendigkeit, nach Bindungen und nach Entwicklung streben lässt.“ und erläutert,  dass sie eine biologische Notwendigkeit darstellen. „Sie sind unser Bedarf und somit nicht verhandelbar.“

Die Bedürfnisse lassen sich als körperlich-seelisch-geistige Tatsachen bezeichnen, an deren positiven wie auch negativen Auswirkungen bei Erfüllung bzw. Nicht-Erfüllung der gesamte Organismus samt vegetativem Nervensystem, Hormonsystem sowie Gefühlsleben beteiligt ist. Eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und unseren entsprechenden Reaktionen ist übrigens auch der Grundstein für die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg.

Eine andere Vorstellung, nämlich die von A.Maslow, stammt aus der Motivationsforschung und betrachtet die Bedürfnisse als ein angeborenes, dem Menschen ureigenes Wachstumspotential, welches uns dazu antreibt, unsere höchsten Ziele – Selbstverwirklichung und Sinnfindung – zu erreichen.

Welche Bedürfnisse gibt es? 

Die wohl am weitesten verbreitete Bedürfnistheorie wurde in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vom Psychologen Abraham Maslow definiert und wird seither in allen möglichen Bereichen gelehrt und als Grundlage genutzt (Gesundheitswesen, Psychologie, Politik, Wirtschaft u.a.).

Mir persönlich war Maslow’s Werk bereits in der Heilpraktikerschule und später nochmal im Krankenpflegeteil der Hebammenausbildung begegnet, aber irgendwie habe ich ihm in seiner Komplexität lange Zeit nicht genug Bedeutung beigemessen.

Über die Jahre wurde die ursprüngliche Theorie von anderen Menschen überarbeitet, ergänzt und verfeinert.

In der klassischen Bedürfnispyramide werden sechs sogenannte Stufen an Bedürfniskomplexen unterschieden (in einer neueren Fassung kam darüber hinaus noch als oberste Entwicklungsstufe das Streben nach Transzendenz hinzu).

Maslow beschreibt große funktionale Unterschiede zwischen den verschiedenen Ebenen. Je niedriger die Ebene ist, umso wichtiger sind die Bedürfnisse für das eigentliche Überleben. Deshalb unterscheidet Maslow grundsätzlich noch einmal zwischen (niedrigeren) Defizitbedürfnissen und (höheren) Wachstumsbedürfnissen.

Die Defizitbedürfnisse müssen unbedingt erfüllt sein, damit ein Mensch zufrieden sein kann. Ihre Erfüllung führt zu keiner weiteren Nachfrage: Wer ausreichend gegessen oder getrunken hat, verlangt nicht nach mehr Essen oder Trinken. Wer ein geschütztes Zuhause hat, braucht kein zweites oder drittes Zuhause, um sich sicher zu fühlen.

Durch die Beantwortung der Wachstumsbedürfnisse hingegen erlangt der Mensch neben Zufriedenheit letztendlich auch sein wahres Glück. Im Gegensatz zu den Defizitbedüfnissen sind Wachstumsbedürfnisse nicht quantitativ begrenzt, das heißt, eine endgültige Erfüllung dieser Bedürfnisse kann es niemals geben.
Die Wachstumsbedürfnisse, wie z.B. das Streben nach Selbstverwirklichung und Erkenntnis, werden überhaupt erst dann in den Vordergrund treten, wenn die vorgeschalteten Defizitbedürfnisse ausreichend erfüllt sind. Durch sie erfolgt schließlich die Verstärkung der eigenen individuellen Persönlichkeit.

In den Texten Hannigs wird die Aufzählung Maslow’s um das Bindungsbedürfnis ergänzt, welches von ihr als allgegenwärtig angesehen wird und in jeder einzelnen Stufe der Pyramide eine neue Qualität annimmt.

Das Bedürfnis nach Bindung und die Wirkung seiner Erfüllung ist so umfassend, dass Bindung als das Elixier des Lebens bezeichnet werden kann. Bindung ist alles in einem.

Außerdem hat Frau Hannig mit ihrer Arbeit den Besonderheiten bei der Bedürfnisbefriedigung im Kindesalter deutlich mehr Raum gegeben. Anhand der drei von ihr geprägten Begriffe BindungsbedürfnisErziehungsbedürfnis und Entwicklungsbedürfnis veranschaulicht sie, was Kinder im Rahmen eines ausgewogenen Familienlebens brauchen.

Hier seht ihr alle Bedürfnisse (von unten nach oben zu lesen) einmal im Überblick.

1. Physiologische Bedürfnisse

Luft, Unversehrtheit, Wärme, Wasser, Schlaf, Licht, Nahrung, Bewegung, Berührung, Körperkontakt, Pflege, Überlebensbindungen

2. Sicherheitsbedürfnisse

Schutz, Grenzen, Stabilität, Ordnung, Regeln, Rhythmus, Familienstruktur, Hierarchien, Autorität, elterliche Führung, Religion, Autonomie, Ruhe,  Sicherheitsbindungen

3. Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Liebe

Zugehörigkeit zur Familie, Sippe, Gruppe, Gemeinschaft, Willkommensein, Gesehenwerden, Zuneigung, Liebesbindungen

4. Achtungsbedürfnis

Durch sich selbst: Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit, Stärke, Kompetenz, Erfolg, Fähigkeit, Würde, Selbstbestimmung

Durch andere: Status, Anerkennung, Wertschätzung, Bedeutung,  Sozialbindungen

5. Bedürfnis nach Selbstverwirklichung

Sein, was man sein kann /muss
Tun, was getan werden muss
Sich selbst treu bleiben, Wachstum, Entwicklung, Autonomie, freie Entscheidungen treffen, Selbst-Anbindung 

6. Bedürfnis nach Sinnfindung und Erkenntnis

Suche nach dem Sinn des Lebens,
Erkennen der höheren Zusammenhänge, Spiritualität, Geistige Bindung 

Diese Aufzählung ist wahrscheinlich nicht komplett vollständig. Ich denke aber, sie gibt einem schon mal einen recht guten Eindruck davon, welch große Bandbreite angeborener Bedürfnisse in unserem Leben und in der Begleitung unserer Kinder eine Rolle spielt und Beachtung finden muss.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang Bedürfnishierarchie?

Der Name Hierarchie deutet schon an, dass die Bedürfnisse nicht willkürlich und chaotisch, sondern nach einer ganz bestimmten Rangordnung oder auch Reihenfolge gestaffelt auftreten. Erst wenn das vorgeschaltete Bedürfnis ausreichend erfüllt ist, wird dem Menschen das nächsthöhere Bedürfnis überhaupt bewusst. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Mensch, der Hunger leidet oder sich um seine körperliche Unversehrtheit sorgen muss, kein Bewusstsein dafür aufbringen kann, ob er nun geliebt und wertgeschätzt wird oder wie er seine Selbstverwirklichung voranbringen kann.

Oder anders ausgedrückt: So lange ein Bedürfnis noch nicht in ausreichendem Maße befriedigt ist, motiviert und beeinflusst es unser Handeln. Mit zunehmender Befriedigung eines Bedürfnisses nimmt dessen Kraft ab und das nächste Bedürfnis tritt an seine Stelle.

Ein häufiges Missverständnis in Bezug auf die hierarchische Abfolge ist allerdings die Annahme, eine Bedürfnisstufe müsste zu 100 % befriedigt werden, bevor die nächste Kategorie von Bedürfnissen spürbar werde. Anscheinend reicht jedoch schon ein Erfüllungsgrad von ca. 70 % aus, um das nächsthöhere Bedürfnis in den Vordergrund treten zu lassen.

Quelle: Wikipedia

Auch wirken die einzelnen Bedürfnisse regelmäßig nebeneinander oder wechseln sich in kürzester Zeit miteinander ab, wie Frau Hannig so anschaulich beschreibt:

Ein Kind, das gerade im Spiel versunken ist, erlebt in diesem Moment die Erfüllung seines Bedürfnisses nach Autonomie und ist zufrieden. Dann bekommt es Hunger und wird unzufrieden. Kaum ist es wieder gesättigt, tritt eventuell ein anderes Bedürfnis – zum Beispiel das nach Zugehörigkeit – auf und es sucht die Nähe der Eltern oder Spielkameraden. Weiß es in diesem Kontakt jedoch gerade die Grenzen nicht zu wahren, zeigt es damit zum Beispiel sein drängenderes Bedürfnis nach Halt und Sicherheit. Dann müssten die Eltern ihm zuerst das Bedürfnis nach elterlicher Führung erfüllen – hier durch die erzieherische Korrektur seines Verhaltens- bevor sie unmittelbar darauf wieder auf sein Nähebedürfnis eingehen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mir das Grundlagenwissen um die vielen unterschiedlichen Bedürfnisse ein völlig neues Verständnis für meine eigenen Gefühle sowie für den Umgang mit meinen Mitmenschen -nicht zuletzt meinem Sohn – eröffnet hat.

Gerade beim Leben in Gemeinschaft mit vielen verschiedenen Menschen sind mir der bewusste Umgang mit meinen Bedürfnissen und die gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg zwei enorm wichtige Grundpfeiler, an denen ich noch weiter arbeiten und stetig dazu lernen möchte.

Ich freue mich sehr darauf, über all die weiteren Aspekte rund um mein großes Herzensthema, das bedürfnisorientierte Zusammenleben, zu schreiben!

Doch was kommt euch in den Sinn? Setzt ihr euch in eurer Familie mit der Bedürfnishierarchie auseinander? Wie transportiert ihr dieses wertvolle Wissen in euren Alltag?

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