Kindern Orientierung schenken: Grenzen

Stell dir vor, du fährst nachts im Dunkeln über eine hohe Brücke. Hat diese Brücke kein Geländer, wirst du langsam und vorsichtig darüber fahren. Wenn du aber die Leitplanken auf beiden Seiten sehen kannst, wirst du ganz entspannt und mit Leichtigkeit fester auf’s Gas drücken.

Genau so geht es unseren Kindern in Bezug auf spürbare Grenzen: sie sind ein unersetzbarer Faktor für ihre freie, ungehemmte Entwicklung.

Bereits direkt nach der Geburt können wir unserem Neugeborenen anmerken, dass es durch die unbekannte Grenzen-losigkeit seines Körpers verunsichert und verängstigt wird. Hilflos rudert es mit seinen Ärmchen auf der Suche nach Be-grenzung und Schutz.
So, wie wir das Baby dann ganz selbstverständlich fest in wärmende Tücher einschlagen, seinen zappelnden Gliedmaßen Be-grenzung geben und ihm damit signalisieren „Hier findest du Halt!“, sollten wir schon wenige Monate später mit dem heran wachsenden Kind umgehen und ihm jederzeit einen Rahmen bieten, in dem es sich geborgen und sicher fühlen kann.

Das sehr kleine Kind erfährt das Gefühl von Sicherheit vorwiegend über seinen Körper und profitiert im Laufe seiner Mobilitätsentwicklung von überschaubaren räumlichen Grenzen – zum Beispiel mit Hilfe eines eigenen Spielbereiches, in dem es sich uneingeschränkt bewegen und auf Entdeckungstour gehen kann.

Mit zunehmendem Alter sucht es darüber hinaus auch immer mehr Orientierung im persönlichen, im zwischenmenschlichen Bereich mit seinen Bindungspersonen. Es muss sich vergewissern, dass es von ihnen in sicheren Händen gehalten und geführt wird, nur so kann es seine Energie zur vollen Entfaltung seines Potentiales nutzen, anstatt ständig Ausschau nach der für ihn geltenden Grenze, und damit dem für ihn „sicheren“ Bereich, zu halten. (Wie in der Analogie zu Anfang.)

Beim Thema Grenzen-setzen nehme ich bei vielen Eltern in meinem persönlichen Umfeld allerdings große Verunsicherung und Zurückhaltung wahr: Mir scheint, Empathie für die Gefühle unserer Kinder zu haben und ihnen unsere bedingungslose Liebe zu schenken, scheint den Eltern meiner Generation müheloser zu gelingen, als notwendige Grenzen zu setzen und zu wahren.

Schnell passiert es, dass wir uns so darauf konzentrieren, unserem Kind Liebe, Vertrauen und Freiheit zu schenken, sein Autonomiestreben zu unterstützen ebenso wie seine Selbständigkeit, dass wir sein vorgeschaltetes, das heißt noch essenzielleres Grundbedürfnis nach Sicherheit durch Be-grenzung übersehen.

Zu viel Freiheit, die durch die Abwesenheit von Grenzen und Regeln entsteht, macht Kinder nicht frei. Es vermittelt ihnen – im Gegenteil – eher das Gefühl, dass etwas wichtiges in ihrem Dasein fehlt. Eigentlich nicht erstaunlich, wenn sie daraufhin mit den unterschiedlichsten Formen von Grenzen-Testen reagieren, bis wir die Führung wieder übernehmen, oder? (Ich glaube Grenzen-Testen ist beizeiten noch mal einen eigenen Artikel wert.)

Für mich steht jedenfalls fest: Um echte Freiheit und Zufriedenheit zu erfahren, brauchen Kinder stets die liebevolle, aber klare Anleitung durch ihre Alphatiere, die ihnen die geltenden Regeln begreiflich machen und zeigen, wo die Grenzen zu finden sind, innerhalb derer sie sich sicher und sorglos entfalten können.

Einige Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung, wo Kinder die Grenzen so lange ausloten müssen, bis sie Gewissheit darüber haben, dass die Grenzen spürbar und verlässlich gesetzt werden:

Räumliche Grenzen
z.B. Wo darf ich mich frei bewegen und wo nicht? Welche Orte und Gegenstände sind sicher, welche sind tabu?

Körperliche Grenzen
z.B. Welche Art von Kontakt ist in Ordnung? Was darf ich im Kontakt mit meinen Mitmenschen tun / nicht tun? Was kann jemand anderen verletzen?

Zwischenmenschliche Grenzen
z.B. Wo ist deine persönliche Grenze? Was hälst du aus? Und ist diese Grenze immer gleich?

oder auch in Ihrem Interagieren und Verhalten
z.B. Austesten der vorherrschenden Regeln des Zusammenlebens / Erprobung der Standfestigkeit der Bezugsperson(en)

Empfinde ich die Erfüllung dieses Aspektes des Sicherheitsbedürfnisses als harte Arbeit? Oh ja, allerdings! Sie verlangt mir ein hohes Maß an Durchhaltevermögen ab, oftmals entgegen der eigenen Schwerkraft (Trägheit) und eine ordentliche Portion Achtsamkeit: um eine gesunde Balance zwischen ausreichendem Haltgeben einerseits und genügend Freiraumlassen andererseits zu finden. Und um die Grenzen, die ich stecke, an dem sich ständig verändernden Entwicklungsstand meines Kindes neu auszurichten, sie wachsen ja quasi mit. Genau, wie sich meine Gebärmutter mit jedem neuen Schwangerschaftsmonat gedehnt und gestreckt hat, um meinem wachsenden Kindlein mehr Platz und weiterhin Halt zugleich zu geben, versuche auch ich, ganz organisch sozusagen, den Raum innerhalb des sicheren Rahmens für mein Kind zu erweitern, ohne es schutzlos der Welt auszuliefern.

Schließlich habe ich mich ja aus tiefer Überzeugung für den bedürfnis-orientierten Weg für mein Kind und mich entschieden und da kann ich ja schlecht kneifen, wenn es um die Bedürfnisse geht, deren Beantwortung mit mehr Arbeit und Anstrengung verbunden ist, nicht wahr?

Darum schließe ich heute mit einem Ausschnitt von der Kinderwerkstatt Neuhausen, der mich inspiriert und mir die positive Bedeutung von Grenzen noch einmal ins Gedächtnis ruft und mich motiviert, mein Bestes als Mutter zu geben:

Kinder haben das Bedürfnis nach Ordnung und Struktur, nach sich daraus ergebender Ruhe – nach Regeln und Grenzen – und somit nach einer Freiheit, in der Kreativität erst entstehen kann.
[…] Grenzen sollen nicht der eigenen Bequemlichkeit dienen und Verbote darstellen, die dazu führen, das Kind einzuengen, sondern sie sollen vielmehr Sicherheit, Stabilität und Verlässlichkeit bieten, die das Kind herausfordern. Somit sollen sie vor allem ihrer Orientierung dienen. Ohne geeignete Grenzen können Menschen nicht zusammenleben und –arbeiten. „Freiheit so viel wie möglich, Grenzen so viel wie nötig“, wie es Maria Montessori formulierte. Das bedeutet, Kinder brauchen sie und haben das Bedürfnis nach Grenzen, innerhalb derer sie sich ausprobieren und (frei) sein können.

Links:

Familienhandbuch: Grenzen
Kinderwerkstatt Neuhausen: Grenzen und Freiheit

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