Wenn ich eines gelernt habe in meinen drei zurück liegenden Mutterjahren, dann das: Als Eltern muss man sich ständig verändern und anpassen, um bei der Entwicklung des Kindes Schritt zu halten. Bedürfnisse verändern sich unablässig, die eigenen Abläufe müssen immer wieder nachjustiert werden, um allen Mitgliedern der Familie gerecht zu werden.

Nach der Befriedigung der essentiellen, animalischen Grundbedürfnisse z.B. nach Luft, Wärme, Nahrung, Unversehrtheit und so weiter, bildet die Beantwortung des Bedürfnisses nach Sicherheit die wohl größte Herausforderung in meinem Leben als Mutter.
Die nachgeordneten Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Liebe, Würde, Gesehenwerden und dergleichen zu befriedigen, fällt mir eigentlich nicht schwer. Wahrscheinlich weil ich all das in hohem Maß in meinem eigenen Elternhaus erfahren durfte. Hier ist es -wie vermutlich in vielen Familien in meinem Umfeld- eher ein Zuviel des Guten, eine übermäßige Fokussierung auf die kindlichen Befindlichkeiten, die die Entwicklung des Kindes erschweren können.
Aber das Sicherheitsbedürfnis des (in der modernen Welt aufwachsenden) Kindes zu erfüllen, kostet viel Zeit, Energie, Kraft, Selbstreflexion u.v.m.

Ein wichtiger Baustein, um meinem Kind diese Sicherheit zu bieten, ist die Hierarchie, die innerhalb der Familie klar geregelt sein sollte. Den Überblick zu behalten und somit gruppenverträgliche Entscheidungen zu treffen, liegt in der Verantwortung der ältesten, erfahrensten Mitgliedern unseres kleinen Mikrokosmos: den Eltern. Wir sind es, die die Regeln innerhalb der Familie festlegen und für deren Einhaltung verantwortlich sind. Der Stoff aus dem diese Regeln sind, besteht hauptsächlich aus den Bedürfnissen der Familienmitglieder und aus Anforderungen, die das Leben in unserer Gesellschaft mit sich bringt. Die von mir gewählten Mittel, um die Einhaltung der Regeln zu erreichen, heißen In-Beziehung-gehen und In-Bindung-bleiben und nicht zu vergessen: konsequentes Handeln meinerseits.
Doch niemals dürfen Regeln, dürfen Strukturen so starr werden, dass die Luft zum atmen fehlt. Natürlich werden persönliche Befindlichkeiten, die Tagesform oder auch mal individuelle Wünsche berücksichtigt und eingeflochten in unser tägliches Miteinander.

Dies ist so, weil wir eine tragfähige Sozialgemeinschaft mit unserem Kind bilden möchten, in dem unser Kind bedürfnisorientiert aufwachsen und von früh auf seinen (kindgerechten) Beitrag zur Stabilisierung des Gemeinschaftsgefüges leisten kann.
Ich wünsche mir für mein Kind, dass es in dem geschützten Rahmen, den wir ihm als Familie bieten, all die Fähigkeiten erlernt und ausbildet, die es später einmal braucht, um für sich selbst und auch andere Verantwortung zu übernehmen.

Soweit ich es verstehe, kann dies aber nur dann geschehen, wenn das Kind seinen angestammten Platz in der Familie beanspruchen darf. Und dieser ist ganz sicher nicht im Mittelpunkt des Geschehens zu finden, nicht vor den Eltern, sondern in der (geschützten) zweiten Reihe. Dort ist es deutlich ruhiger und beschaulicher, man kann schließlich den „Großen“ zuschauen und vertrauen darin haben, dass sie den Überblick tatsächlich behalten. Auch die Last zu vieler (eigener) Entscheidungen verursachen Stress und Überforderung anstelle von Sicherheit und Geborgenheit.

Brigitte Hannig führt in ihren Impulsen für Erziehende hierzu folgendes aus:

„Das Kind erwartet – in seinen Erbsubstanzen mit Jahrtausende altem und intuitiven Wissen über diese Gesetzmäßigkeiten ausgerüstet – eine Erfüllung seiner Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Führung durch die Eltern.
Nun muss es erleben, wie schon in seiner frühesten Lebenszeit dieser Schutz bröckelt, wie es vom ersten Tag an auf Führung und Orientierung verzichten und statt dessen selber sagen muss, was es denn möchte. Dies ist vollkommen gegen die Natur des Kindes, und es muss einen hohen Preis für diese von ihm noch nicht gewollte „Freiheit“ zahlen.
Die Schlafstörung ist neben der steigenden Unzufriedenheit, der verstärkten Unruhe, den „unerklärlichen“ Schrei- und Wutattacken, der Spiel- und Essunlust und der weit verbreiteten frühkindlichen Aggressivität nur eine der Auswirkungen.
Dieser Mangel an Sicherheit, der durch den Verlust der elterlichen Führung entsteht, löst in dem Kind eine Orientierungslosigkeit aus, die sein Urvertrauen verletzt und damit die Beziehung zwischen Eltern und Kind erheblich belastet.“

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Und weiter findet sich folgender Absatz zur Erläuterung der natürlichen Ordnung innerhalb der Familie:

„Hierarchien entspringen den natürlichen Gegebenheiten, nach denen soziale Systeme geordnet sind.
Jedes soziale System hat einen Anführer. Seine Aufgabe ist es, für das Wohl der Gruppe zu sorgen und gute – sprich systemerhaltende – Entscheidungen zu treffen. In der Alphaposition finden sich die Menschen, die die größte Verantwortung tragen. Je reifer der Alphamensch ist, umso fürsorglicher sorgt er für seine Familie.
Es liegt also ‚in der Natur der Sache‘, dass Familien, Gruppen – genau wie Rudel oder Herden – geleitet werden. Die Leitperson– das Alphatier– organisiert, sorgt für Ordnung und hat bei allen Entscheidungen das Wohlergehen der Mitglieder im Blick. Kinder, die in einer solch sicher geführten Familie aufwachsen, erleben ein hohes Maß an Orientierung und Geborgenheit. Innerhalb der geregelten Grenzen entwickeln sie sich zu Größe, Freiheit, Kreativität und Verantwortlichkeit.“

Das morgendliche Aufstehen ist ein gutes Beispiel bei uns, wie ich jüngst meine Macht als Alphatier in fürsorglicher Form benutzte, um einen harmonischen Ablauf am Morgen zu gewährleisten, ohne mein Erziehungsziel aus den Augen zu verlieren.

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit konnte mein Kleiner es nach dem ersten Blinzeln kaum erwarten aus dem Bett zu kommen. Nochmal einkuscheln und länger lieben bleiben ? Viel zu langweilig! Dafür konnte ich ihn damals ziemlich reibungslos ins Bad lotsen und ihn als erstes fertig machen mit Zähne putzen, umziehen und dem ganzen Drum und Dran. Das war für mich recht bequem und ich konnte mich dann in Ruhe meiner eigenen Morgenhygiene widmen.

Seit ein paar Wochen gestaltet sich der Morgen völlig anders! G möchte am liebsten stundenlang im Bett liegen bleiben und kuscheln, kitzeln, am besten noch ein Buch vorgelesen kriegen oder im Deckenmeer spielen.
Wenn ich dann irgendwann das Signal gebe, dass jetzt wirklich Zeit zum Aufstehen ist, kommt er zwar mehr oder weniger gerne mit ins Badezimmer. Aber fertig machen möchte er sich dann noch lange nicht. Statt dessen startet er erstmal frühmorgendliche Experimente am Waschbecken oder mit dem Fön (natürlich nicht zusammen!) oder mit dem Lieblingsspielzeug vom gestrigen Tag, während ich mich dann erstmal selber frisch mache und anziehe.

Erst danach ist er bereit, beim Anziehen zu kooperieren und benimmt sich fröhlich, ausgelassen und ungestüm. Manchmal ein Wunder, dass die Füße am Ende wirklich in der Hose und die Zahnbürste im Mund landen, aber das tun sie am Ende irgendwie doch immer.

Anhand dieser Situation (beispielhaft für viele andere in unserem Zusammenleben) kann man gut erkennen, wie ich mein Verständnis von elterlicher Führung und Erziehung in unseren Alltag integriere, zum bestmöglichen Ergebnis für alle Beteiligten.
Oberflächlich betrachtet könnte man vielleicht meinen, ich hätte die Führung (und somit die Verantwortung) über den Verlauf der Morgenroutine dem Kind überlassen, da ich unsere gewohnten Abläufe nicht aufrecht erhalten konnte und seinem „Nein“ nachgab, obwohl ich ihn lieber angezogen hätte.

Das stimmt aber ganz und gar nicht.

Mein (Erziehungs-)ziel ist nämlich an dieser Stelle, dass G sich nach dem Aufstehen umzieht (es ist sonst zu kühl in der Wohnung, vor allem an den Füßen) und dass wir alle um 7:30 Uhr bereit sind das Haus zu verlassen. Tendentiell möchte ich Stress und Konflikte am frühen Morgen eigentlich vermeiden (mein Bedürfnis nach einem harmonischen Start in den Tag) und dieses Bedürfnis übersteigt meinen Wunsch nach mehr Ruhe beim Duschen.
Ich habe G also einige Tage lang beobachtet und bemerkt, dass er im Gegensatz zu früher einen deutlich gesteigerten Drang zum Spielen und Entdecken nach dem Aufstehen entwickelt hat, ebenso wie das Bedürfnis nach mehr Selbstbestimmung über den Zeitpunkt und Ablauf des Anziehens.

Diese berechtigten kindlichen Bedürfnisse berücksichtige ich, wenn ich die Reihenfolge der Abläufe verändere. Das Ergebnis spricht für sich: G fühlt sich ernst genommen und gesehen, darf die Pflicht des Fertigmachens so lange hinaus zögern, bis ich selbst fertig bin und lässt sich dann mit geringem Aufwand dazu bewegen, mit mir zu kooperieren.

An Tagen, an denen wir etwas länger geschlafen oder das Kuscheln im Bett ausgedehnt haben, klappt es dann häufig auch ihn zu einer rascheren Zusammenarbeit zu bewegen. Und wenn nicht, wäge ich ab, ob ich den Zeitverlust hinnehmen kann / will, oder ob ich doch dran bleibe, weil das rechtzeitige Loskommen es an diesem Tag für mich rechtfertigt, dass G sein Bedürfnis nach Selbstbestimmung einmal hinten anstellen muss. Zum Wohle der Gemeinschaft, der Stabilität unseres Familiengefüges. Denn auch das ist -wie ich finde- eine wichtige Eigenschaft, die ich mein Kind im geschützen Rahmen erproben und üben lassen will.

Das ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung, ja geradezu notwendig. Und wenn es in respektvollem Umgang geschieht und das Kind Verständnis und Trost für seine Frustration erhält, seine Gefühle, sein Protest als berechtigt gesehen werden, empfinde ich das in aller Regel auch als eine „gute“ Interaktion, selbst wenn es Tränen und Wutbekundungen gibt.
Es hat mich längere Zeit beschäftigt, ob es richtig ist, mich über sein „Nein“ in diesem Augenblick hinweg zu setzen. Inzwischen habe ich für mich die Sicherheit und Klarheit gefunden, dass es in Ordnung ist, weil es dem großen Ganzen dient (hier: pünktlich aus dem Haus kommen = entspanntes Abgeben im Kinderladen = ausreichend Zeit für mich am Vormittag für Erledigungen = eigene Erholungsphasen eingefordert = entspannte Mutter am Nachmittag = sicherer Hafen für mein Kind ) und mein Kind anstelle von einer prompten Wunscherfüllung etwas viel Wertvolleres von mir bekommt: Klare, liebevolle Führung.

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Die Verantwortung dafür, dass mein Kind den Anforderungen unserer Sozialgemeinschaft Familie gerecht wird, liegt aber immer, immer, immer einzig und allein bei mir – niemals beim Kind selbst.
Denn das Kind handelt entwicklungsbedingt wie? Genau: rein egoistisch und nach dem Lustprinzip. Es ist noch nicht in der Lage, sich in andere hinein zu versetzen, geschweige denn langfristige Folgen seines Handelns zu ermessen oder sich für etwas zu entscheiden, dass dem Wohle der Gemeinschaft dient. Dies kann es nur über viele Jahre hinweg erlernen und sich aneignen, vorausgesetzt ich vermittle diese Werte durch meine Taten, Worte und vor allem innere Haltung.

Ich bin die Erziehende, die führende Person. Meine Verantwortung ist es, dem Kind durch mein konsequentes Tun spür-bar zu machen, was ich jetzt gerade von ihm will.
Ich merke, wie viel leichter mir die Erziehung fällt, wenn ich die angeborenen Lerngesetze des Menschen beachte und nicht gegen diese ankämpfe.
Im Falle unseres dreijährigen Kindes bedeutet dies, dass ich nicht erwarten kann, dass das Kind auf meine verbale Aufforderung Folge leistet. (Auch wenn das mit steigendem Alter immer besser klappt, was ich wiederum auf die erfolgreichen Lernprozesse des vergangenen Jahres zurück führe.) Meinen Worten und meiner Absicht müssen auch unmittelbar Taten folgen, das Kind muss spüren und erleben, was ich von ihm will, andernfalls verpuffen meine Bemühungen, ihn zur Koorperation zu bewegen, im Bereich der verbalen Inkonsequenz.

„In den ersten Lebensjahren […] lernt das Kind ausschließlich durch Fühlen, durch Spüren, durch Empfindungen, die es mit seinen Sinnen über den Körper aufnimmt. […] Kognitive Erklärungen zu dem Geschehen würden das Kind in diesen kostbaren Aufnahme- und Lernprozessen nur stören. […] Diese entwicklungspsychologische Tatsache ist die Grundlage für die sogenannte „nonverbale Konsequenz“ im ersten Jahrsiebt. “ (B. Hannig: Handeln statt Reden – Die nonverbale Konsequenz)

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Ich nehme an, das Thema Sicherheitsbedürfnis wird mich auch weiter noch stark beschäftigen. In unserer Kultur fehlen mir leider eigene Erfahrungen und Vorbilder, was diesen speziellen und zugleich so essentiellen Bereich der Elternschaft anbetrifft. Doch eine innere Stimme sagt mir ganz laut und deutlich, dass das jahrtausendealte Wissen unserer Ahnen nicht einfach über Bord geworfen werden darf.

Ich sehe, dass viele Eltern mit diesem Thema ringen, um ihre eigenen Werte in Bezug auf Erziehung und das richtige Maß und die richtige Form der Führung zu (er)finden.
Es scheint, als wenn die leidvollen Kollektiverfahrungen einiger weniger Generationen ausgereicht haben, alles Sinnvolle an Erfahrungswissen darüber wegzuschmelzen, was tausende von Jahren gut funktioniert zu haben scheint und worauf wir Menschen doch so offensichtlich auch heute noch von Geburt an genetisch gepolt sind. Ein Verlust an Sicherheit für die Kinder ist die unmittelbare Folge und der Trend setzt sich wohl auch noch weiter fort.

Meine Motivation ist jedenfalls hoch, dieses althergebrachte, wertvolle Wissen mit den neuesten Erkenntnissen aus Psychologie und Bindungsforschung zu verbinden und so zu einem zeitgemäßen, fürsorglich-liebevollen und zugleich Halt gebenden Erziehungsstil zu finden, der uns als Eltern ebenso gerecht wird wie unseren Kindern. Kurz: eine bedürfnisorientierte Lebensweise für alle Beteiligten.

Links:

Führen und Folgen ( B. Hannig)

Hören und Gehorchen (B.Hannig)

Unruhige Babys – schlaflose Nächte (B.Hannig)

Grenzen und Freiheit (Kinderwerkstatt Neuhausen)

2 Thoughts on “Das Bedürfnis nach Hierarchie

  1. Angela Indermaur on 21. Dezember 2016 at 7:52 said:

    Hallo,
    Ich lese hier ab und zu mit viel Interesse mit.
    Kennst du Prof. Dr. Gordon Neufeld? Was du hier beschreibst passt perfekt zu dem was er an seinem Neufeld Institut lehrt! http://www.neufeldinstitute.de
    Viel Spass beim stöbern!
    Angelina

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