Erfahrungsbericht elterliche Führung

Wie Ihr ja wisst, habe ich fast den gesamten Juli ohne Fremdbetreuung für meinen Lütten zugebracht. Wenn man sich so wie ich an vier kinderfreie Stunden täglich gewöhnt hat, ist es gar nicht so einfach, plötzlich wieder auf 24/7 – Mutter umzuschalten. Ich habe eine anschauliche Lektion erhalten, was passiert, wenn ich die elterliche Führung auch nur für wenige Tage schleifen lasse und ohne feste Tagesstrukturen für mich und meinen Sohn unterwegs bin.

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Die Entscheidung, unseren Sohn für einige Zeit zuhause zu behalten, ist uns nicht leicht gefallen. Und ehrlich gesagt, war ich erstmal etwas überfordert und ziemlich planlos, was ich mit der neu dazu gewonnenen Mutter-Kind-Zeit nun eigentlich anfangen sollte.
Dementsprechend machte ich einfach mal überhaupt keine Pläne und versuchte mit G gemeinsam in den Tag hinein zu leben. Ein bißchen Urlaub zu zweit, ohne feste Termine und mit einer Haltung voll Akzeptanz dafür, dass ich in den nächsten Wochen wohl kaum etwas schaffen würde, was über Haushalt und Kochen hinaus gehen würde.

Ich wollte meinem Kind eine Erholungspause schenken, ihm meine volle Aufmerksamkeit widmen und erstmal nur unternehmen, was spontan zu unserer Stimmung und Tagesform passte. Ich kann Euch jetzt schon verraten: Dieses Vorgehen ist ja sowas von in die Hose gegangen, wie schon lange nichts mehr.

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Es dauerte keine 3 Tage und G war ein völlig unselbständiges Quengelkind. Alleine spielen? Fehlanzeige! Mich 10 Minuten in Ruhe einen Tee trinken / Gemüse schneiden / auf Toilette gehen lassen (!!) ? Fehlanzeige! Schon die kleinste Reduzierung meines Aufmerksamkeitspegels führte zu gefühlt ewig langen Unglücks-Szenen. Jedes Anziehen und aus dem Haus kommen, war eine einzige Katastrophe.

Nach einer Woche war ich sogar so weit, dass ich – nach einem anstrengenden gemeinsamen Back-Erlebnis und am Ende meiner nervlichen Kräfte – mein Kind zum ersten Mal „bestrafte“, indem ich die gemeinsam gebackenen Kekse nicht zum Nachtisch servierte, sondern erst für den nächsten Tag freigab. Ich fühlte mich furchtbar elend. Ich hatte versagt. Irgendwie sollte es doch eine so schöne Zeit mit uns werden und nun das?

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Ein wenig graute mir da schon vor den kommenden zwei Wochen ohne Entlastung durch den Kinderladen. Aber ich wollte mich auch nicht damit abfinden, dass unsere Beziehung jetzt einfach derartig stressig weiter laufen sollte.
Also änderte ich den Kurs und stellte einen klaren Tagesplan auf. Dieser beinhaltete so banale Sachen, wie sich nach dem Aufstehen den Schlafanzug aus- und die Tageswäsche anzuziehen. Außerdem gab ich wieder ganz klar vor, dass wir nach dem Frühstück und nach der Mittagsruhe (der Mittagsschlaf fiel mittlerweile meistens aus) zügig die Wohnung verließen. Es gab kein Überlegen, kein Zaudern meinerseits, ich hatte meine innere Klarheit wieder gefunden und konnte diese in liebevoller Führung auf mein Kind übertragen.

Bereits der erste Tag mit dieser neuen (alten) inneren Haltung war ein voller Erfolg, wenn man so will. Wir hatten keinerlei Machtkämpfe und jede Frustration und jedes Unglück auf Seiten meines Kindes waren schneller und vor allem nachhaltiger wieder vorbei, als in all den Tagen zuvor.

Es gibt Momente, da fühle ich mich überwältigt und überfordert von der Aufgabe, die Bedürfnisse meines Kindes bestmöglich zu erfüllen. Aber gerade wenn ich in einer Situation stecke, die mich an meine eigenen Belastungsgrenzen bringt und mich zwingt auf meine eigenen Emotionen zu schauen, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für die Impulse von Brigitte Hannig rund um eine bindungsorientierte Erziehung.

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Ich schöpfe Kraft aus der Vorstellung, dass ich meinem Kind vornehmlich Gutes tue, wenn ich einen Großteil der Entscheidungen des Alltags von ihm fernhalte. Ich vertraue darauf, dass es im Rahmen der von mir gesteckten Grenzen und Regeln die Sicherheit und Geborgenheit findet, die es für seine Entwicklung und die Entfaltung seines Potentials benötigt.
Es fühlt sich gut an, mit offenem Herzen seine Frustration und seinen Ärger zu begleiten, wenn seine Wünsche gerade nicht erfüllt werden- weiß ich doch, dass ich statt dessen im selben Augenblick eine Reihe wichtiger Grundbedürfnisse befriedige und ihn auf die Welt in all ihren (emotionalen) Facetten vorbereite.

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