Kinderstolz

„It bin herrlit“ sagt mein Kind, als es oben auf dem Klettergerüst ankommt. Zuerst verstehe ich ihn nicht, erst beim zweiten Mal fällt der Groschen: „Ich bin herrlich“ hat er gesagt.

Das Wort benutzt er zum ersten Mal. Er kennt meinen Ausdruck, wenn ich das Wetter oder den Tag oder den Ort, an dem wir uns befinden, „herrlich“ finde. Und nun wendet er das Wort selbst an – für sich.
Er ist hoch zufrieden mit sich und der Welt. Eben kam ihm das hohe Klettergerüst noch unerklimmbar vor. Mit ein wenig Zuspruch und minimaler körperlicher Hilfe von mir hat er es bereits einmal geschafft. Und nun ging es tatsächlich ganz allein. Ein guter Grund, sich selbst herrlich zu finden, oder nicht?

Ich bin eine Mutter, die durchaus gerne lobt. Gerade im montessorischen Gedankenkosmos gibt es aber durchaus einige logisch klingende Argumente, die mich das externe Lob kritisch hinterfragen lassen. Und dennoch: Es wäre einfach nicht authentisch, wenn ich mein Kind nicht loben würde, bloß weil ich theoretisch denke, dass das nicht gut ist, mein Bauchgefühl mir aber was ganz anderes sagt.
(Und jaaa, ich bin mir absolut im Klaren darüber, dass mein Bauchgefühl auch nur ein unterbewusstes, hochgradig biographisch beeinflusstes Sammelsurium von Erfahrungen und Prägung ist, welches allein zur Beanwortung jeder einzelnen Erziehungsfrage auch nicht ausreicht.)

Ich versuche oft, meine Worte bewusst zu wählen. Ein stumpfes „Gut gemacht“ hört mein Kind sehr selten. Vielmehr zeige ich regelmäßig meine wahre Anteilnahme, schenke ihm meine Aufmerksamkeit, teile meine Freude mit. Das Kind sucht schließlich nach Zugehörigkeit und dem Gefühl, ein wichtiger Teil seiner Familie zu sein. Durch das Lob oder das positive Feedback drücke ich auf meine ganz persönliche Art und Weise aus, dass mein Kind mir wichtig ist.

Ich bedanke mich, wenn mein Kind mit mir kooperiert, insbesondere wenn ich ihm anmerke, dass es gerade lieber etwas anderes getan hätte. Auch zeige ich klar und deutlich, wenn ich mich über sein Verhalten freue, um sozial-verträgliches Verhalten positiv zu unterstützen. Diese Form von Rückmeldung finde ich völlig natürlich und auch wichtig im Umgang mit meinem Kind. Ich bin schließlich einer seiner wichtigsten Orientierungspunkte, ständig präsentes Vorbild, wenn es darum geht zu erlernen, wie ein soziales und liebevolles Miteinander funktionieren kann. Und welches Verhalten wir uns als Eltern von ihm als Teil unserer Familie wünschen, zeige ich ihm auf diese Weise auch.

Allerdings beiße ich mir des öfteren auf die Zunge und sage lieber nichts, lächle nur oder stelle anstatt eines positiven Kommentars lieber eine Frage. Ganz besonders wichtig ist mir, dass G in seinem gestalterischen Tun wie z.B. Malen, Basteln oder Kneten nicht das Gefühl hat, ich würde ihn bewerten oder das Ergebnis seines kreativen Prozesses einer Prüfung unterziehen. Das Lebenswerk von Arno Stern hat mich in dieser Hinsicht sehr inspiriert.

Ich möchte natürlich auch, dass mein Kind Freude entwickelt an seinem bloßen Tun, dass seine Motivation von innen heraus wachsen kann. Ich denke, dafür gebe ich ihm auch ausreichend Gelegenheiten. Aber ein Leben so ganz ohne Lob, das passt absolut nicht zu mir und damit muss mein Kind nun auch lernen fertig zu werden, würde ich sagen.

Meine Antwort heute war also ein strahlendes: „Ja, da hast du wohl Recht. Ich finde dich auch ganz herrlich und freue mich für dich, dass du allein da hoch geklettert bist!“

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