„Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen.“ Dieses Zitat von Maria Montessori hat es um die ganze Welt geschafft. Und auch ich nehme es mir in meiner Erziehung möglichst zu Herzen, versuche es in seiner Tiefe und seinen vielen unterschiedlichen Nuancen zu leben.

Wie würde ich mich fühlen, wenn ich in ein fremdes Land käme, in dem ich mich überhaupt nicht auskenne? Weder den Ort, noch die Sprache oder die kulturellen Gepflogenheiten wären mir vertraut. Also müsste ich versuchen, mich Stück für Stück mit alledem bekannt zu machen. Ein freundlicher Fremdenführer (m/w/*), der mir geduldig den Weg zeigt und mir die Stolpersteine und Fettnäpfchen der einheimischen Gemeinschaft erklärt, wäre ein wahrer Segen.

Und so geht es auch unseren Kindern, wenn sie langsam aber sicher in unsere Gesellschaft hinein wachsen. Mit all ihrem Tun wollen sie uns kennen lernen und auch dazu gehören. Als soziale, von uns zunächst vollkommen abhängige Wesen kommen sie mit einem starken Kooperationswillen auf die Welt. Ihr Instinkt und Grundbedürfnis nach elterlicher Führung erleichtert uns die Arbeit, sie mit all den großen und kleinen Dingen vertraut zu machen.

Wir waren kürzlich bei Bekannten zu Besuch, in der Familie gibt es zwei Kinder (6 und 4 Jahre alt). Am Nachmittag kündigte ich den drei Kindern an, dass ich einen Obstteller für alle richten wolle und trug ein Messer, eine Banane, einen Apfel und zwei Aprikosen hinaus auf den Balkon. Um die Anrichteplatte zu holen, lief ich dann noch einmal kurz zurück in die Küche. Als ich wieder hinaus kam, hatte das Mädchen eine Aprikose verputzt und schon die zweite in der Hand, der Bub biss gerade fröhlich grinsend von der Banane ab. Für meinen Obstteller blieb nicht mehr viel übrig! Ich war ziemlich perplex und sagte den beiden, dass ich es wirklich doof finde, nun kein Obst mehr zum Aufschneiden zu haben und dass sie mich beim nächsten Mal bitte vorher fragen sollten, bevor sie sich bedienen.

Mein Ärger war allerdings schnell wieder verraucht und mir taten diese Kinder eigentlich sehr leid. Sie hatten es einfach nicht besser gewusst, weil ihnen in dieser Hinsicht die Führung fehlte, weil ihnen keiner beigebracht hat, zu warten und erst zu fragen, bevor man sich etwas vom gemeinsamen Essen nimmt.

So wurden sie in dieser Situation von mir zurecht gewiesen, einer mehr oder minder fremden Person und sicherlich spürten die beiden, dass sie mich mit ihrem Verhalten verärgert hatten (auch wenn ich mir große Mühe gab, dies nicht zu sehr zu zeigen, sondern der geduldige Fremdenführer für sie zu sein). Ich fragte mich allerdings schon: Ist es so wirklich besser für die Kinder, als ihnen beizeiten in der eigenen Familie, im geschützten Rahmen der Bindungspersonen die Grundregeln vom sozialen Miteinander beizubringen? Ist es den eigenen Kindern gegenüber fair, sie diese Lektionen im für sie weitaus instabileren Umfeld der Außenwelt/ Gesellschaft teilweise schmerzhaft erlernen zu lassen? Wo sie im Zweifelsfall – wie bei mir – erstmal ohne böse Absicht für Unmut sorgen, weil sie sich derartig grenzen-los verhalten und ihrem Lustprinzip ungezügelt nachgehen?

Regeln – egal ob es die persönlichen Regeln im eigenen Haus oder die allgemeineren Regeln im Zusammenleben mit anderen betrifft – geben dem Kind Sicherheit und Orientierung. Es erleichtert ihm im täglichen Miteinander als Familie, seinen kindlichen Beitrag zur Stabilisierung des Gesamtgefüges zu leisten.
Dreckige Schuhe ziehen wir an der Tür aus. Morgens und abends putzen wir die Zähne. Im Treppenhaus bemühen wir uns leise zu sein. Beim Toben nehmen wir keine spitzen Gegenstände in die Hand. Und so weiter und so fort.

Da, wo Klarheit und Sicherheit herrschen, kann es sich auf anderes konzentrieren, auf seine aktuell antstehenden Entwicklungsaufgaben, sein kindgerechtes Tagewerk.

Wird die Einhaltung der Regeln mit liebevoller Konsequenz und durch enge Begleitung der Bezugspersonen eingeübt, schafft dies eine sichere Bindung voller Vertrauen. Die Folge von Vertrauen ist wiederum Gehorsam – das Kind folgt den Eltern, weil es sich geliebt und sicher bei ihnen fühlt.

Dies stattet das Kind mit einer kleinen, aber nicht zu unterschätzenden Grundausrüstung an angemessenem Verhalten aus und bereitet es im ruhigen, elterlichen Hafen auf die aufregenderen Begegnungen auf stürmischer See, außerhalb seiner Familie vor. Die Feinheiten im sozialen Miteinander wird es in diesem Halt gebenden, liebevoll präsenten Umgang hoffentlich mit Leichtigkeit im Laufe der Zeit übernehmen.

Ich bin sicher kein Freund von künstlichen Ver- und Geboten, ohne Inhalt oder Bezug auf die Bedürfnisse der Betroffenen. Viel mehr ist es mein Anliegen, meinem Kind mithilfe klarer Regeln leicht verständliche Anhaltspunkte in einer noch so unübersichtlichen Welt zu verschaffen und für die Erfüllung unserer Bedürfnisse innerhalb der Familie zu sorgen. Weil es unser aller Zusammenleben vereinfacht, unnötigen Konflikten vorbeugt und meinem Kind durch die Erfüllung seiner Bedürfnisse nach Orientierung und Sicherheit hilft, zuversichtlich und selbstbewusst in den Kontakt mit anderen zu treten.

Und wie ist das bei Euch? Welche Einstellung habt Ihr in Bezug auf Regeln in der Erziehung?

Links:

Erziehungskunst: Kinder brauchen Anker

Hören und Gehorchen (B. Hannig)

Führen und Folgen (B. Hannig)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Post Navigation