Bedürfnisse: Wahrnehmen-Verstehen-Erfüllen

Willst du noch einen Pulli drüber ziehen?“ frage ich. „Nein, ich brauche keinen Pulli, Mama. Ich sage dir Bescheid, wenn mir zu kalt ist. Und wenn mir zu warm ist, sag ich dir auch Bescheid!“ sagt mein Junge. Dieser Dialog lässt mich innerlich schmunzeln, spiegelt er doch so klar wieder, was ich seit einigen Monaten zunehmend beobachtet habe: nämlich dass G in Bezug auf seinen Wärmehaushalt mittlerweile eine stetig wachsende Fähigkeit zur Selbstregulation entwickelt hat.

Sein Reife-Prozess ist ein sehr gutes Beispiel für mein Verständnis davon, wie Kinder nach und nach lernen, ihre Bedürfnisse bzw. ihre nicht erfüllten Bedürfnisse nicht nur zu spüren, sondern sie auch bewusst zu erkennen und einzuordnen. So können sie mit zunehmendem Alter und wachsender Reife ihrer reinen Körperwahrnehmung auch adäquate Handlungsstrategien folgen lassen.

Aus meiner Sicht besitzt jeder Mensch schon von seiner ersten Minute auf dieser Welt eine sehr feine Wahrnehmung in Bezug auf seine angeborenen Bedürfnisse. Besonders Neugeborene und Kleinkinder teilen sich sehr deutlich und unverfälscht mit, wenn ihnen etwas Unbehagen bereitet bzw. wenn wichtige Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt sind. Wie etwa das Bedürfnis nach Nahrung, Bindung, Berührung, Schlaf, Grenzen, Wärme, Nähe, Rhythmus, Autonomie usw.

Allerdings fehlt diesen jungen Menschen -neben den offensichtlichen motorischen Erfordernissen- noch etwas Entscheidendes, was notwendig ist, für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse selbst Verantwortung übernehmen zu können: die (körperliche) Lernerfahrung, wie diesen Bedürfnissen angemessen begegnet werden kann, um sie wirklich zu erfüllen und somit echte Zufriedenheit (keine Ersatzbefriedigung!) zu erlangen.

Um vorerst beim Beispiel Temparaturregulation zu bleiben: Ein frierendes Baby wird sich sehr wahrscheinlich durch Weinen bemerkbar machen, wenn die Kälte zu unangenehmen Körperempfindungen führt.*

Allerdings heißt das noch lange nicht, dass das Kind bewusst verstehen kann, dass ihm zu kalt ist und dass es ihm besser gehen würde, wenn der Wollpullover jetzt angezogen wird. Dafür fehlen ihm sozusagen noch viele Verschaltungen im Gehirn.
So kann es also sein, dass ich als Mutter die eisigen Händchen meines Kindes bemerke und verstehe, dass es zu sehr auskühlt, aber mein Kind sich dennoch gegen den Akt des Anziehens wehrt.

Ist die Lösung in diesem Fall, mein Kind selbst bestimmen zu lassen, was mit seinem Körper geschieht, weil es nicht angezogen werden will?
Ich denke, das kann die Lösung nicht sein!

Brigitte Hannig führt in ihrem Elternheft „Bedarf und Bedürfnisse“ aus:

Das Kind spürt intuitiv, dass ihm etwas Lebenswichtiges vorenthalten wird.

[…]Nicht nur das Frieren an sich, sondern ebenso das ‚Rundherum-nicht-gut-versorgt-sein‘ löst beim Kind Unruhe, eventuell sogar Angst aus. Wie soll es leben und sich entwickeln, wenn es nicht bekommt, was es braucht? Es muss nun seine Kräfte für den Erhalt der Körperfunktion nutzen, statt – wie es von der Natur vorgesehen – für sein physiologisches und psychologisches Wachstum.

Nur, wenn ich meinen Wissens- und Erfahrungsvorsprung auf fürsorgliche Weise einsetze und mein Kind in dieser Situation wärmer anziehe, kann das Kind selbst über seinen Körper eine wichtige Erfahrung machen: „Mein Unbehagen war zu wenig Wärme! Anziehen bringt Wohlbehagen durch Aufwärmen! Anziehen hilft mir bei genau diesem Gefühl!“

*Sicher ist das aber nicht. Je kleiner das Kind, desto häufiger geht ein Auskühlen still und leise vor sich!

Ein weiteres Beispiel, bei dem dieses Wissen leicht veranschaulicht werden kann, ist das Schlafbedürfnis.

Das Baby, das hundemüde von dem aufregenden Familienbesuch zurück nach Hause kommt, ist überdreht, schreit und wehrt sich mit aller Macht gegen das Einschlafen. Dieses Kind braucht eindeutig nur eins: Schlaf – und zwar dringend. Aber es ist noch nicht in der Lage, bewusst zu verstehen, dass sein Unwohlsein Müdigkeit (evtl. noch kombiniert mit Überreizung und so weiter) ist, welchem mit einer Mütze voll Schlaf so einfach abzuhelfen wäre. Es kann in dieser Stress-Situation nicht einfach einschlafen und damit sein Grundbedürfnis nach Ruhe und Erholung selbst regulieren. Folglich benötigt es sensible Bezugspersonen, die sein Bedürfnis hinter dem Schreien erkennen, es zuordnen und dem Kind durch liebevolle Führung helfen, in den Schlaf zu finden.
Wie heißt es doch so schön? Kinder brauchen Brücken – in Form von Schutz gebenden Faktoren wie körperlicher Nähe und Zuwendung sowie Sicherheit spendenden Strukturen wie Rhythmus,  Ritualen und den damit verbundenen Vorhersehbarkeiten.

Das weiss der Säugling selbstverständlich noch nicht. Er versteht nicht, dass es ihm so schlecht geht, weil er übermüdet ist.

Das Zweijährige begreift ja auch nicht, dass es so durch den Wind ist, weil die letzten Wochen eine unvorhersehbare Aneinanderreihung von Überraschungen und Unregelmäßigkeiten war (Adventszeit!).

Es kann nicht zu dem Entschluss kommen, dass es wieder mehr Rhythmus und Gewohntes in seinem Leben braucht und diese dann auch noch selber herbei führen. Diese Fähigkeiten liegen allein beim reifen Erwachsenen (vorausgesetzt, der Erwachsene konnte die nötigen Reifeprozesse selbst erfolgreich durchleben).

Erst wenn wir unserem Kind das Geschenk machen, dass wir seine Grundbedürfnisse genau kennen, unseren Alltag so gut es geht danach ausrichten und ihm in schwierigen Momenten Halt durch unsere klare Führung geben, wird es die Sicherheit und Geborgenheit erfahren, die es tief in seinem Innern braucht und von uns erwartet.

Ich bin der Ansicht, dass eine aktive Co-Regulation in den frühen Kinderjahren in fast allen Lebensbereichen notwendig ist. Und sie begleitet uns als verantwortungsvolle Eltern in Abstufungen bis in die Pubertät – als Erprobungs- und Ablösungsphase des Jugendlichen- hinein.

Je nach Kind gehen manche Lernschritte schneller, andere langsamer vonstatten. Meine Aufgaben als Erziehende sehe ich darin, die Grundbedürfnisse meines Kindes zu kennen, nicht erfüllte Bedürfnisse einzuordnen und ggf. für mein Kind zu übersetzen, wenn es das erforderliche Verständnis dafür noch nicht zeigt.

Je jünger mein Kind ist, desto mehr sollte ich es durch mein Handeln anstatt mit vielen Worten führen, um einen Zustand herzustellen, in dem seine Bedürfnisse ausreichend erfüllt werden.

Temparaturregulation. Rhythmische Abläufe und Struktur.  Feste Essenszeiten. Regelmäßige Ruhephasen. Zuverlässige Körperpflege. Berührung und Kontakt.  Ungeteilte Aufmerksamkeit. Wertschätzende Kommunikation. Orientierungshilfen im Alltag. usw. usf.

Anhand dieser vielen wertvollen Lernmomente kann mein Kind dann über die Jahre die notwendigen Verknüpfungen im Gehirn herstellen, seine Gefühle und Körperempfindungen zu verstehen und mit der Zeit die jeweils angemessenen, zielgerichteten Handlungen zu vollziehen.

Dies ist, wie gesagt, ein (kindheits-)langer Reifeprozess und bedarf einer aufmerksamen Begleitung. Auf diese Weise möchte ich mein Kind dabei unterstützen, zu einem guten Körperbewusstsein zu gelangen und zu der Fähigkeit, irgendwann einmal gut für sich selbst zu sorgen.

Brigitte Hannig schreibt in ihrem Elternheft „Handeln statt Reden – Die nonverbale Konsequenz“:

In diesem ersten Jahrsiebt ist das Kind offen für „Das Gute“ – es muss, um sich zu einem sozialen und friedfertigen Menschen zu entwickeln, „Das Gute“ in sich aufnehmen. Dann kann es später im Leben auch „Das Gute“ an andere Menschen weiter geben.
Wenn nun das, was das kleine Kind umgibt, „gut“ ist, im Sinne von „ihm gut tut“, so bekommt es eine positive Lebenseinstellung und einen herzverbundenen Bezug zur Welt. Der Sinn für das Gute entsteht über den Körper.

Die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen (im Sinne von Wahrnehmen-Verstehen-Erfüllen) ist ein Merkmal des reifen Erwachsenen, nicht des Kindes.

Wenn ich möchte, dass mein Kind eine bestimmte Handlung erlernt, dann muss ich als Vorbild immer und immer wieder diese Handlung durchführen. Denn nur „[…] was Erwachsene vormachen, können Kinder nachmachen.
Wenn ich das weiß, kann ich mit Ruhe und Zuversicht auch noch 100 Mal meinem Kleinkind bei kaltem Wetter draußen die Jacke anziehen (auch wenn der Wunsch des Kindes ein anderer ist) und bin mir sicher, ich helfe ihm damit zu einem guten Körpergefühl, da es 100 Mal warm und geborgen durch die kalte Winterluft ziehen kann, 100 Mal das Wärmebedürfnis des Körpers erfüllt wurde (und nebenbei noch eine ganze Reihe anderer wichtiger Bedürfnisse!).

Wie viele Lernerfahrungen jeweils nötig sind, um einen bestimmten Entwicklungsschritt zu meistern, ist sicherlich von Kind zu Kind unterschiedlich. Mein Junge begann mit etwa 3 Jahren immer regelmäßiger zu verbalisieren, wann ihm zu warm oder zu kalt war, aber entsprechendes An- und Ausziehen folgten erst einige Monate später. Mit nun etwas über vier traue ich ihm die Selbstregulation in großen Teilen allein zu, bestehe aber zum Beispiel bei kalten Füßen auf das Anziehen von Hausschuhen, auch wenn er mit seinen Eisfüßchen weiter auf dem kalten Boden herum laufen würde.

Auch das Erkennen seines Schlafbedürfnisses zeigte er so ungefähr mit 3,5 Jahren häufiger an und sagte dann von sich aus, dass er nun Mittagsschlaf halten möchte. (Ansonsten folgte immer der Ablauf von Essen, Vorlesen mit Milchflasche und dann Schlafen. Aber wenn er es explizit so sagte, ließen wir je nach Uhrzeit und Situation auch manchmal das Mittagessen ausfallen oder zogen es etwas vor.)
Und abends baut er sich jetzt manchmal ein „Nest“ aus Polstern und Kissen, wenn er müde wird. Falls ich es vorher noch nicht bemerkt und das Bettritual eingeläutet habe, ist das eigentlich immer ein sicheres Zeichen für die Schlafenszeit.

Unsere Ruhe-Zeiten sind (bewusstermaßen) sehr regelmäßig, dadurch ist das Ausmaß an Selbstregulation in diesem Bereich logischerweise noch recht gering. Ob G unsere Mittagsruhe wach verbringt oder doch noch ein Stündchen schläft, hängt von seiner Grund-Müdigkeit ab (zur Zeit so etwa 1-2 mal pro Woche). Und davon hängt dann ab, wann ich ihn abends ins Bett bringe (ob um 19 Uhr oder um 20:30 Uhr). Jedenfalls bekommt er so sicher ausreichend Schlaf und wir unseren Elternfeierabend. Was mir beides gleichermaßen wichtig ist.

Manchmal fällt es mir leichter, manchmal schwerer mit dem richtigen Maß von Co-Regulation. Ich denke, das ist nur natürlich und ein kontinuierlicher Balanceakt zwischen den zwei Polen Halt geben und Raum lassen.

Was mir hilft, diesen Weg mit meinem Kind zu gehen?

Vertrauen.

Ich habe Vertrauen in mein Kind: Dass es in seinem eigenen Tempo all die großen und kleinen Entwicklungsschritte vollziehen wird.
Alles, alles zu seiner Zeit.

Und ich habe Vertrauen in mich: Dass ich als Mutter den mir anvertrauten Lieblingsmenschen sorgsam beobachten und entsprechend seiner aktuellen Möglichkeiten liebevoll begleiten kann.

Durch mein Handeln übernehme ich in diesen kostbaren Kinderjahren stellvertretend die Verantwortung für die Erfüllung der Bedürfnisse meines Kleinen. Und zwar immer genau solange, bis das nicht mehr nötig ist und er mir so einen Satz zuwirft wie oben in der Einleitung.

Dann weiß ich nämlich genau, dass ich wieder ein Stück mehr loslassen darf. Weil mein Junge aus sich selbst heraus genau zur rechten Zeit einen weiteren Meilenstein gesetzt hat. Ohne Eile, ohne Druck.

Ich glaube, das ist das Beste, was ich ihm als Mutter geben kann. Auf dass er sicher und geborgen aufwachsen kann. Spürt, welch starke Liebe und Fürsorge ihn umgeben. In seinem Körper und Herzen verinnerlicht, dass die Welt ein guter, ein angenehmer Ort ist, an dem er einfach Kind sein darf und nur altersgerechte Herausforderungen meistern muss. Wo seine Befindlichkeiten Beachtung finden, wo er sich durch und durch wohl fühlen und „Das Gute“ in sich aufnehmen kann.

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