Autonomie – oft geht’s nicht um das Was, sondern mehr um das Wie

Bindung und Autonomie. Wie Brigitte Hannig bereits so ausführlich und einleuchtend beschrieb, handelt es sich dabei um zwei Seiten einer einzigen Medaille. Ohne sichere Bindung kann es keine echte Autonomie geben. Und ohne genügend Autonomie auf beiden Seiten gibt es auch keine gesunde Bindung. Da ich in meinen Artikeln sehr oft über die Seite der Bindung und die haltgebenden Strukturen der Elternschaft geschrieben habe, fühlte ich mich heute einmal dazu inspiriert auch die andere, wichtige Seite genauer zu beleuchten. Nämlich, wie ich Autonomie, insbesondere das kindliche Bedürfnis danach, interpretiere und mein Handeln danach ausrichte.

Hannig schreibt hierzu diese richtungsweisenden Worte:

Ein weiteres starkes Sicherheitsbedürfnis ist das Bedürfnis nach Autonomie. Bei allen Regeln, Rhythmen und Regelmäßigkeiten will das Kind doch auch seine Freiheit leben.

Es braucht Räume, in denen es selbstbestimmt und selbstwirksam sein kann. Diese Möglichkeit können die Eltern ihm innerhalb der gegebenen Regeln schenken.

Viel ist im Internet und in den unzähligen Erziehungs-Ratgebern schon über Autonomie gesagt und geschrieben worden. Ich möchte heute meinen Blick darauf wenden, wie ich Autonomie wahrnehme, bzw. welche 3 Aspekte für mich Autonomie ausmachen.

Als ein wichtiger Teil des Sicherheitsbedürfnis-Komplexes ist die Autonomie eines der existenziellen, lebensnotwendigen Bedürfnisse und bedarf unserer besonderen Aufmerksamkeit. Im Zusammenleben – egal ob unter Gleichaltrigen oder im Kontext Familie – ist es oft gar nicht so einfach, diese Selbstbestimmung auch in ausreichendem Maße zu (er)leben.

Als Mutter zum Beispiel fühle ich mich in großen Teilen sehr fremdbestimmt und ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass mein Bedürfnis nach Selbstbestimmung dasjenige ist, welches in den letzten Jahren am meisten gelitten hat.

Und auch im Zusammenleben mit den unterschiedlichen Gruppenkonstellationen auf unserer Reise musste ich viele Abstriche machen, was meine Selbstbestimmung und die freie Verfügung meiner Zeit angeht.

Dass ich inzwischen nicht total durchgedreht bin, schiebe ich darauf, dass Autonomie in verschiedene Teile aufgegliedert werden kann. Und selbst wenn ein Bereich nicht genügend erfüllt wird, kann dies möglicherweise durch die anderen Anteile etwas ausgeglichen werden.

Ich unterscheide in Sachen Autonomie also folgende drei Anteile:

  1. Ich bestimme, W A S  ich tue.
  2. Ich bestimme,  W I E  ich etwas tue.
  3. Ich kann etwas ganz A L L E I N  tun.

Bei Kindern in der sogenannten Autonomiephase, spüren wir all diese Aspekte überdeutlich. Aber auch später spielen sie für unser Wohlbefinden eine Rolle.

Der erste Punkt – die Selbstbestimmung über das WAS – findet beim Kind ihre Entsprechung zuallererst in Phasen des freien Spielens. Hier ist der Rahmen passend dafür, dass das Kind seinen eigenen inneren Handlungsimpulsen uneingeschränkt folgen darf. Es hat die absolute Entscheidungsfreiheit über sein Tun und ich mische mich auch nicht ein, solange dieses Spielen und Entdecken nicht in meinen persönlichen Bereich eindringt, sondern die Taten und ihre Folgen das Kind allein betreffen.

Auch finden sich bestimmt in jeder Familie immer wieder Momente und Gelegenheiten, in denen das Kind einen Handlungswunsch äußert, gegen den nichts einzuwenden ist. Weil gerade nichts anderes ansteht und die Personen, die es betrifft, gerne bereit sind, der Idee des Kindes zu folgen. Wenn dem so ist, kann es seine Selbstwirksamkeit und Bestimmungsmacht auch innerhalb der Gruppe spüren.

Im Gegensatz dazu, gibt es im Alltag aber auch Zeiten, in denen dieses WAS eben nicht vom Kind vorgegeben und allein bestimmt werden kann. Und das ist auch gut und richtig so. Denn das große Gerüst, die Abfolgen im Tageslauf soll das Kind gar nicht lenken müssen. Dies ist Aufgabe der „Großen“, wir tragen die Verantwortung dafür, dass notwendige Dinge erledigt werden und bestimmte Handlungen zu ihrer rechten Zeit geschehen.

Hier wirken allerdings noch oben genanntes WIE und manchmal auch das ALLEIN-Tun als Autonomie-Anteile auf das allgemeine Wohlbefinden ein.

Wenn also der Junge schon nicht autonom bestimmen kann, dass wir uns jetzt auf den Weg zum Einkaufen / zur Verabredung / zum Termin ect. machen oder das nun Anziehenzeit / Schlafenszeit / Aufräumezeit ist (also das WAS nicht in seiner Macht liegt), dann kann er doch sehr wohl darauf Einfluss nehmen, WIE er diese Abläufe mitgestaltet. Und immer dann, wenn er etwas von den geforderten Dingen ALLEIN machen will und ich ihm diese Gelegenheit so oft wie möglich gebe, wird ebenfalls ein wichtiger Bestandteil seines Autonomiebedürfnisses genährt.

Beim Anziehen gibt es durchaus viele kreative Varianten, die Klamotten an den Körper zu bekommen. Auch deren Reihenfolge und Position lässt recht viel Spielraum. Die Schuhe absichtlich „falsch“ herum anziehen? Das Unterhemd mal drüber über den Pulli? Warum denn nicht? Dies ist doch eine super Chance, seine Autonomie zu wahren und trotzdem dem inneren Drang, mit uns zu kooperieren, gerecht zu werden.

Auch das Verhalten bei Tisch bietet eine große Bandbreite der Selbstbestimmung. Was von den angebotenen Speisen in welcher Menge und Reihenfolge gegessen wird, bleibt allein die Entscheidung des Kindes. Die Tasse muss jeden Morgen RANDVOLL gegossen und dann vorsichtig abgeschlürft werden? Die Nudeln werden immer zuerst mit Olivenöl, Salz und Pfeffer gegessen und erst die zweite Portion wird mit Soße akzeptiert? Wunderbar! Wenn das keine kindgerechte Selbstbestimmung ist, dann weiß ich auch nicht!

Oder wie Hannig weiter schreibt:

All diese kleinen Entscheidungen und Vorlieben gehören in die Freiheit des Kindes. Hier kann es so sein, wie es ist, hier kann es seine Individualität entwickeln.

Auch meine erwähnten Vorschläge, mein Kind zum Mithelfen im Haushalt zu bewegen, reihen sich in diese Art des Autonomieverständnisses ein. Ich gebe zwar das WAS vor (z.B. Tisch abräumen, Wäsche falten, Boden wischen), aber dann lasse ich meinem Kind auch in gewissem Maße freie Hand über das WIE. Es darf ausprobieren. Darf selbst einen Weg finden, sich der zugedachten Aufgabe auf seine individuelle Art zu nähern. Die Frage ist nicht, OB das Kind mir helfen soll, aber WIE es sich daran macht, liegt innerhalb dieser Rahmenbedingungen in seiner Freiheit.

Ich verlasse mich da auf meine Intuition und auf das, was mein Kind mir signalisiert. Ich hoffe, so gelingt es mir oft genug, die goldene Mitte zwischen ausreichend Halt und genügend Freiheit zu finden. Schließlich will ich flexibel bleiben für die aktuelle Lage und die fortschreitende Entwicklung meines Jungen. Denn sonst kann sich schnell ein Ungleichgewicht in Richtung Bevormundung und Einschränkung ausprägen:

[…] Ein Zuviel an Grenzen finden wir dort, wo Erziehung das Kind in eine (angepasste) Form bringen soll – wo es also geformt werden soll – statt ihm die Möglichkeit zu geben, sich mit Hilfe der Erziehenden zu einer sozialen Reife zu entwickeln.

[…] Die Einengung bewirkt im Kind Empfindungen von Zu-wenig-Platz, von Atemnot, von Sich-verweigern-Wollen oder Dagegen-Ankämpfen-Müssen. Das alles sind ungute, unbehagliche Empfindungen die das Kind in eine Hab-Acht-Stimmung und innere Abwehrspannung versetzen.

 

Es fühlt sich nicht mehr sicher und gut aufgehoben.

Kindliche Freiheit entsteht also nach meinem Verständnis im Rahmen der von mir als Mutter / Eltern gesteckten Grenzen. Nicht jede Alltagsentscheidung muss vom Kind getroffen werden, nicht jedem Wunsch statt gegeben werden, um sein Bedürfnis nach Autonomie ausreichend zu erfüllen.

Dies empfinde ich durchaus als erleichternd und vereinfacht mir den Umgang innerhalb der Familie sehr. Ich glaube daran, dass Selbstbestimmung kindgerecht passiert, wenn sie im rechten Maß und an der richtigen Stelle zugelassen wird, während bestimmte Dinge in der Entscheidungsmacht der Erwachsenen bleiben sollten.

Es liegt letztendlich bei uns, sinnvoll zu unterscheiden, ob wir uns gerade in einer Situation befinden, die Struktur verlangt (z.B. Windel wechseln, Aufräumen, Losgehen) und wo wir die elterliche Führung übernehmen müssen (zumindest für das WAS) oder ob wir den Raum öffnen für eine kindgeleitete Situation (z.B. freies Spielen, Zeit zusammen ohne Ziel).

Und unsere eigene Autonomie dürfen wir natürlich auch nicht vernachlässigen, wenn wir gut für uns selber sorgen möchten.

Wie seht ihr das? Welches Verständnis habt ihr von Autonomie und wie setzt ihr das im (Familien-)Alltag um?

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