Das Bedürfnis nach Rhythmus

Jetzt ist der April schon bald vorbei und ich schaue zurück auf knappe vier Monate voll Entwicklung und Wachstum auf vielen verschiedenen Ebenen. Ein besonderes Augenmerk möchte ich in diesem Jahr den Bedürfnissen meiner Familie und insbesondere unseren Familienabläufen schenken und hier hat sich mittlerweile schon so einiges verändert und gefestigt.

Bereits letztes Jahr hatte ich zwei halbherzige Anläufe unternommen, unseren Tagesablauf anhand der Mahlzeiten zu strukturieren. Da ich es aber nicht gewohnt war, zu festen Zeiten zu essen und ich auch unserem Kind damals keine „Vorschriften“ machen wollte, scheiterten die Versuche bereits nach wenigen Tagen.

Es fühlte sich für mich an wie ein Verlust meiner persönlichen Freiheit, wenn ich nicht mehr nach Lust und Laune die Zeiten für das Essen festlegen konnte.

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Auch hatte ich damals noch keinen Zugang zu der Überlegung, dass feste Essenszeiten und sogar das Hunger-Spüren etwas durchaus Positives sein können (z.B. um dann mit Freude und voller Dankbarkeit an den Tisch zu kommen und die Nahrungsmittel ganz anders wertschätzen zu können).
Dies hat in unserer Überflussgesellschaft heutzutage eigentlich keinen Raum mehr.
Es sei erwähnt, dass dies natürlich dem Alter und Erschöpfungsgrad des Kindes angemessen geschehen sollte.
Ein Säugling zum Beispiel benötigt die direkte Antwort auf seine Hungersignale und sollte niemals warten gelassen werden. Bei einem größeren Kleinkind sieht das Ganze dann schon etwas anders aus. Vorausgesetzt, es ist es gewohnt, dass für sein leibliches Wohl zuverlässig gesorgt ist und es ist nicht total erschöpft, müde oder buchstäblich schon am Unterzuckern. Das ist hoffentlich selbstverständlich?

Inzwischen hat sich meine innere Einstellung zum ganzen Thema der „freilassenden Erziehung“ stark gewandelt, und Teil meiner neuentdeckten „Halt gebenden Erziehung“ sind konstante, vertraute Routinen und Abläufe. (Mein Verständnis für die Begriffe bedürfnisorientiert und bindungsorientiert wurde sozusagen revolutioniert.)

Brigitte Hannig beschreibt in ihrer Broschüre Sorgende Mütter – nervende Kinder: Über die wahren Bedürfnisse kleiner Kinder einen Lebensstil, der am Bedarf des Kindes oft vorbei geht:

Das Kind bekommt sein Essen, wenn es gerade Lust hat. Mal soll es sein Mittagsschläfchen halten, mal nicht, weil wir unbedingt in die Stadt wollen. […] Aber wie fühlt sich das Kind dabei?
Es weiß nie, was als nächstes an der Reihe ist. Es hat keine Gelegenheit, sich Orientierung zu verschaffen, weil nichts da ist, woran es sich orientieren kann. Es muss immerzu in Habachtstellung sein, um für die nächste Überraschung gewappnet zu sein.
Das Kind kommt nicht zur Ruhe. Selbst bis in seine Organe hinein wirkt diese Unruhe. Die Organe „wissen“ nicht, wann sie arbeiten sollen und wann nicht. […] So werden die Organe sozusagen daran gehindert, ihre Funktion gesund auszuführen.

…und weiter heißt es im Zusammenhang der Hierarchie der Bedürfnisse:

So stehen die Eltern also vor der Tatsache, dass ihr Kind die Liebe, die sie ihm geben wollen, gar nicht empfangen kann, weil sein Bedürfnis nach Sicherheit noch nicht befriedigt wurde. Solange das vorherige Bedürfnis nicht gesättigt ist, hier also der starke Wunsch nach Sicherheit noch auf Erfüllung wartet, entwickelt der Mensch auch kein höheres Bedürfnis, hier also nach Zugehörigkeit und Liebe.
[…] Es [das Kind] lebt ja in der ständigen Anspannung, nicht zu wissen, was das Leben als nächstes bringt. Wie soll das Kind in diesem Stress ein Gespür dafür bekommen, dass da jemand ist, der es gut mit ihm meint?
Es empfindet logischerweise das Gegenteil. Einem Menschen, der nicht verhindert, dass ich von einer Unsicherheit in die nächste falle, der mir nicht genügend Schutz gewährt, dessen Unberechenbarkeit und Inkonsequenz mich ängstigt, dem traue ich auch nicht zu, dass er mich liebt.

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Unser Kind hat ganz sicher nicht zu wenig Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit erhalten. Wie vermutlich bei vielen Eltern in unserer heutigen, modernen Lebenswelt sehe ich das Defizit bei unseren Bemühungen, gute Eltern zu sein, viel mehr im Bereich von Sicherheit und Schutz (im kindlich spürbaren Sinne), welches interessanterweise in der Hierarchie noch vor dem Bedürfnis nach Liebe und Aufmerksamkeit liegt und damit eines der wichtigsten Grundbedürfnisse überhaupt darstellt. Dies zu verstehen, war eigentlich der größte Aha-Effekt für mich in meinem bedürfnisorientierten Muttersein.

Praktisch umgesetzt heißt das, dass ich meinem Kind meine Liebe am allerbesten beweisen kann, indem ich unseren Alltag „so warm, so sicher, regelmäßig, wohlbekannt, rhythmisch, stabil, ordentlich und gesetzmäßig“ mache, wie nur eben möglich. Und darüber hinaus, dass ich keine ständigen Entscheidungen und Mitsprache von ihm verlange und sein unreifes Gehirn damit in Alarmbereitschaft versetze, sondern freundlich und bestimmt den Weg dahin weise, was als nächstes an der Reihe ist.

Diese neu geordneteren Strukturen machen sich bei uns unter anderem bei den gemeinsamen Mahlzeiten stark bemerkbar, da diese vorher sehr willkürlich und spontan stattfanden.
Mit meiner neuen, klaren inneren Haltung fällt es mir deutlich leichter, durch den Tag zu fließen. Und ich freue mich selbst auch viel mehr auf das Essen im Kreise meiner Familie als früher.
Der Rhythmus tut logischerweise auch mir gut.

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Wenn das Essen auf den Tisch kommt, darf G unsere Glocke läuten. Dann breitet sich bereits ein Gefühl des Ankommens und Friedens in mir aus. Wir singen lauthals oder leise, je nach Stimmung, unser Tischlied und sitzen entspannt beisammen.

Momentan darf G dann vom Tisch aufstehen, wenn er selbst fertig mit Essen ist. Da wir Erwachsenen häufig noch einen Moment länger sitzen bleiben als zur reinen Nahrungsaufnahme, finde ich das auch angemessen. G hat seit drei Monaten die Pflicht, sein Geschirr selbst abzuräumen (wir begannen mit dem Teller und nun sind es Teller, Glas, Kanne und Besteck).

An den meisten Tagen folgt er dieser Regel ohne jeglichen Widerstand, manchmal macht er es sogar ganz von allein oder will noch mehr als sein eigenes Geschirr abräumen. *herzaufgeh*

Inzwischen sind die Tage seltener geworden, wo er noch mal „testen“ muss, ob die Regel immer noch gilt, heute auch? Ein forsches „Teller stehen lassen!“ wartet auf meine klare Antwort: „Nein, du räumst deinen Teller selber ab.“ Und wenn der Widerstand richtig groß ist, geht er auch schon mal stiften und versucht lachend sich in eine Ecke zu zwängen, aus der ich ihn nur schwer wieder raus kriege.
Dann lasse ich die nonverbale Konsequenz, gepaart mit Freundlichkeit und Ruhe zur Anwendung kommen und leite ihn wieder an seinen Platz und zu seiner Aufgabe. Bis jetzt hat er immer spätestens dann fröhlich kooperiert und ist danach entspannt zum nächsten Abenteuer losgestapft.

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Die Einnahme der Zwischenmahlzeiten klappt mittlerweile auch wirklich gut: In der Regel nimmt G sie an seinem kleinen Tisch ein, aber manchmal hat er direkt nach dem Aufwachen noch keinen Hunger und wir packen die Sachen in eine Box zum Snacken auf dem Spielplatz.

In beiden Fällen liegt aber noch genug Zeit bis zum Abendessen dazwischen, so dass er später wieder mit Appetit bei Tisch sitzt. Eine kleine Veränderung, ein geringes Nachjustieren und schon empfinde ich große Zufriedenheit beim ganzen Thema Essen, wo ich vorher eher haltlos durch den Tag stolperte und sehr oft unzufrieden mit dem Ergebnis war: ein sattes Kind, das keine Lust auf langweiliges Rumsitzen am Tisch hat, aber 1 Stunde später wieder etwas zu essen haben will.

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Und wisst Ihr, was das Beste daran ist? Mit diesem neuen Umgang zum Thema Essen, erfülle ich wie nebenbei gleich eine ganze Hand voll wichtiger Bedürfnisse meines Kindes wie zum Beispiel das Bedürfnis nach Ordnung, Stabilität und Vorhersagbarkeit, (innerer) Ruhe, elterlicher Führung, Ritualen und Zugehörigkeit.

Somit hat unser Tag als solches jetzt eine wirklich konstante Struktur, vom Aufstehen, Anziehen, gemeinsamen Losgehen zum Kinderladen, dann Abholen, Mittagsschlaf, Snack, Rausgehen, Abendessen, Freispiel, Aufräumritual, Zum-Schlafen-Fertigmachen und pünktlich zwischen 19:30 und 20:00 Uhr bringe ich unseren kleinen Schatz ins Bett. Ein echter Zugewinn für unser Zusammenleben. Und mein persönliches Bedürfnis nach Feierabend wird dabei auch zu einer passablen Uhrzeit erfüllt.

Mal sehen, wie lange diese Struktur sich stimmig anfühlt bzw. wann wieder Nachbesserungen notwendig werden. Denn der Tagesrhythmus soll ja kein starres Korsett sein, was mich unter Druck setzt und anstrengt. Im Gegenteil! Es erleichtert uns den Alltag und ist immer flexibel genug für Ausnahmen oder auch längerfristige Anpassungen, wenn die Bedürfnisse sich verändern.

Wenn wir mal weniger Energie haben, orientieren wir uns an Essens- und Schlafenszeiten und füllen die Lücken dazwischen unseren Möglichkeiten entsprechend, ohne gleich komplett den Halt zu verlieren. Am Wochenende oder in Urlaubszeiten finden wir entspannt in unseren speziellen Freizeitrhythmus, der sich logischerweise vom Alltag der Woche unterscheidet, aber dennoch genug Ankerpunkte beinhaltet, um auch hier nicht ganz abhanden zu kommen.

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Meine nächste Herausforderung wird es sein, die Wochen in sich weiter zu strukturieren (bis jetzt gibt es als Fixpunkt eigentlich nur den Mittwoch: da darf G nach dem Abendessen ein paar Sendung-mit-der-Maus-Clips anschauen – und das Wochenende, wenn wir alle zusammen sind). Mir schwebt vor, dass auch die anderen Tage nach und nach einen besonderen Schwerpunkt in Bezug auf die geplanten Aktivitäten finden und unseren Kalender werde ich dann auch bald nochmal etwas verändern, um den Wochen-Rhythmus sichtbarer zu machen.

Da ich bisher keinen rechten Bezug zu traditionellen Jahresfesten oder Rhythmen im Einklang mit dem Jahreslauf hatte, ist dies ebenfalls ein Thema, dem ich mich noch mal ganz in Ruhe widmen sollte, bevor etwas Sinnhaftes für uns dabei heraus kommen kann.

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Doch damit habe ich keine Eile. Durch unsere geplante Auswanderung wird bald nochmal einiges auf den Kopf gestellt, allen Voran die Jahreszeiten – und so dürfen wir, wenn es soweit ist, sowieso in ein spannendes neues Leben und eine andere, intensivere Naturverbundenheit hinein wachsen. Dafür brauchen wir sicherlich eine große Offenheit für neue Sitten und Gebräuche und werden uns hoffentlich Stück für Stück unsere eigenen Familientraditionen erschaffen.

Und wie sieht es bei Euch aus? Welche Erfahrungen habt Ihr selbst bisher mit Ritualen und Rhythmen gemacht? Und welchen Schwerpunkt setzt Ihr für Euch bei einem bedürfnisorientierten Familienleben?

One Reply to “Das Bedürfnis nach Rhythmus”

  1. Toller Artikel, gefällt mir gut. Ich habe diesen auf FB geteilt und manche Likes hierfür
    bekommen. Weiter so!

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