Sechs gute Gründe zum Bockigsein

Aufgrund ihrer entwicklungsbedingten Unreife haben Kleinkinder noch sehr große Schwierigkeiten damit, ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu verstehen und auszudrücken. Als höchst empfindsame Wesen bei gleichzeitig fehlender Impulskontrolle mit den schwankenden Gefühlen der Kleinkindzeit zurecht zu kommen, stellt eine Herausforderung für sie selbst und für uns als Begleitende dar.

In anderen Worten: Kinder werden einfach super schnell von ihren Emotionen überrollt, wie von einer mächtigen Welle im Atlantik – ob sie es nun wollen oder nicht.

Mein Vierjähriger weiß sicherlich,  dass er das Wasserglas nicht auf den Boden ausleeren oder während der Mittagsruhe im Haus laut herumschreien soll, aber aufgrund der noch nicht beherrschbaren Impulse schafft er es im Wutanfall noch nicht, die „vernünftigere“ Wahl zu treffen.

Wichtig für unsere eigene mentale Gesundheit als Eltern bzw. unsere Beziehung zu unserem Kind ist es da jedenfalls, dieses grenzüberschreitende Verhalten niemals persönlich zu nehmen.
Anstatt uns davor zu fürchten oder es gar vermeiden zu wollen, sollten wir wohl eher täglich von Neuem mit den Gefühlsausbrüchen unserer kleinen Lieblingsmenschen rechnen. 

Das ist meiner Meinung nach die vernünftigste Herangehensweise an diese Zeit. Schließlich haben wir es einfach nicht mit kleinen Erwachsenen zu tun, dementsprechend liegt die Verantwortung bei uns, die emotionale Atmosphäre zu beeinflussen und Verständnis für die altersgemäße (Un-)Reife unseres Kindes zu entwickeln. So können wir es bestmöglich beim manchmal doch so anstrengenden Lernen und Wachsen unterstützen.

Ich habe hier mal eine Liste von 6 ausgezeichneten Gründen dafür zusammen getragen,  warum Kinder die Grenzen ihrer Umgebung / Erziehenden regelmäßig austesten bzw. überschreiten (müssen), indem sie „bocken“:

1. Hilfe, mein Akku ist leer!

Die eigenen unerfüllten Bedürfnisse wie zum Beispiel Hunger oder Müdigkeit zu erkennen scheint kleinen Kindern manchmal unglaublich schwer zu fallen. Das lernen Sie erst allmählich im Laufe ihrer Entwicklung. Zu aufregend ist gerade das Spiel,  zu faszinierend die Welt in diesem Augenblick. Es scheint mir so, als wenn der kleine Körper dann irgendwann die Notbremse zieht, eine Art Kurzschluss verursacht und diese dringenden Bedürfnisse dann nur durch das Aufmerksamkeit-provozierende Verhalten kommuniziert werden können.

Es liegt an uns, diese -zugegebenermaßen ungewöhnlich formulierten- Botschaften zu entschlüsseln und angemessen darauf zu reagieren: Das übermüdete, wütend tobende Einjährige wird ins Bett gebracht. Der überreizte, Essen-durch-die-Gegend-pfeffernde Dreijährige wird von der Familienfeier entfernt und an einem passenden Ort beruhigt.

2. Ich brauche Klarheit! 

Eine andere typische Variante von Grenzen-testen liegt vor,  wenn das Kind (noch) keine klare Antwort auf die Frage gefunden hat, wie wir auf eine bestimmte Handlung seinerseits reagieren. Uns sollte klar sein: Es tut damit nur seinen Job! Es versucht uns und damit die Qualität der Führung in der Familienhierarchie zu verstehen, will begreifen, welche Grenzen gelten (und ob diese auch Samstag vormittags genau gleich sind oder wenn es krank ist oder wenn es richtig lange brüllt oder oder oder… )

Auf diese Art und Weise lernt das Kind die Grenzen seines Umfeldes kennen. Es erhält Klarheit darüber, was von ihm erwartet wird, welche Regeln es einhalten muss und wo seine eigene Einflussnahme,  Freiheit und Autonomie verortet sind.

Eine wirkungsvolle Möglichkeit ist es in diesem Falle, auf das Grenzen testende Verhalten so direkt und so unaufgeregt wie möglich zu reagieren. Da wir selbst auch nur Menschen sind, wird sich unsere Reaktion je nach Tagesform und Situation mal leichter oder stärker unterscheiden, doch sie sollte möglichst widerspiegeln,  dass uns die kindliche Aktion nicht bedroht oder aus der Fassung bringen kann. (Es handelt sich schließlich um unser kleines,  hilfloses Kindlein, das vor uns steht und nicht um einen ausgewachsenen Säbelzahntiger, nicht wahr? Und ja,  der Adrenalinstoß kann im ersten Moment genau das vorgaukeln, aber da liegt es wiederum an uns, die für uns passende Strategie zur Selbst-Beruhigung herauszufinden.)

3. Wieso regst du dich so auf?

Gelingt das mit dem Ruhigbleiben und Nicht-aus-der-Fassung-bringen-Lassen nur unzulänglich,  kann das wiederum eine ganze Serie weiteren Testens auslösen. Das bedeutet also, eine zu starke emotionale Reaktion, Bestrafungen oder eine zu übertriebene, intellektuelle Beachtung einer spezifischen Handlung in Form von langen Erklärungen können dazu führen,  dass die erwünschte Klarheit für das Kind nicht eintritt. Dann beginnt alles wieder von vorn.

4. Bekomme ich von dir die Führung,  die ich brauche? 

Damit kommen wir auch schon zum nächsten wichtigen Punkt: Stellt euch vor, wie beunruhigend es sich für ein  zwei, drei, vier Jahre altes Kind anfühlen muss,  wenn es keinen sicheren Anführer im „Rudel Familie“ gibt.

Eine sichere, liebevoll schützende Führung beinhaltet solch wichtige Bestandteile wie z.B. natürliche Autorität, Selbstsicherheit, Humor und die Fähigkeit auch schwierige Aufgaben (hier: Grenze setzen) mit einer gewissen Leichtigkeit zu meistern.

Das braucht sicher einige Übung, aber glücklicherweise geben unsere Kinder uns ja tagtäglich durch ihr Verhalten neue Gelegenheiten, den Umgang mit ihrem Grenzen-testenden Verhalten zu üben und die richtige innere Haltung für einen entspannten Umgang damit zu finden.

Mein Kind ist in diesem Falle mein Entwicklungshelfer,  wie Brigitte Hannig so treffend in ihrer Impulsemail
„Provozieren und Ignorieren“
formulierte. Solange ich den Bezug zu meiner inneren Stärke und Selbst-Anbindung noch nicht hergestellt habe,  solange wird mein Kind meine Grenzen testen und testen. Es kann solange nicht davon ablassen,  bis es die Klarheit und Sicherheit erhalten hat, die es braucht. Eine schwere Bürde für so ein kleines Wesen, ich sollte in diesem Fall also hoch motiviert an mir arbeiten, damit es sich bald wieder seinen eigenen Entwicklungsaufgaben zuwenden kann!

5. Aufgestaute oder gespiegelte Emotionen

Wenn mein Junge wegen einer scheinbar kleinen Sache an die Decke geht, hilft es meist zu überlegen,  was in den Stunden vorher so alles passiert ist. Hat er vielleicht zu viel kooperieren müssen und keine Chance gehabt,  selbst etwas zu entscheiden?  Hat er heute schon zu oft ein Nein von mir gehört?

Manchmal braucht er dann einfach mal ein Ventil, um seinen angesammelten Frust richtig rauszulassen. Und das geht eben auch desöfteren über den Umweg von unerwünschtem Verhalten oder irrsinnigen Forderungen / Wünschen. Dann ist diese eine Grenze,  die ich da setze, genau das, was er braucht um den angestauten Ärger abbauen zu können. Seit ich das erkannt und ehrlich zu schätzen gelernt habe,  fällt es mir sehr viel leichter, ruhig und klar die Begrenzung zu geben, die er braucht und seine darauf folgenden Gefühlsausbrüche anzunehmen und zu begleiten.

Andererseits merken unsere Kinder sehr schnell, wenn wir selbst gestresst oder irgendwie nicht gut drauf sind. Die nachlassende Bindung zwischen uns, die solche Momente begleitet, führt zusätzlich dazu, dass dem Kind intuitiv unbehaglich zumute wird mit der entsprechenden Reaktion. Da ich nicht verhindern kann, auch mal schlecht drauf zu sein, versuche ich es hier mit möglichst großer Authentizität: ich sage meinem Kind,  dass ich gerade gestresst bin oder traurig und erläutere es kurz in kindgerechten Worten. Manchmal hilft das schon, dem Kind wieder mehr Klarheit und somit Sicherheit zu verschaffen.

6. Fehlende Aufmerksamkeit und Zuwendung

Na, und hin und wieder ist es dann doch „ganz einfach“: in Zeiten von Stress oder Ablenkung, in denen das Kind sich nicht genug beachtet und gesehen fühlt, bleibt ihm oft auch nichts anderes übrig, als die Aufmerksamkeit über störendes Verhalten zu generieren.

Meine Antwort lautet also im Zweifelsfall immer (ggf. nach vorherigem Be-Grenzung geben), meinem Kind zu zeigen, dass ich es lieb hab und alle seine Emotionen in Ordnung sind. (Es aber nicht alles tun kann, was es will.) Diese Rückversicherung ist nicht selten Antwort genug, um das unerwünschte Verhalten zu beenden.

Mein Fazit :

Für mich gibt es in dem häufig verwendeten Sinne keine „bockigen“ Kinder. Jedes kindliche Verhalten macht Sinn. Es liegt an uns, genau hinzusehen,  die Bedürfnisse hinter dem entsprechenden Verhalten zu entschlüsseln und adäquat darauf einzugehen. Im Grunde versuche ich also immer davon auszugehen,  dass mein Kind gerade sein Bestes gibt. Und wenn es meine Hilfe braucht, um seine starken Gefühle zu bewältigen,  werde ich ihm diese Hilfe gerne so oft geben, wie es mir möglich ist.

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