Sommer-Rückschau und Erlebnisse eines ungewöhnlichen Bootcamps

Der Getriebespezialist hat unser Originalgetriebe tatsächlich in Stand setzen können, die neuen Zylinderköpfe für den Motor sind unterwegs und die Werkstatt steht bereit zum Einbau der Teile. Ein passender Zeitpunkt, auf unseren Sommer, die unfreiwillige Wartezeit in NRW und damit unsere ganz persönliche Gemeinschaftsübungsfläche, zurück zu schauen.

So hatten wir uns unser Jahr wirklich nicht vorgestellt! Zum Jahresanfang gingen wir noch ganz fest davon aus, dass wir im Frühsommer unser gesamtes Hab und Gut in einem Überseecontainer verstauen und unser neues Leben in Neuseeland beginnen würden. Nachdem die Vorbereitungen konkreter wurden und der Nachweis der notwendigen Sprachkenntnisse unsere Planung verzögerte, erkannten wir zu unserem eigenen Erstaunen, dass wir irgendwann auf der Strecke betriebsblind geworden waren.

Ein nachhaltigeres Leben, größere Unabhängigkeit vom System und eine feste Gemeinschaft mit gemeinsamen Visionen konnten wir wahrscheinlich sogar besser finden, wenn wir unsere Ersparnisse in ein mobiles Heim und in die Unterhaltskosten einer längeren Orientierungszeit investierten als einem vagen Traum am anderen Ende der Welt nachzujagen.

Das Schicksal gönnte uns allerdings keinen ganz so reibungslosen Ablauf wie gedacht. Das Wohnmobil erwies sich leider als Fehlgriff und gab bereits nach der zweiten Etappe seinen Geist auf und die Reparaturarbeiten zogen sich nun schon über einen Monat hin.

Unser Glück im Unglück war eindeutig, dass wir nur 150 km von meinen Schwiegereltern entfernt liegen geblieben waren und diese so großzügig waren, uns für die Wartezeit (keiner ahnte, wie lange diese dauern würde) bei sich aufzunehmen.
Wie bereits angedeutet, verlief unser Zusammenleben mit einigen Höhen und Tiefen. Doch gerade diese „Tiefen“, also Konflikte und Streitigkeiten, brachten uns alle nach und nach immer näher zusammen und gaben uns die Chance, einander besser denn je kennen und verstehen zu lernen.

Und da, so mittendrin im Auf und Ab, kam mir der Gedanke, dass wir irgendwie gar nicht vom Gemeinschaftsleben pausierten. Sondern, im Gegenteil, eigentlich gerade dabei waren, eine sehr intensive Gemeinschaftserfahrung in einem sehr kleinen Rahmen zu machen. Und dass diese Erfahrungen hier uns ganz viel zu Geben hatten, im Sinne von Selbsterkenntnis (Prioritäten, Bedürfnisse), gegenseitiges Verständnis (Reizthemen, Motivationen), Toleranz (Eigenarten, Unterschiede), Rücksichtsnahme (Perspektivwechsel, Kompromisse), Kommunikationsfähigkeiten und so einiges mehr.

Es war spannend, meine eigenen Grenzen besser auszuloten, mein Rückzugsbedürfnis und Bedürfnis nach Distanz zu erkennen und zu akzeptieren. Wieder und wieder Kompromisse miteinander zu schließen, besonders heikel in Sachen Ernährung, Konsumverhalten und Freizeitgestaltung.

Da G’s Geburtstag ziemlich am Anfang unserer Zeit hier lag, und dessen Gestaltung große Berührungspunkte mit meinen brisantesten Themen hatte (vor allem Konsum), gab dieses eigentlich schöne Ereignis viel Raum für innerlichen und äußerlichen Stress. Unseren ersten großen Familienkrach hatten wir zwei Tage vorher und auch am Geburtstag selber war ich leider noch sehr damit beschäftigt, meine Emotionen zu sortieren und zu integrieren. Deshalb konnte ich diesen Tag leider nicht wirklich genießen und habe versucht, mir meinem Kind zuliebe nicht zu viel davon anmerken zu lassen.

Danach ging es aber schnell bergauf, es kehrte wieder Harmonie ein und die Sensibilität und Rücksichtsnahme gegenüber den anderen erschien und erscheint mir bis heute viel tiefer als zuvor.

Für G hat das Leben im Mehr-Generationen-Haus auch viele Vorteile. Allerdings ist er insgesamt schon auf mich als sicherste Bindungsperson fixiert, was in Anbetracht der vielen einschneidenden Veränderungen, die er diesen Sommer in seinem Leben bewältigen muss, auch absolut verständlich ist. Dank der vielen Nachbars-Enkelkinder hat G auch immer wieder Kontakt mit Gleichaltrigen. Und eine liebe Freundin war ja mit ihren beiden Kleinen zwischendurch auch noch 10 Tage in der Nähe zu Besuch.

Also, was auch immer das Schicksal mit uns und unseren Visionen vorhat: die Wochen hier waren, auch wenn wir eigentlich ganz andere Pläne haben, wertvoll für unsere Entwicklung als Individuen, als Liebespaar, als (erwachsener) Sohn und Schwiegertochter, als Gemeinschaftssuchende und auch als Eltern.

Und nun beginnt sich langsam aber sicher die Vorfreude in meinem Körper auszubreiten. Ich spüre dieses sachte Kribbeln, ein flaues Gefühl in der Magengrube, wenn ich daran denke, dass wir uns bald wieder aufmachen werden. Los, ins Ungewisse. Ins Abenteuer voller ungeplanter Begebenheiten. Ich freue mich darauf, dort wieder anknüpfen zu können, wo unsere Reise bereits einmal gut begonnen hatte: im Austausch und in Begegnung mit Gleichgesinnten auf der Suche nach einer neuen Heimat für uns und unsere großen Träume…

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