Ausgeträumt? Nein, umgeträumt!

Ohweia, dieses Leben! Wie im letzten Beitrag schon angedeutet, hat sich unsere Perspektive auf unsere Auswanderpläne kräftig verschoben. Nicht zuletzt, weil wir uns den Film tomorrow angesehen und erkannt haben, dass unsere Prioritäten dringend ein Make-Over benötigen.

Und wo stehen wir jetzt, fragt Ihr Euch vielleicht? Nachdem uns noch mal sehr eindrücklich klar gemacht wurde, dass die oberste Priorität nicht So-weit-wie-möglich-weg, sondern eine realistische und vor allem ganzheitliche Alternative unseres Lebenswandels beinhaltet, und dass diese Ganzheitlichkeit (Nahrung, Energie, Bildung, Konsum, Wirtschaft, Mitsprache usw.) nur innerhalb einer größeren Gemeinschaft möglich ist, haben wir von unseren Neuseelandplänen erstmal Abstand genommen.
Denn nach Neuseeland auszuwandern würde bedeuten, sich örtlich für eine ganze Weile an eine Region zu binden, in der T einen Arbeitsplatz gehabt hätte. Ob dort ein Ökodorf zu finden ist, dass unseren Idealen gerecht wird, wäre mindestens unwahrscheinlich. Zeitlich wäre T für mehrere Jahre extrem damit eingebunden gewesen, seine Qualifikationen als Facharzt auf die Reihe zu kriegen und ob er seinen Wunsch nach einer Weiterbildung zum Psychotherapeuten hätte umsetzen können, stand völlig in den Sternen. Das wären etliche Jahre gewesen, in denen wir im System komplett verhaftet geblieben wären und der Ausstieg, also das Freikaufen aus einem Zustand der Sklaverei, wie wir es halb-scherzhaft nennen, wäre durch wirtschaftliche Zwänge hinausgezögert oder sogar extrem erschwert worden.

Diese Erkenntnis traf uns beide gleichermaßen direkt und gleichermaßen intensiv. Es gab keinen Weg daran vorbei. Blöderweise hatten wir natürlich keine Alternative parat, wer rechnet denn nach über zwei Jahren der inneren und äußeren Vorbereitung mit so einem Sinneswandel?

Was uns beiden ziemlich schnell klar war, ist dies: Wir wollen raus aus dem Wahnsinns-System und ein neues, passenderes Leben für uns finden. Dies geht nur, wenn wir uns frei machen von all den Verpflichtungen und dem Ballast unseres alten Lebens und uns hinaus in die Welt wagen, auf der Suche nach dem richtigen Ort, der richtigen Gemeinschaft, dem richtigen Weg.

Unser Plan festigt sich mittlerweile insoweit, als dass die Kündigung für unsere Wohnung nun hier vor mir liegt und wir uns schon konkret nach einer Lagermöglichkeit für unsere Sachen umschauen. Ob im Berliner Umland oder lieber in Richtung NRW, wo T´s Familie lebt und wo wir im Zweifelsfall auch mal kurzfristig unterkommen könnten, ist noch nicht 100%ig entschieden. Aber wir tendieren zu einer Garage in Westfalen. Dort können wir auch etwas günstiger weg kommen, wie es aussieht.

Dann werden wir doch ein paar mehr Möbel verkaufen, als ursprünglich geplant, aber wir werden ja immer besser im Loslassen von materiellen Dingen.

Einige Tage kreisten unsere Zukunftsideen dann um das Thema „Weltreise“. Also wirklich mehrere Kontinente anschauen, je nachdem wo es die besten Projekte gibt und komplett offen sein für alles. Mein Horizont erweiterte sich enorm, nachdem die Prioritäten wieder zurecht gerückt waren. Plötzlich schauten wir nach Eco villages in Süd-, Mittel- und Nordamerika und in Australien. Denn Südamerika und Australien waren für T schon lange auch eine Option, während ich mich schwer damit tat vom beschaulichen Neuseeland Abstand zu nehmen. Ein bisschen wärmer dürfte es ja aber schon sein, wenn wir doch offen für (fast) alles sind?

Aber so richtig ausgegoren erschien uns das Ganze noch nicht. Nicht ganz rund, irgendwie. In meinem Hinterkopf nagte der Gedanke, dass es auch die Leute geben muss, die in ihrem eigenen Dorf, in ihrem eigenen Land nach tragfähigen Lösungen suchen und sich mit den Gegebenheiten auseinander setzen, die vor der eigenen Haustüre eben vorhanden sind. Oder auf gut Deutsch gesagt, was nützt es meinem Kind, wenn wir in die Ferne ziehen, um unseren Traum vielleicht einfacher zu erreichen, aber die Dinge in unserem Herkunftsland einfach ignorieren und anderen das Aufräumen hinterlassen? Vom CO2-Print, den wir durch diverse Fernflüge verursachen würden, mal ganz zu schweigen.

Und was ist überhaupt mit dem Thema Geld verdienen? Wie schon gesagt, kostet die Freiheit vom kranken Wirtschaftssystem einen hohen Preis. Ohne Land, Material, Maschinen oder einer Energiequelle kommt auch der feinste Idealist nicht besonders weit.
Wir wollen ja auch nicht zurück in die Steinzeit. Wir wünschen uns ressourcen-orientierte Lösungen für alle Bereiche des modernen Lebens. Aber alles, was wir benötigen, um dahin zu gelangen, ist bisher noch in den alten Wirtschafts- und Machtstrukturen verhaftet.
Das heißt also eine Einnahmequelle brauchen wir für eine ganze Weile, bevor wir uns derartig etabliert haben, dass die Tauschkraft allein vielleicht irgendwann ausreicht um uns mit allem Nötigen zu versorgen.

Und man glaubt ja gar nicht, wie viele Länder es gibt, in denen T NICHT als Arzt anerkannt wird? Also so problematisch es auch ist, die Qualifikationen aus fremden Ländern zu akzeptieren, hätte ich doch ein bisschen bessere Chancen erwartet für einen deutschen Internisten. Nunja, solange es in Europa also deutlich einfacher geht, einen Job im eigenen Beruf zu finden, sollten wir das wohl doch noch nicht komplett abschreiben.

Nun, es bleibt ziemlich spannend, denn nachdem wir merkten, dass wir überhaupt keinen Plan mehr haben, wo wir eigentlich mit unserer Suche nun genau anfangen sollen, haben wir uns doch für das nahe liegendste entschieden: Wir beginnen in Europa, genauer gesagt in Deutschland und wollen uns dann langsam in den Süden fortbewegen. Wir beginnen nun die Recherche nach den (für uns) vielversprechendsten Gemeinschaften und bauen parallel dazu unseren Lebensmittelpunkt hier Stück für Stück ab, so dass wir Ende Juni abfahrtsbereit (und heimatlos, uaaah) sind, um auf Tour zu gehen.

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