Äußerer Stillstand – das Warten

Nun sind es tatsächlich schon etwas über drei Wochen, dass wir mit dem Wohnmobil liegen geblieben und bei meinen Schwiegereltern gestrandet sind. Drei Wochen, in denen zwar äußerlich nicht besonders viel passiert ist (von einem Kindergeburtstag vielleicht mal abgesehen), aber in meinem Inneren sind mehrere spannende Prozesse gleichzeitig am Laufen.

Der aktuelle Stand der Dinge ist der, dass die Hebebühne in der KfZ-Werkstatt bis jetzt nicht funktioniert und somit die Reparaturen an unserem WoMo auch noch nicht begonnen werden konnten. Dieses Problem soll angeblich Mitte der Woche nun endlich behoben werden, dann heißt es aber immer noch, abwarten, bis das Getriebe ausgebaut wurde, damit es per Spedition zum Fachmann nach Herne transportiert wird. Ob der das gute Stück dann wieder zum Einsatz bringen kann oder uns ein anderes überholtes Getriebe anbietet, werden wir dann erfahren.

Erstaunlicherweise kann ich mit der Verzögerung selbst ziemlich gut umgehen. Das Urvertrauen ist nach wie vor ungebrochen.
Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, in diesen Wochen derartig viele innere Prozesse zu erleben, wie es zur Zeit der Fall ist.

1. Konfliktfähigkeit

Ob man´s glaubt oder nicht: sowohl die größere Distanz als auch eine außergewöhnliche Nähe können unterschiedlichste innerfamiliäre Konfliktsituationen heraufbeschwören.
Und da ich die längste Zeit meines Lebens kaum eine andere Strategie kannte, als jegliche Arten von Konflikten zu vermeiden, ist der Umgang damit ein steiniger Weg und Reifeprozess. Dies bezieht sich jedenfalls auf mein privates Umfeld. In meinem Berufsleben musste ich den auftretenden Konflikten zwangsläufig anders – proaktiver- begegnen, aber dies gelang mir meist nur mit Hilfe unserer tollen Supervisorin (geschützer Raum) oder an der Seite meiner Lieblingskollegin, mit der ich einige intensive Jahre zusammen arbeiten durfte.

Mein Mann ist mir damals wie heute eine unglaubliche Stütze – ohne ihn würde ich mich wahrscheinlich immer noch lieber zurückziehen und hinter einer Schutzmauer vergraben. Aber ich WILL ja wirklich lernen, mich mit den Höhen und Tiefen der zwischenmenschlichen Energien auseinander zu setzen, denn wie auch sonst soll ich es in einer Gemeinschaft von vielleicht 80 oder 100 Personen schaffen, glücklich zu werden? Wenn es mir in meiner Kernfamilie nicht mal gelingt, auszusprechen, was mich bewegt oder Begegnungen zu erschaffen, in denen das gegenseitige Sehen, Respektieren und Verstehen-Wollen im Vordergrund stehen?

Für die Probleme, die durch Zu-Enges-Zusammensein auftreten, haben wir hier glücklicherweise schon langsam einen ganz guten Weg gefunden. Holprig war es zwischendurch, mal mehr mal weniger einfach zu bereinigen. Aber alle „Beteiligten“ sind gewillt, gemeinsam daran zu arbeiten, dass das Miteinander wieder in harmonischere Bahnen kommt. Jeder einzelne gibt sich nach seinen Möglichkeiten wirklich Mühe, den anderen zu verstehen, aber auch seine eigenen Grenzen und Befindlichkeiten so mitzuteilen, dass die anderen ihn oder sie -zumindest teilweise- verstehen können.

Es bringt uns alle näher zusammen, wenn wir wieder eine schwierige Situation gemeistert haben und uns ein wenig besser kennen lernen durften durch eben diese „negativen“ Emotionen oder nicht erfüllten Bedürfnisse unterschiedlichster Art.

Leider scheint es mir aus der Ferne nicht möglich, einen vergleichbar heilsamen Prozess mit meiner Familie anzustoßen. Nach meinen Erfahrungen der letzten zwei Jahre bin ich aber auch nicht sicher, ob die Entfernung wirklich das Problem ist. Ich glaube es fast nicht. Ich fürchte eher, die Konflikte hier schwelen schon zu lange und meine Vorschläge zur Aufarbeitung (moderierte Gespräche / Familientherapie / Einzeltherapie) fanden zur Zeit der ersten großen „Krise“ leider keinen fruchtbaren Boden vor.
Also versuche ich zwar grundsätzlich ein offenes Herz zu bewahren und keinerlei Groll aufzubauen, aber um mich vor erneuter Missachtung meiner Bedürfnisse und Zurückweisung durch mir sehr nahe stehende Menschen zu schützen, stelle ich gerade meine aktiven Bemühungen ein, den Konflikt anzugehen. Bereit dazu wäre ich sicherlich, aber die Verantwortung dies zu initiieren, gebe ich nun ab. Auch das ist wieder: ein Lernprozess.

2. Selbsterkenntnis

Intellektuellen Input erhalte ich gerade extrem viel aus dem Bereich des Human Design. Hierbei handelt es sich um ein relativ junges Konzept zur Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis. Das sog. Reading (= Interpretation meines Designs), das ich im Lebensgarten erhalten hatte, hat mich derartig aus den Socken gehauen, dass ich unbedingt noch mehr über das System und die Möglichkeiten der Selbsterfahrung und des Experimentierens heraus finden wollte. T geht es ähnlich.
Seitdem recherchieren und lesen wir ziemlich viel und ich habe auch schon begonnen, eine andere Wahrnehmung meiner Gefühle und meiner Gedanken zu entwickeln.

Da kommt also nach langer Zeit des inneren Stillstandes wirklich mal eine alltagstaugliche Möglichkeit des spirituellen Wachstums in mein Leben, die ich sicher noch weiter ausloten und begreifen möchte. Sehr spannend ist es auch, die Ideen und Konzepte auf unsere Familiengefüge anzuwenden, was mir auch schon sehr erhellende Momente beschert hat.
Und schließlich auch auf unsere eigene Elternschaft zu übertragen, aber da bin ich noch ganz am Anfang und kann noch keine wirklichen Aussagen dazu treffen, inwiefern diese Anregungen sich mit meinem Verständnis von den Bedürfnissen des Kindes letztlich kombinieren lassen.

3. Sexualität

Der dritte Bereich, in dem bei mir zur Zeit viel Veränderung eingeläutet wurde, ist mein Umgang mit Sexualität. Dank Nicole Daedone, Gründerin der One-Taste Organisation, deren Ziel die Verbreitung der „orgasmic meditation“ ist, baue ich langsam, aber sicher ein neues Körperbewusstsein auf, welches kurz und bündig als sehr heilsam und energetisierend bezeichnet werden könnte. Auch diese Reise hat gerade erst für mich begonnen, aber ich spüre schon jetzt, dass dort viel Gutes und Wahres drin steckt und bin neugierig, was mir auf diesem Weg weiter begegnen wird.

Und zum Schluss kann ich noch kurz erwähnen, dass mein Junge also nun 4 Jahre alt geworden ist und ich vor Mutterliebe und Mutterstolz fast geplatzt bin, als er ohne Probleme so mir nichts, dir nichts von seinem Laufrad auf ein echtes Fahrrad umgestiegen ist. Er war einfach so weit.

Alles, alles hat seine Zeit. Und das richtige Timing ist manchmal das wichtigste!
In dem Sinne hoffe ich, dass die lange Auszeit von unserer Tour, die gefühlt noch nicht mal richtig begonnen hatte, dafür sorgt, dass wir uns zur rechten Zeit mit den rechten Dingen beschäftigen und die richtigen Begegnungen passieren können.

2 Replies to “Äußerer Stillstand – das Warten”

  1. Das ist wirklich eine sehr spannende Zeit gerade bei euch!
    Auch wenn ich bisher nur still mitlese, möchte ich mich nun einmal zu Wort melden 🙂
    Was du bzgl. deiner Familie bzw. eurem Verhältnis zu euren Konflikten schreibst, kann ich sehr gut nachvollziehen. Mir hilft zur Zeit sehr das Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“. Dort geht es um das innere Kind und wie es heute unser Denken, Fühlen, Handeln prägt und wie wir ihm etwas Ruhe verschaffen können. Normalerweise lese ich sehr schnell, aber das Buch schaffe ich immer nur Kapitelweise, weil es so viel in mir anstößt. Vielleicht wäre das Buch auch etwas für dich?
    Ich wünsche euch alles Gute!
    Liebe Grüße, Frauke

    1. Liebe Frauke,
      vielen Dank für deinen Kommentar und den Buchtipp.
      Ich habe vor einigen Jahren das Buch „Die Aussöhnung mit dem inneren Kind“ gelesen und für mich selbst bin ich mittlerweile an einem recht gesunden Platz, was den Umgang mit meinen (getriggerten) Gefühlen angeht. Jedenfalls meistens 😉
      Tatsächlich würde ich mir wünschen, dass diese Auseinandersetzung mit dem verletzten inneren Kind und die Verantwortungsübernahme für die eigenen Emotionen auch bei meinen Angehörigen stattfinden würde. Leider stieß ich mit dieser Idee bisher nur auf Abwehrverhalten, so dass ich jetzt wie gesagt erstmal keine neue Initiative ergreifen möchte (aus Selbstschutz, weil ich ohne Bearbeitung der schwelenden Konflikte im alltäglichen Umgang ständig das Gefühl habe, eine Rolle um des lieben Friedens Willen zu spielen. )
      Ich schau mir aber auf jeden Fall den Buchtipp noch mal genauer an.
      Alles Gute
      Jitka

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