Wir werden Nomaden!

Hier herrschen weiterhin bewegte Zeiten vor. Die Wohnung haben wir jetzt zum 30.06. gekündigt und beginnen mit den Vorbereitungen für unsere Orientierungsreise. Inzwischen spreche ich nicht mehr so gerne davon, dass wir aus dem System aussteigen wollen. Vielmehr sind wir Teil der Bewegung, die neue Formen des menschlichen Gemeinschaftslebens schafft, um das alte (kranke) System überflüssig zu machen.

Mir ist inzwischen klar geworden, dass es für mich als Individuum nicht möglich ist, „nachhaltig“ zu leben in einem Zustand, in dem ich täglich für ein unnachhaltiges Gesamtkonstrukt zahle. Oder anders gesagt, selbst wenn wir als Kleinfamilie versuchen, so viel Wasser und Strom wie möglich zu sparen, uns komplett vegan und möglichst regional-saisonal zu ernähren, auf das Auto überwiegend oder gar komplett verzichten, Waschmittel nur noch selbst ohne Chemie herstellen und den eigenen Konsum auf ein Minimum reduzieren würden – selbst dann wäre unser ökologischer Fußabdruck noch weit größer, als es unserem Planeten auf Dauer bekommen würde – einzig und allein dadurch, dass wir in diesem Land, in dieser Straße, in diesem Haus wohnen, hier unsere Einkäufe tätigen, die gesamte Infrastruktur um uns herum durch sichtbare und versteckte Staatsabgaben mittragen.

Wir haben erkannt, dass wir unsere Comfortzone verlassen müssen, um heraus zu finden, wo unser Platz und welche unsere Rolle innerhalb dieser Bewegung für ein lebenswertes Morgen sein wird.

Wir wissen momentan, dass wir gar nichts wissen. Nicht, wohin genau wir ziehen sollen (wenn auch sicher raus aus Berlin, das steht fest), noch wissen wir, welche genaue Form der Gemeinschaft wir suchen, um unseren persönlichen Lebensmittelpunkt dorthin zu verlagern. Wir haben keine Ahnung, welche Aufgaben und Tätigkeiten uns erwarten oder welche unserer Fähigkeiten gebraucht und von Nutzen sein werden. Wir haben unser Budget so kalkuliert, dass unsere Ersparnisse – wenn es gut läuft – für ca. 1 Jahr reichen werden. Danach werden wir erstmal pleite sein und müssen darauf vertrauen, dass sich das Ziel unserer Reise für uns offenbaren wird, wenn wir erstmal unterwegs sind.

Auch fragen wir uns, in welchem Kontext unser individuelles Bemühen nach Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit stehen wird mit den großen Umwälzungen und Veränderungen, die dem globalen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem unweigerlich in den kommenden Jahr(zehnt)en bevorstehen.

Zur Zeit lese ich das Buch Ecovillages, welches mir eine Leserin empfohlen hat. (Danke, liebe A.) Und es hilft mir auf jeden Fall sehr, meine eigene Suche besser zu definieren und das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. In diesem Buch werden die Ökodörfler als Samen oder auch als Pionierspflanzen verstanden, welche notwendig sind, um den Boden für die erst später kommende, üppigere Vegetation zu bereiten. Pioniersarbeit ist definitiv anstrengend, aber die Mühe lohnt sich, wenn die Arbeit irgendwann beginnt Früchte zu tragen – wie sie das für viele der bereits langjährig bestehenden Gemeinden anscheinend auch tut.

Dann haben wir uns den Film Ein neues Wir angesehen und unsere Vorfreude und Lust auf Gemeinschaftserfahrungen wächst und stachelt uns an, die schweren Zöpfe unseres alten Lebens radikal abzuschneiden, um Platz zu machen für unseren nächsten Lebensabschnitt.

Praktisch sieht es nun so aus: Ende der Woche wird T nach Baden-Württemberg reisen und ein gebrauchtes Wohnmobil für uns abholen. Denn unser neues Zuhause wird 4 Räder haben und uns durch Europa kutschieren, auf der Suche nach Sinn und Klärung. Wir werden also ortsunabhängig, wie es so schön heißt. Ende Juni geht es los.

Bis dahin haben wir jetzt alle Hände voll zu tun damit, unseren Hausstand soweit zu reduzieren, dass all unser materielles Hab und Gut am Ende in eine kleine Garage passt. Also geht es jetzt allen blinden Flecken an den Kragen, samt Dachboden, Keller und Abstellkammer. UAAAAAH!

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