Die Ungeduld der letzten Tage hat sich zum Glück wieder etwas gelegt. Ich habe mich im Loslassen und Vertrauen-ins-Universum-Haben geübt. Einigermaßen erfolgreich. Vielleicht ist aber auch nur meine Hormonlage wieder im Lot, ich weiß es nicht. Zumindest habe ich ein besseres Gefühl dafür bekommen, was ich mir für die nächste Zeit wünsche – und ohne die richtige Vision konnte ja schließlich auch bislang nichts passieren, oder?

Von vielen Seiten wurde uns gesagt, wie mutig wir seien, diesen extrem erscheinenden Schritt zu gehen. Ich fand es gar nicht so mutig, eigentlich nur konsequent oder folgerichtig.
Das eigene Leben derartig umzukrempeln ist für viele offenbar mit diversen Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Und ganz frei davon bin ich zwar auch nicht, aber ich habe nicht das Gefühl, als könnte ich viel verlieren.

Ich befinde mich noch in einer Art Schwebezustand, in dem das alte Bekannte noch nicht ganz abgelegt ist, der ursprüngliche Plan (Auswandern nach Neuseeland) nicht umgesetzt wurde und die neue Vision zwar spürbar ist, aber noch nicht richtig Form angenommen hat.

So ein Erlebnis hatte ich schon einmal: ein halbes Leben ist das jetzt her, als ich die Schule abbrach, obwohl ich als damals Klassenbeste ohne große Mühen ein hervorragendes Abitur hätte ablegen können.
Das alte System Regelschule hatte für mich ausgedient. Die Pläne waren auch damals mit meinen 16 Jahren schon recht ambitioniert: Aussteigen, die Zivilisation verlassen, einen Stamm in Neuseeland gründen und ein Leben jenseits der modernen Ausbeutungsgesellschaft führen.

Damals war ich natürlich noch blutjung und sicherlich vom unausweichlichen Größenwahn einer 16-Jährigen gepackt. Hatte ich eine genaue Ahnung oder konkrete Vorstellungen, wie ich meine Pläne umsetzen sollte und was damit verbunden war? Konnte ich die Dramatik der Veränderung ernsthaft erkennen? Nein, nein und nochmals nein. Ich folgte einfach meinem Herzen, die Flamme, die da begonnen hatte zu brennen, war durch nichts auszulöschen.

Was ich damals so klar erkannt hatte, ist bis heute ungebrochene Realität für mich: Die Schule abzubrechen war die beste Entscheidung meines Lebens. Sie hat mich auf den Weg geführt, auf dem ich noch immer wandel und mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Nach einigen Wochen, während derer mein Schulabbruch entschiedene Sache war, ich aber noch keine reale Idee hatte, was ich als nächstes tun würde, stieß ich auf die Annonce einer Schule für Naturheilkunde und wusste sofort: das ist es!
Während also meine Klassenkamerad_*innen drei Jahre Oberstufe abrissen und danach ihre Karriere an der Uni aufnahmen, saß ich statt dessen von nun an jeden Nachmittag im Heilpraktikerunterricht. Ebenfalls drei Jahre lang.

Meine Klasse und Jahrgangsstufe wurde ersetzt durch zwei Dutzend erwachsene, unglaublich inspirierende Menschen (ich war mit Abstand die Jüngste in dem Kurs, da niemand anderes in meinem Alter auf die verrückte Idee gekommen war, eine Heilpraktikerausbildung zu absolvieren, wenn die staatliche Prüfung erst mit 25 Jahren abgelegt werden kann.)
Diese Leute waren alle so unterschiedlich, jeder und jede auf ihrer eigenen Suche und Reise, aber verbunden hat alle einige wichtige Eigenschaften: Toleranz, Herzlichkeit, Gemeinschaftssinn. Und vielleicht auch die Vision, die Welt ein klein wenig besser zu machen als Heiler_*in, Therapeut_*in oder schlicht durch die gesammelten Erfahrungen und das Wissen um die Naturheilkunde als solches.

Meine Lehrer und Lehrerinnen waren nicht weniger beeindruckend und alles in allem waren diese drei Jahre wahrscheinlich die schönste und prägendste Zeit auf meinem Weg zum Erwachsenwerden.

Habe ich meinen Plan, nach Neuseeland zu gehen, umgesetzt? Nein. Bin ich statt dessen Heilpraktikerin geworden? Jein. Offiziell schon, denn die Prüfung habe ich tatsächlich später noch gemacht. Aber gearbeitet habe ich nie als solche. Habe ich meinen Traum gelebt und etwas gefunden, was mich ausfüllt und glücklich macht? Definitiv ja! Ich wurde nämlich Hebamme und verbrachte einige Jahre mit großem Herzblut für diesen Beruf. Doch das Ende war das auch noch nicht.

Es kam die Zeit, da stieß ich im System wieder an meine Grenzen. Als Vorstandsmitglied im Berliner Hebammenverband verlor ich viel Kraft und schließlich den Mut, als ich versuchte politisch etwas an der Arbeitssituation der Hebammen zu verbessern. Auch die Teamarbeit mit den anderen Hebammen und mit den Ärzt_*innen rieb mich über die Jahre mehr und mehr auf. Es gab diese Handvoll Kolleg_*innen, mit denen ich wirklich wunderbar zusammen arbeiten konnte, mit denen ich mich als echte Gemeinschaft wahrnahm und bis ans Ende meiner Tage hätte weiter arbeiten können. Doch das Leben spielte rein und Familiensituationen veränderten sich, Wege trennten sich.

Danach traf ich leider viele, mit denen das gemeinsame Arbeiten nicht so unkompliziert funktionierte. Und die Nerven, die es kostete, sich ständig mit allen Befindlichkeiten zu arrangieren plus die Frustration über den eigenen Berufsverband und die Ohnmacht gegenüber der großen politischen Strömung – all das zusammen brachte mich dazu, ein zweites Mal in meinem Leben ernsthaft über das Auswandern nachzudenken.

Diesmal waren meine Erfahrungen schon reicher, meine Vorstellungen konkreter, die Suche nicht mehr pubertär, sondern ein Resultat erwachsener Reflektion und Abwägungen. Doch was soll ich sagen? Letztenendes war Neuseeland aus verschiedenen Gründen doch wieder nicht die richtige Entscheidung, doch hat der Traum vom Land der großen weißen Wolke ein zweites Mal eine radikale Veränderung in meinem Leben angestoßen.

Wohin das führt? Was daraus erwächst? Ich weiß es nicht. Aber ich habe Vertrauen. Ich glaube hundertprozentig daran, dass dieser Lebensabschnitt ein notwendiger Übergangszustand ist, mit all seinen Unwägbarkeiten. Und ich bin absolut davon überzeugt, dass wir so oder so etwas finden werden, was die Suche rechtfertigen und die Anstrengungen dieser Zeit in die richtige Perspektive rücken wird.

Und selbst wenn ich nie mehr in meinem Leben nach Neuseeland reisen werde (was in Anbetracht meines neuen Bewusstseins für Flugverkehr im Allgemeinen und Vergnügungsreisen im Besonderen eher unwahrscheinlich ist), wird dieses Land mich immer daran erinnern, nicht stehen zu bleiben und die Welt auch weiterhin zu einem besseren Ort zu machen.

Kennt ihr das? Was ist euer persönlicher Reminder, aus eurer eigenen Unzufriedenheit heraus zu kommen und die Dinge zu verändern, die sich nicht gut anfühlen?

One Thought on “Neuseeland: Mein Sinnbild für ein besseres Leben

  1. Annelie on 15. Juli 2017 at 22:39 said:

    Schön und berührend geschrieben, Jitka, das Glück sucht Euch schon und findet Euch schon, glaube ich. Wenn doch nur mehr Menschen den Mut hätten, zu tun, was ihr HERZ will! Annelie

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