Goodbye, Casa Del Dragon?!

Unser Aufenthalt an unserer derzeitigen Wegetappe geht langsam zu Ende. Etwas über zwei Monate haben wir hier verbracht, haben viel erlebt, so manches dazu gelernt und gehen sehr bereichert von hier fort. Doch auch wenn der Ort faszinierend und die Atmosphäre sehr offen war, bleibt es eine Station auf unserer Reise und wird nicht unser Zuhause werden.

Die Gemeinschaft heißt Familia Feliz, und lebt dezentral an derzeit zwei verschiedenen Standorten: ein Mitglied wohnt die meiste Zeit des Jahres über hier in Spanien, die anderen beiden haben sich zusammen in Deutschland, nahe Köln niedergelassen.

Die Gegend, in der wir uns befinden, heißt Castellon. Benicarlo und Vinaros, die beiden nächstgrößeren Städte, sind in einer knappen halben Stunde mit dem Auto erreichbar. Dort kann man auch ans Meer, wie wir mehrfach getestet haben.

Es gibt sehr wenig feste Regeln für das Zusammenleben, da die Strukturen flexibel bleiben sollen. Die Menschen, die zeitweise in einer home unit zusammen leben, machen immer selbst aus, wie das Miteinander praktisch aussehen soll.

In der Gemeinschaft selbst gibt es eine spezielle Form der Schenk-Ökonomie, das bedingungslose Schenken von Zeit und Geld. Das bedeutet konkret, dass jede*r sein eigenes Geld verdient und bei größeren Vorhaben bei den anderen Mitgliedern um eine Schenkung von finanziellen Mitteln und/oder Unterstützung „wirbt“, ohne dass eine Gegenleistung erwartet wird.

Auch Gäste werden ein Stück weit in diesen Prozess mit eingeladen, allerdings gibt es da eher individuelle Einzelabsprachen über finanzielle Belange und Nutzung der Ressourcen. Grundsätzlich ist mein Interesse an einer Schenkökonomie hier weiter angefüttert worden und sie war eine der wertvollsten Inspirationen an diesem Ort. Mal schauen, was ich von den Eindrücken hier für mein weiteres Leben mitnehmen werde.

Ein Leitsatz der Familia Feliz lautet übrigens: Die Gemeinschaft ist schwach (wenig Regeln und Struktur), aber die einzelnen Mitglieder sind stark, im Sinne von materiell unabhängig – auch im Falle eines Austretens aus der Gemeinschaft behalten sie ihre Güter. So verteilt sich der Besitz der verschiedenen Häuser und Grundstücke absichtlich auf die einzelnen Mitglieder und wird gemeinschaftlich von allen genutzt.

Ein Vorteil der dezentralen Lebensweise ist unter anderem, dass zwischen Spanien und Deutschland Dinge getauscht werden können – hier wachsen zum Beispiel mehr Feigen, Granatäpfel, Johannisbrot, Mandeln und Oliven, als einer alleine verbrauchen könnte. Dafür gibt es in Deutschland Obstbäume mit Äpfeln und Kirschen. Aber auch das Reisen erleichtert sich enorm,  wenn es in dem Zielland einen Ort gibt, wo du immer ein Dach über dem Kopf vorfinden kannst. Von allem weiteren ganz abgesehen.

Diese Dezentralisierung erscheint mir als ein wichtiger und genialer Bestandteil hin zu einem neuen nachhaltigeren und sozialeren Miteinander und zu mehr Autonomie und Unabhängigkeit der Lebensgemeinschaften vom alten kapitalistischen System. Ein globales Netzwerk des Schenkens – Das braucht die Welt!

Die Landschaft ist durch Berge, Täler und Meer sehr idyllisch und strahlt Ruhe aus. Das Angebot an uns, hier herzuziehen klingt sehr offen formuliert (zum Beispiel wird nicht vorausgesetzt, dass man Mitglied der Familia Feliz werden oder sich für einen bestimmten Zeitraum verpflichten muss) und das Dörfchen mit seinen freundlichen Bewohner_*innen und einer Handvoll Geschäfte wie z.B.Lebensmittelladen, Apotheke, Bäckerei, einem kleinen kneipenartigen Lokal, Bücherei und Kindergarten/Grundschule besitzt sicher seinen Charme.

Dennoch sind T und ich einer Meinung: zu klein ist uns die Gemeinschaft hier vor Ort (momentan ist noch komplett unklar, wer hier im kommenden Jahr überhaupt leben wird), zu rudimentär erscheint uns die Ausstattung / Infrastruktur ohne Aussicht auf baldige Veränderung (insbesondere Wasseranschluss und Stromerzeugung sind im gesamten Gartenbereich, in dem wir uns ansiedeln könnten, nicht vorhanden) und zu unstet bleibt die Konstellation von Reisenden und Gästen mit ihren sehr unterschiedlichen Motiven, hier zu sein.

Es hat trotz langem, intensiv erscheinendem Aufenthalt nicht klick gemacht für uns (wenn wir die Idee, irgendwann einmal ein Teil der Familia Feliz zu sein, auch noch nicht gänzlich ausklammern würden) und so ziehen wir bald wieder los und erweitern unseren Erfahrungshorizont. Tatsächlich hilft es mir, zu lernen und zu erkennen, wie ich gerne leben möchte, indem ich auch Orte kennen lerne, an denen ich es mir nicht vorstellen kann. Dies zu reflektieren und zu sammeln, was mir gut gefällt und was ich lieber anders hätte, ist ja letztlich der Hauptsinn des Herumreisens. Jede weitere Erfahrung ist wie ein Puzzleteil im Puzzle unserer großen Suche.

Um mich auf die Abreise einzustimmen, gibt es heute meine ganz persönliche Liste der Tops und Flops im spanischen Cervera del Maestre:

Top-Liste

1. Essen

Das Kochen hat mir super viel Spaß gemacht und ich kann mir gut vorstellen,  in Zukunft regelmäßig Mahlzeiten für größere Gruppen zuzubereiten. Die Nahrungsmittel waren frisch und abwechslungsreich,  ich konnte mich in regionaler-saisonaler Küche üben. Außerdem hat Hermann, mein Sauerteig, schon sieben Wochen überlebt – Brot backen läuft also.

2. Rhythmus

Ich war insgesamt recht zufrieden damit, dass wir schnell und dauerhaft einen Rhythmus etablieren konnten, der unseren Bedürfnissen entsprach und gemeinschaftsverträglich war. Feste Essenszeiten als Grundpfeiler sind mir einfach mittlerweile total wichtig und ich möchte sie nicht mehr missen.

3. Zeit

Ach, war das wohltuend!  An diesem Ort habe ich es wirklich geschafft,  eine gute Balance zu finden. Ich habe viel Zeit mit der und für die Gruppe verbracht. Aber ebenso kam ich dazu, in aller Ruhe zu bloggen,  meine Rücken-Gymnastik zu machen und ganz wichtig: meine Beziehung zu meinem Liebsten zu pflegen. Nachdem wir keinen direkten Mitbewohner mehr in unserem Wohntrakt hatten,  konnten wir das zweite Masionette-Zimmer für unsere Paarzeit und Paarmeditationen nutzen und das war genau das Richtige.

4. Werkstatt vor Ort

Wie wir während unserer Odyssee feststellen mussten, gibt es viele Autowerkstätten, die uns mit unserem 24 Jahre alten Wohnmobil nicht weiter helfen können oder wollen. Was für ein Glück, dass in hundert Metern Luftlinie von unserer Unterkunft entfernt ein kompetenter Mechaniker zu finden war,  der unsere alte Möhre wieder fit macht! *klopfaufholz*

5. Die Welt entdecken 

Es war wirklich ein Ort, an dem G wahnsinnig viel erleben und vor allem selbst tun konnte. Kletterbäume,  Froschbecken, Matschküche, Malen, Konstruieren und Basteln, Werkzeuge, Kochen und Backen, Feuer groß und klein… Ich könnte noch lange weiter aufzählen. Genau so wünsche ich es meinem Kind, die Welt zu entdecken und nach seinen Interessen zu forschen und zu lernen.

6. Feiern

Und last but not least war es einfach nur großartig, hier meinen Geburtstag feiern zu dürfen. Die viele Liebe und Aufmerksamkeit haben mich echt gerührt und die 24 kleinen Adventspäckchen werden mich noch eine Weile begleiten, selbst wenn wir schon längst wieder unterwegs zu neuen Zielen sind. Und die Adventszeit konnten wir mit den vorhandenen Materialien wunderbar einläuten.

Flop-Liste

1. Wasser

Es mag vielleicht total verwöhnt klingen, aber der geringe Wasserdruck und das ständige Schwanken zwischen zu heiß und zu kalt, war auf Dauer ein Minuspunkt auf meiner Wohlfühlliste. Ich glaube unter anderen Umständen hätte ich vielleicht mit meinem No-Poo Experiment noch weiter durchgehalten, aber so war an eine Roggenmehlkur nicht zu denken!
Und an den extremen Chlorgeschmack des Leitungswassers konnte ich mich auch nicht richtig gewöhnen,  das schmeckt auch nach neun Wochen noch wie Schwimmbad.

2. Gemütlichkeit / Heizung

Neben der suboptimalen Wasserversorgung kam auch noch hinzu,  dass wir zum Ende unseres Besuches zu spüren kriegten,  wie kalt das Haus im Winter werden kann! In direkter Ofennähe ging es zwar ohne Schwierigkeiten, aber überall sonst kroch mir die Kälte ständig in die Glieder. Jeder Toilettengang, Duschen sowieso, Arbeiten in der Küche,  beim Wechseln des Haustraktes – so viele Male am Tag frieren fand ich schlicht und ergreifend ungeil.

3. Garten

An sich ist das Grundstück wirklich sehr schön und hat viel Potential. Aber ohne einen gemütlichen (mücken- und fliegenfreien) Ruheplatz und ohne halbwegs brauchbare sanitäre Anlagen (ich sage nur Kacke-Grube-Graben) ist für mich der Aufenthalt immer eine gewisse Kraftanstrengung gewesen.

Leichte Besserung trat nach unserer Aufräumaktion am Küchenwagen ein, aber um dauerhaft viel draußen sein und arbeiten zu können,  braucht es für mich einfach doch ein wenig mehr Komfort. Gut zu wissen.

4. Zu wenig Kinder

Dieser Punkt betrifft meinen Jungen. Denn wochenlang nur von Erwachsenen umgeben zu sein, reicht eindeutig nicht mehr aus. Ich sehe ja wie er aufblüht,  wenn Gleichaltrige ins Spiel kommen.  Zum Spielen, Toben und sozialen Lernen braucht er seine Peergroup. Für uns definitiv ein Hauptargument gegen ein Niederlassen an diesem Ort.

5. Fehlende Strukturen

Einerseits hat die Vorstellung von individueller Freiheit an diesem „sozialen Raum für persönliches Glück“ ihren Reiz. Allerdings spürte ich in der praktischen Umsetzung doch so manche Widersprüche und Schwierigkeiten.  Meine eigenen Bedürfnisse nach Sicherheit bietenden Grundstrukturen und mehr Planbarkeit im Alltag und bei Projekten werden hier nicht erfüllt.

Der nur schwankend vorherrschende Gemeinschaftssinn kostete mich Kraft und wirkte desöfteren demotivierend auf mich und die große Anzahl unvollendeter Projekte verstärken dieses Gefühl, dass hier einfach etwas Entscheidendes fehlt, um wirklich etwas aufbauen und entstehen lassen zu können.

6. Experimentelle Küche

Hier im Hause gab es jede Menge Überbleibsel an Küchenexperimenten zu entdecken. So einiges haben wir in unserer Zeit entsorgt, anderes haben wir versucht zu essen oder zu etwas Essbarem umzuwandeln, mit mäßigem Erfolg. Quitte kann ich leider für eine Weile nicht mehr sehen, diesen Geschmack verbinde ich vielleicht auf ewig mit einem gruseligen Aufstrich mit viel zu viel Nelken darin. Örks.

Hauptsächlich hatten wir aber eine fantastische Zeit hier und wollen die Erfahrungen auf keinen Fall missen. Einiges, was wir so nicht möchten,  wurde klarer und greifbarer. Andere Inspirationen nehmen wir auf jeden Fall mit und ich bin auch ein Stück weit offener geworden,  was meine ursprünglichen Vorstellungen von der perfekten Gemeinschaft angeht. Vielleicht haben wir sogar eine Idee mit auf den Weg genommen,  die die finanzielle Seite eines größeren Projektes unterstützen und unsere Träume einer Altersversorgung für uns und unsere Lebensgemeinschaft langfristig Wirklichkeit werden lassen könnte. Aber das wird sich erst dann konkretisieren und entwickeln,  wenn wir uns irgendwann für ein Zuhause entschieden haben.

Das nächste Ziel liegt jedenfalls in Andalusien und dort werden wir hoffentlich ein lebhaft-feierliches Jahresende zubringen. Wir sind gespannt!

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