Ist Essen ein Erziehungsfeld?

Noch vor knapp zwei Jahren hätte ich diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantwortet: Nein, Essen ist ganz sicher KEIN Erziehungsfeld. Was ich damit meinte war, dass ich mein Kind zu nichts zwingen würde, was mit dem Thema Nahrungsaufnahme zu tun hat. Ich würde es nicht dazu zwingen, etwas zu essen, was es nicht mag. Und ich würde ihm keine Vorgaben machen, was feste Zeiten oder Regeln bei Tisch anging.

Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass diese Einstellung sehr viel mit meinen eigenen Kindheitserfahrungen zu tun hat. Bei uns gab es (meiner Erinnerung nach) überhaupt keine festen Regeln in Bezug auf das Essen. Eine Anekdote, die mir in den Sinn kommt, ist die, dass ich als Kleinkind mehrere Monate lang nur Pudding und Pfannkuchen essen wollte – und dass ich diese dann auch bekommen habe. Unabhängig davon, was meine Eltern an Essen zubereitet und auf den Tisch gestellt hatten.

Vermischt mit diesen Erfahrungen war wohl auch der innere Drang (aka Bauchgefühl), mein eigenes Kind ständig zufrieden zu sehen und mich verantwortlich und zur Handlung aufgerufen zu fühlen, sobald es Anzeichen von Unzufriedenheit zeigte. Diese Haltung dominierte eigentlich mein gesamtes erstes Jahr als Mutter und reichte auch noch ins zweite Lebensjahr hinein. Meine Auffassung von Bedürfnisorientiertheit war damals etwas vernebelt von meiner eigenen Biographie und weniger gegründet auf Wissen um die wahren Bedürfnisse des Menschen.

Diese innere Stimme beeinflusste sicherlich auch meinen Umgang mit der Ernährung -ich denke, ich habe vielleicht so manches Quengeln misinterpretiert und meinem Baby und Kleinkind die Brust oder später auch etwas zu essen angeboten, wenn dies gar nicht unbedingt nötig war- doch als mein Kind etwas über zwei Jahre alt war, entdeckte ich die Impulse zur Bindungspädagogik und mein Verständnis für die kindlichen Bedürfnisse veränderte sich sehr.

Ab da habe ich für mich viel dazu gelernt und verstanden, die „negativen“ Emotionen wie z.B. Wut oder Frustration willkommen zu heißen und mein Kind in Zeiten von Unzufriedenheit zu begleiten, anstatt das „Unglück“ jedes Mal abmildern oder gar aufheben zu wollen.

Mittlerweile sehe ich die Sache mit dem Essen auch deutlich anders. Zumindest, was die Rahmenbedingungen im Sinne einer bedürfnisorientierten Erziehung hier angeht.

Nach wie vor vertraue ich darauf, dass jedes (gesunde) Kind instinktiv spürt, wann und wie viel es von welchem angebotenen Lebensmittel zu sich nehmen möchte. Ich würde mein Kind niemals dazu zwingen, sei es mit verbaler Manipulation oder Schlimmerem, etwas zu essen, was es nicht essen möchte. Auch gibt es kein „Aufessen-Müssen“, wenn das Kind sich mehr auf den Teller getan hat, als es dann schafft. Ich möchte, dass mein Kind mit der Nahrungsaufnahme keinerlei Zwang oder Druck verbindet und auf sein eigenes Sättigungsgefühl zu hören lernen kann. Und die ganze schmierige Mit-Essen-sinnlich-in-Berührung-Kommen-Phase würde ich ebenfalls 1 zu 1 heute so wieder machen wie damals :o)

Was sich geändert hat, ist mein Bewusstsein dafür, welche verschiedenen Grundbedürfnisse mit einer regelmäßigen Einnahme gemeinsamer Mahlzeiten erfüllt werden können.

Wenn ich dafür sorge, dass die Mahlzeiten zu recht geregelten Zeiten, verbunden mit festen Ritualen (bei uns Glocke und Tischlied, hinterher das obligatorische Abräumen des eigenen Geschirrs) vonstatten gehen, wenn diese Mahlzeiten in Ruhe und gemeinsam eingenommen werden können, dann erfülle ich durch eine recht simple Sache mindestens 3 verschiedene (kindliche) Bedürfnisse auf einen Streich:

Das Bedürfnis nach Rhythmus, Struktur und Ordnung
Dies gibt ihm Sicherheit durch Bekanntes und durch Vorhersagbarkeit. Es stärkt eine gesunde Entwicklung der inneren Organe -diese arbeiten auch sehr rhythmisch, umso besser, wenn man sie darin unterstützt.

Das Bedürfnis nach elterlicher Führung und Autorität
Wieder ein Aspekt des Sicherheitsbedürfnisses, der durch die liebevolle Führung befriedigt wird. Mein Kind ist nicht dafür verantwortlich, wann es was zu essen gibt. Es muss hier keine unnötigen Entscheidungen treffen, sondern darf sich auf seine Eltern verlassen und seine Energie in seine Entwicklung stecken.

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Aufmerksamkeit
Die Rituale, die Freude, die spürbare Verbundenheit, das Beisammensein. All das sorgt dafür, dass unser Kind gerne zu uns an den Tisch kommt, wenn das Essen fertig ist. Es fühlt sich sicher aufgehoben in seiner Sippe und das mindestens drei mal am Tag, wenn die Essensglocke läutet.

Durch ein Einbeziehen in die Vorbereitungen stärke ich weiterhin das Gefühl der Zugehörigkeit, unterstütze außerdem die Selbstachtung und Selbstwirksamkeit. Das Bedürfnis nach Autonomie findet seine Entsprechung am Tisch, indem das Kind absolut selbst entscheidet, was es von den angebotenen Speisen in welcher Reihenfolge und Menge essen möchte. Dies sind absolut angemessene Entscheidungsräume, selbst für ein ganz kleines Kind.

Je größer mein Junge wird – wir nähern uns dem 4. Geburtstag -, umso eher kann ich ihn in die Essensplanung einbeziehen. So vergrößern sich ganz organisch seine „Rechte“ ebenso wie seine „Pflichten“ (Aber das ist ein eigenes Thema und soll an anderer Stelle ausführlicher bertrachtet werden).

Ein letzter wichtiger Punkt, der mir noch zu diesem Thema einfällt: Inzwischen traue ich meinem Kind auch kleine „Entbehrungen“ zu, wie zum Beispiel wirklich richtigen Hunger zu bekommen anstatt ihm beim kleinsten Quengeln einen Snack außer der Reihe vorzusetzen, insbesondere wenn es bei der vorherigen Mahlzeit nichts haben wollte. Dies war ein echter Lernprozess für mich, aber es hat sich alles immer so gut eingespielt, auch wenn sich beim Essen oder im Tagesablauf etwas geändert hat, dass ich mich in dem Bereich langsam wirklich selbstsicher und klar fühle.
Denn auch das Gefühl des Hungers hat eine wichtige Daseinsberechtigung in der Erfüllung anderer Bedürfnisse wie das der Achtung und Wertschätzung vor anderen bzw. für das Essen, das dann als nächstes bereit steht.

Nie würde ich dann mein Kind abschätzig behandeln, oder ihm gar vorhalten „Das hast du nun davon, hättest du vorhin mal richtig zugelangt, hättest du jetzt keinen Hunger!“ Nein, das ist definitiv keine herzverbundene Form, der Lernsituation für das Kind zu begegnen. Lieber bleibe ich empathisch zugewandt, verständnisvoll, aber gebe klar und freundlich zu verstehen: „Ich sehe, du hast Hunger. Aber bald gibt es ja wieder was!“

Nicht vergessen sollten wir unbedingt meine eigenen (elterlichen) Bedürfnisse, die neben den genannten Dingen wie Rhythmus, Zugehörigkeit usw. auch noch die Wertschätzung meiner Arbeit in der Küche beinhaltet. (Dadurch, dass alle hungrig an den Tisch kommen wird das Essen automatisch mehr wertgeschätzt.) Außerdem erfüllt es mein Bedürfnis nach Pausen und Entspannung / Entlastung, wenn alle gemeinsam essen und gemeinsam fertig sind, so dass ich nicht den ganzen Tag für außerordentliche Snacks oder Zwischenmahlzeiten sorgen muss, wenn diese gefordert werden.

So, das waren meine Gedanken zum Thema Essen in der Erziehung. Bald möchte ich darüber berichten, wie sich meine persönliche Einstellung zum Thema Essen gewandelt hat und auch weiterhin in Bewegung ist. Das hat viel mit unserer Umstellung zum Veganismus zu tun, aber vor allem auch mit dem Wunsch, uns in Zukunft noch Ressourcen-schonender zu ernähren.

Wie haltet Ihr selbst es denn in Eurer Familie mit den Mahlzeiten? Und warum macht Ihr es so und nicht anders?

Schreibe einen Kommentar

*