Willensfragen

Neulich, beim Anziehen und Fertigmachen zum Losgehen musste ich irgendwie darüber nachdenken, wie selbstverständlich und wie reibungslos das mit unserem Vierjährigen klappt und wie groß mein Junge schon geworden ist. Und ich beziehe mich dabei nicht nur auf seine Körperlänge, sondern vor allem das, was innerlich in ihm in der kurzen Spanne seines Lebens bereits gewachsen ist.

Natürlich ist er relativ gesehen immer noch ganz schön klein, was seine körperliche, geistige und seelische Reife anbelangt. Aber ich habe den Eindruck, als wenn gerade nach dem Fiebertag vorletzte Woche in Sachen Willensbildung einiges passiert ist. Also dass er mehr Ausdauer an den Tag legt, selbständiger Dinge durchzuführen und zu erreichen.

So kam ich ein wenig ins Denken und las manch interessante Ansätze über das Wollen, den Willen und die Schulung von Willenskraft.

Dass ein Kind beispielsweise lautstark und vehement –seinem Lustprinzip folgend– die Erfüllung eines Wunsches herbei führen möchte, ist nicht etwa gleich zu setzen mit einem starken Willen.

Im deutschen Sprachgebrauch liegt es sicherlich nahe, kindliches Wollen und Willensstärke miteinander zu verwechseln („Ihr Kind hat aber einen starken Willen!„). Doch beim Stöbern in Psychologie, Philosophie und Anthroposophie bin ich auf folgende unterschiedliche Begriffsdefinitionen gestoßen:

Wille bezeichnet innerhalb der Psychologie den Entscheidungsakt (Willensakt) und die darauf folgende bewusste, willentliche Umsetzung von Zielen und Motiven in Resultate (Ergebnisse) durch zielgerichtetes, willensgesteuertes Handeln eines Menschen durch ihn selbst.

Als Wille bezeichnet man (philosophisch) die dem bewussten Handeln zugrunde liegende «Fähigkeit», sich bewußt aufgrund von Beweggründen (Motiven) für einen bestimmten Handlungsweg oder eine bestimmte Handlungsart zu entscheiden.

Oder auch so:

Unter dem Begriff Wille versteht man die im Handeln zum Ausdruck kommende Fähigkeit der persönlichen Selbstbestimmung. Man übernimmt Verantwortung für sein Handeln. Daher muss für den Willensakt ein Maß von Wachheit und Einsicht vorausgesetzt werden. Der Handlungsvollzug kann sich zeitlich weit vom Entschluss absetzen.

Der Willensbegriff betont die bewußte Ausrichtung des Handelns, und damit die Anstrengungsbereitschaft auf ein Ziel hin. Die auffälligste Willensbekundung des Entscheidungsprozesses ist der Entschluß, eine bestimmte Alternative auszuwählen.

Kann demnach ein Kleinkind denn überhaupt schon einen ausgebildeten starken Willen besitzen?  Gemäß dieser vielen unterschiedlichen Definitionen verstehe ich es so, dass es das nicht kann.

Ja, es kann natürlich etwas wollen (wünschen) oder auch nicht-wollen und dieses mit Kraft und Energie ausdrücken. Insofern hat es schon einen Willen, der ständig Impulse für sein Tun und seinen Ausdruck setzt und sich stetig weiter entwickelt.

Kleine Kinder sind aber entwicklungs-psychologisch noch in einem völlig anderen Reifezustand, als ein Erwachsener. Ihnen fehlen (noch) bestimmte Eigenschaften, die es braucht um von einem starken Willen im eigentlichen Wortsinn zu sprechen und zwar:

  • Kompetenz = Wissen / Verstehen , worum es geht
  • Urteilsvermögen = Abwägen des Für und Wider
  • Verantwortung = Bereitschaft, die Konsequenzen zu tragen

Wir als Eltern können die Kinder bei diesen wichtigen Lern- und Wachstumsprozessen auf die eine oder andere Weise unterstützen.

Zum Beispiel geben wir mit unserem eigenen Handeln und Vorleben eine bestimmte Blaupause an unseren Nachwuchs weiter – sicher auch in Bezug auf unsere Willenskraft.

Wenn Kinder diese Fähigkeiten durch die Erwachsenen in ihrem Umfeld kontinuierlich erleben, so entwickeln sie sich bestmöglich auch beim Kind im Laufe seines Heranwachsens. Fordert man hingegen kognitive Fähigkeiten, Urteilsfähigkeit und Verantwortungsübernahme zu früh vom Kind, so können diese nicht in Ruhe reifen.

Der Willen bildet und entwickelt sich aber nicht völlig automatisch, sondern erst durch die Herausforderung von außen: am Erfahren von Grenzen und Widerständen werden die eigenen Kräfte erprobt und neue Kompetenzen erworben.

Aus anthroposophischer Sicht spielen drei Dinge bei der Willensbildung eine wesentliche Rolle:

  • Ein gesundes Maß an Wiederholung im Alltag: wiederkehrende Rituale und Rhythmen, klare Regeln und Orientierungspunkte. Bei der Willenserziehung kommt es auf die Regelmäßigkeit an. So hat es auch keinen Sinn, einmal sein Augenmerk auf die Willenserziehung zu lenken, um dann die sinnvollen Regeln, die man eingeführt hat, rasch wieder schleifen zu lassen.
  • Übung macht den Meister: Beobachten, was das Kind zu tun versucht und ihm Möglichkeit zum ausführlichen Üben geben und bei Bedarf geduldig bei all den vielen kleinen Schritten unterstützen, an deren Ende dann die gewünschte Fähigkeit steht.
    Das Gefühl „Ich kann es schaffen, ich gebe nicht auf!“ ist wichtig für jede Art der Willensschulung.
  • Entscheidungen treffen: das ist für viele Menschen schwierig. Kinder brauchen auch hier ein nachahmenswertes Vorbild. Für Kinder ist es immens wohltuend, selbstbewusste und entscheidungsfreudige Erwachsene zu erleben und vorerst noch nicht selbst Entscheidungen treffen zu müssen, deren Konsequenzen sie ja ohnehin weder überschauen noch tragen könnten.

In dem Zusammenhang vom Wechselspiel zwischen Eltern und ihren Kindern finde ich es außerdem wichtig, der Frage auf den Grund zu gehen, ob ein Erwachsener einem Kind denn seinen Willen aufdrängen darf oder ob in diesem Fall dann der kindliche Wille gebrochen wird oder nicht.

Als praktisches Beispiel finde ich hier das Anziehen vor dem Rausgehen bei kleinen Kindern betrachtenswert. Da dies eine typische Situation darstellt, in der das Kind einen Übergang bewältigen muss (was im Kleinkindalter oft eine große Herausforderung ist!). Und in diesen Übergangsmomenten kommt es besonders häufig vor, dass der Willen/Wunsch des Kindes mit der durchzuführenden Handlung nicht im Einklang steht, was sich durch fehlende elterliche Führung im Verlauf meistens nur verschlimmert. Zumindest war das bei uns desöfteren so, als G noch jünger war.

Und auch hier passierte es gewiss hin und wieder – wenn die üblichen Abläufe wie Vorankündigen, Spiel beenden lassen, humorvoll und fröhlich an die Sache gehen usw. nicht fruchteten – dass ich mein Kind unter lautem Protest seinerseits anziehen musste.

Ich bemerkte damals (und fand beim Elternseminar auch Bestätigung), dass es sehr mit meiner eigenen Verfassung und inneren Haltung zu tun hatte, ob sich derartige Interaktionen letztlich stimmig oder irgendwie übergriffig anfühlten.

Es half mir sehr, den Sachverhalt unter folgendem Aspekt zu betrachten: dass es nämlich gar nicht um das Durchsetzen „meines“ Willens geht, sondern darum, dass mit dem Kind in einer bestimmten Situation Sinnvolles und Notwendiges geschieht.

Herrscht beispielsweise kaltes Wetter, würde die Erfüllung des Wärmebedürfnisses des Kindes darunter leiden, wenn es zu leicht bekleidet nach draußen ginge. In dem Fall ist es absolut sinnvoll, das Kind auch dann anzuziehen, wenn es dagegen protestiert.

Ich bewerte einen lautstarken Protest meines Kindes gegen eine bestimmte Handlung / Handlungsaufforderung meinerseits übrigens als ein Anzeichen für einen äußerst gesunden Zustand, den ich nicht verhindern muss: nämlich den, dass mein Kind weiß, dass es absolut in Ordnung ist, alle seine Gedanken und Gefühle auszudrücken – auch die „unangenehmeren“. Und dass es bereits gelernt hat, dass unsere Beziehung belastbar ist – dass sie es ohne Gefahr aushält, auch schwierige Momente wie diesen zu überstehen.

Es wäre ja auch keine Lösung, das Kind, um dem Konflikt zu entgehen, einfach in der Wohnung zu lassen. Erstens weil ich ihm dadurch die Möglichkeit vorenthalten würde, einen gesunden Umgang mit Konflikten zu erlernen bzw. an der Krise zu wachsen.
Und zweitens weil damit eine ganze Reihe wichtiger Bedürfnisse unerfüllt blieben.

Allerdings gilt bei einem solchen Tun, dass das Motiv meiner Handlung über deren moralische Qualität entscheidet.

Damit meine ich, wenn ich mir über die Sinnhaftigkeit der durchzuführenden Handlung im Klaren und gleichzeitig in einem bindungsbereiten Zustand bin, kann ich mit Zuversicht und Ruhe

  • den Widerstand meines Kindes aushalten
  • die erforderliche liebevolle Führung geben und Klarheit durch mein Handeln spürbar machen
  • ihm seine Gefühle begleitend in einfachen Worten spiegeln und damit seine Richtigkeit und Integrität wahren

und habe die Wahrnehmung, dass der Verlauf am Ende rund ist (insbesondere wenn nach einer solchen Situation die Stimmung direkt  fröhlich und unbelastet ist – ein Hinweis darauf, dass hier gerade wichtige Bedürfnisse erfüllt wurden!).

Im Gegensatz dazu versuche ich es möglichst zu vermeiden, aus einer emotional angespannten oder genervten Verfassung heraus mit meinem Kind zu agieren.
Mit zunehmender Übung gelang es mir auch immer besser, mich im Falle von spürbarem innerlichen Stress erst wieder in meine eigene Mitte zu holen. Die im Grunde recht einfach anzuwendenden Achtsamkeitsübungen zur Herzensanbindung von Hannig erweisen mir dabei gute Dienste.

Noch ungünstiger und dazu ein Missbrauch der elterlichen Machtposition wäre es übrigens, einfach „Befehle“ zu erteilen, die das Kind dann in blindem Gehorsam ausführen sollte. Oder noch schlimmer: diese gar mit Gewalt oder Strafandrohungen (auch sogenannte Konsequenzen sind für mich eine Form der Bestrafung) durchzusetzen.
Dies würde sicher ganz anders auf das Kind und unsere Beziehung wirken, als wenn ich aus Liebe zu meinem Kind und seiner Gesundheit handele.

Auf diese Weise geht es nämlich genau genommen gar nicht um einen Machtkonflikt, vielmehr um einen Sach-Autoritäts-Konflikt. Die Autorität, die hier die Entscheidung fällt, ist ganz objektiv – in dem genannten Fall das Wetter draußen – und wir beide, Erwachsene und Kind, müssen uns danach richten.

Der entscheidende Unterschied zwischen dem Erwachsenen und dem Kind liegt nur darin, dass ich als Erwachsene den ganzen Vorgang bewusstseinsmäßig überschauen und klare Richtlinien für die nötige Handlung vorgeben kann, das Kind hingegen noch nicht.

So gibt es viele Beispiele aus dem Alltagsgeschehen, bei denen bestimmte Dinge erledigt werden müssen und grundlegende Regeln, die wichtig sind, damit eine Struktur entsteht. Wodurch die Bedürfnisse aller Familienangehörigen einbezogen werden und ein soziales Miteinander passieren kann.

Damit lernt das Kind sich selbst, die soziale Gemeinschaft um sich herum, die Qualität der Führung in der Familie und nicht zuletzt seine eigenen Grenzen kennen.

Innerhalb dieser Grenzen kann es dann sein Ich und seinen Willen überhaupt erst ausloten, kann im Laufe der Zeit wichtige Persönlichkeitsmerkmale entfalten und wertvolle Charaktereigenschaften schulen – und damit einen Grundstein dafür legen, als Heranwachsender zu einer starken Willenskraft zu finden: also die Fähigkeit zum Durchsetzen und Erreichen seiner persönlichen Ziele – auch im Falle von Widerstand und unerwarteten Rückschlägen.

Welche Gedanken kommen Euch wohl zu diesen -zugegebenermaßen recht philosophischen – Fragen? Habt Ihr ähnliches erlebt oder seht Ihr die Sache völlig anders?

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