Vom kaum regulierten Kind zur bewusst regulierenden Mutter

Eigentlich arbeite ich gerade an einem Beitrag über meinen eigenen Medienkonsum,  da ich mir seit ein paar Tagen Smartphonefasten verordnet habe. (Das heißt, von Augenaufschlag bis Augenschluss meines Kindes soll das Teil vorerst mal in der Schublade bleiben und ich nehme es erst danach zur Hand.) Aber manchmal komme ich beim Schreiben von Stöckchen auf Steinchen und das führte mich zu einer etwas allgemeineren Reflexion meiner Lebensgewohnheiten im Zusammenhang mit meiner Elternrolle.

Die Art, wie ich meine Elternschaft lebe,  hängt sicherlich von vielen Faktoren ab. Einer der wichtigsten ist vielleicht, wie ich selbst aufgewachsen bin. Das beinhaltet auch eine lange Kette von Generationen, die meiner Zeit voraus gingen und letztlich darauf Einfluss nahmen, wie ich erzogen wurde und wer ich heute (als Mutter) bin.

Meine eigenen Eltern hatten beide nicht gerade eine rosige Kindheit. Während mein Vater, Jahrgang 1946, „nur“ die durchschnittlich gewalttätige, durchschnittlich reglementierende preußische Erziehung erlebte, hatte meine Mutter, geboren 1951, noch weniger Glück: sie schaut auf ein Leben in einem jüdischen Kinderpflegeheim zurück, in welchem sie nach wenigen Kinderjahren bei ihren leiblichen Eltern untergebracht werden musste.

Beide suchten in den siebziger Jahren ihr Glück in Berlin, wo sie 1980 meinen Bruder und 1982 mich bekamen. Offensichtlich wünschten sie sich, dass es ihre Kinder um Längen besser haben sollten als sie selbst. Und trotz – oder vielleicht gerade wegen (?) – der schlimmen Kindheitserfahrungen,  gelang es ihnen, für uns Kinder eine wirklich heile Welt zu schaffen, in der wir unbeschwert und über alle Maßen geliebt aufwachsen durften. Sie machten uns zum Mittelpunkt ihres Lebens und trugen uns quasi auf Händen.

Ich verdanke meinen Eltern das unbeschreibliche Glück,  mit einem guten Selbstvertrauen,  einem gesunden Selbstwertgefühl,  einem starken Urvertrauen, einem offenen Herzen und der Fähigkeit zu lieben und mich lieben zu lassen in die Welt entlassen worden zu sein.

Dank ihnen konnte und kann ich meinem eigenen Kind die bedingungslose Liebe und das Verständnis für seine Gefühle und Entwicklungsschritte entgegen bringen, die es von mir braucht.

Und dass ich insgesamt wirklich viel Geduld und eine hohe Toleranzschwelle für mein Kind habe, kommt ganz bestimmt auch nicht von ungefähr.

Viel mehr kann man heutzutage kaum verlangen, glaube ich.

Und dennoch: irgendetwas hat doch fast ein jede_*r an der eigenen Erziehung auszusetzen? Wenn ich in meinem engeren Bekanntenkreis herum schaue, habe ich den Eindruck, als wenn das Erziehungspendel mit jeder neuen Generation immer leicht in die entgegengesetzte Richtung ausschlägt. Oder täuscht das?

Einige Dinge mache ich jedenfalls ganz schön dolle anders, als meine Eltern es bei mir gemacht haben. Und da ich es immer total interessant finde, bei anderen Blogger_*innen, die über Elternschaft schreiben, mehr über ihre Wurzeln und ihr Großwerden zu erfahren, erzähle ich heute mal ein bisschen was Persönlicheres über mich.

Medienkonsum

Als Kind der Achtziger erinnere ich mich an ein sehr überschaubares Fernsehangebot in meiner frühen Kindheit. Wir schauten abends um viertel vor sechs das Sandmännchen und danach noch eine halbe Stunde Sesamstraße (Oder Hallo Spencer oder Die Sendung mit der Maus).

Allerdings hielt während meiner Grundschulzeit irgendwann das Farb- und damit auch das Privatfernsehen bei uns Einzug. Und soweit ich mich zurück erinnere, gab es danach kaum noch spürbare Grenzen, was meinen TV-Konsum anbetraf. Ich habe unzählig viele Stunden vor der Flimmerkiste verbracht. Filme, Serien, Shows,  ich habe sie alle geschaut und geschaut und geschaut. Und eine ganze Menge Lebenszeit auf dem Sofa hockend zugebracht.

Und als ich dann „erwachsen“ war und meine eigenen vier Wände hatte, war (und bin) ich weiterhin sehr anfällig für dieses suchtartige Verhalten. Binch-Watching nennt sich das in Neusprech, glaube ich. Wenn ich dazu die Gelegenheit hatte, verbrachte ich ganze Tage und Nächte am Bildschirm und konnte trotz schlimmer Müdigkeit nicht abschalten. Und das Smartphone schlägt absolut in dieselbe (Abhängigkeits)Kerbe. Ohne große Mühen und eiserne Selbstdisziplin gibt es da kaum eine Grenze für mich. Ich bin froh und dankbar, dass vor viereinhalb Jahren eine natürliche Grenze in mein Leben getreten ist, die mich immer zu neuer Selbstdisziplin antreibt.

Dieser freilassende, grenzenlose Zugang zu TV, Videospielen, Computer und Co hat mir nicht wirklich gut getan, würde ich sagen. Also ist dieser Bereich die erste Baustelle, bei der ich mich als Mutter auf persönliches Neuland begebe. Ein bisschen habe ich ja schon mal darüber berichtet, wie wir es bei uns Zuhause handhaben, bald will ich mich diesem Thema aber noch etwas ausführlicher widmen.

Essen

Auch beim Essen kannte ich kaum so etwas wie Einschränkungen. Ich habe nur gegessen, was ich essen wollte, alles andere habe ich verschmäht. Nicht selten kochten meine Eltern mir etwas extra, weil ich sonst Rabatz gemacht hätte. Feste Essenszeiten oder Tischregeln erinnere ich nicht. Als Heranwachsende musste ich soziales Verhalten bei Tisch nachträglich in meinem erweiterten Umfeld erlernen: wie etwa erst dann anzufangen, wenn alle beisammen sind oder auch mal Dinge zu essen, die nicht hundertprozentig meinem anspruchsvollen Gaumen gerecht wurden. Das war nicht immer einfach für mich.

Hier habe ich bereits ausführlich darüber berichtet,  welche vielen Vorteile ich in regelmäßigen Mahlzeiten im Kreise der Familie sehe. Auch möchte ich meinem Kind einen gewissenhaften Umgang mit Lebensmitteln vorleben und ihm vermitteln, dass satt zu werden, ein Privileg ist, welches uns zuteil wird und es nicht immer nur um den puren Gaumenschmaus gehen kann.

 

Süßigkeiten

Ihr denkt es euch vielleicht schon?  Genascht habe ich natürlich auch ohne Stopp und Einhalt durch meine Eltern. Ich kann mich an unzählig viele „Süßigkeitenorgien“ erinnern und mein nicht nachlassendes Verlangen nach Zucker in jeglicher Form.

Ähnlich wie beim Medienkonsum habe ich auch hier wenig Selbstkontrolle und neige zu Fressanfällen nach dem Motto: wenn die Keksschachtel auf ist, bin ich gezwungen, sie leer zu machen, selbst wenn mir eigentlich schon schlecht ist.

Auch hier gilt: meine beste Bremse ist mein Kind und die damit einher gehende Vorbildfunktion. Für G möchte ich die bestmögliche Version meiner Selbst sein,  dies betrifft auch diese „Schwäche“.

Da Zucker für mich -in übermäßigen Mengen konsumiert – ein hoch potentielles Körpergift darstellt, gebe ich die Verantwortung über den Konsum nicht an mein Kind ab. Neben den rein gesundheitlichen Aspekten spielt bei meiner bewussten Regulation auch die Idee eine Rolle, dass ich meinem Kind Gewohnheiten mitgeben möchte, die das Erleben von Achtsamkeit und Wertschätzung zum Beispiel in Bezug auf das Luxusgut Süßigkeiten möglich machen.

Materieller Konsum

Anstatt sich ein (teures) Auto zu halten oder mit uns in ferne Länder zu verreisen,  steckten meine Eltern ihre finanziellen Ressourcen lieber in unseren Alltag daheim. Auch hier sollte es uns offenbar an nichts mangeln, denn unser Kinderzimmer war immer reichlich gefüllt mit diversen Spielzeugen, Unterhaltungs-Elektronik und so weiter.

Ich kann mich daran erinnern, wie anspruchsvoll und verwöhnt ich früher in Bezug auf materielle Annehmlichkeiten war. Wie selbstverständlich mir das Anschaffen und Bekommen von all diesen Dingen erschien. Ich bekam immer ordentlich Taschengeld und mir wurde kaum ein Wunsch abgeschlagen. Erst ein halbes Leben später,  mit Anfang Dreißig begann ich diese Art von Konsum zu hinterfragen und arbeitete hart daran, alte Gewohnheiten abzustreifen und durch neue zu ersetzen.

Als Mutter sehe ich, in Anbetracht der globalen Herausforderungen unserer Welt ebenso wie aus dem bedürfnisorientierten Blickwinkel, die Risiken und Nebenwirkungen einer solchen Lebensweise. Für mein Kind wünsche ich mir in Sachen Anschaffungen vor allem Qualität statt Quantität und baue darauf,  dass auch hier weniger mehr ist.

Häusliche Pflichten

Der letzte Punkt für heute betrifft die Mithilfe im Haushalt. Es ist mir geradezu unangenehm einzugestehen,  dass ich meinen Eltern nie besonders im Haushalt zur Hand gegangen bin. Retrospektiv würde ich sagen, dass sie einfach versäumt haben, unsere Mithilfe beizeiten zur Gewohnheit zu machen und einzufordern. So siegte Zeit meines Lebens im elterlichen Heim meine Null-Bock-Haltung und weder mein Bruder noch ich hatten dabei wirklich ein schlechtes Gewissen.

Wie gesagt, ist mir das aus meiner heutigen Perspektive sehr peinlich und ich glaube,  dass ein gesunder Bestandteil des Zusammenlebens darin besteht, Lasten und Aufgaben auf allen Schultern zu verteilen. Es fühlt sich einfach falsch für mich an, wenn jemand Teil der Gemeinschaft ist, der nur Rechte und Privilegien genießt,  aber dafür nichts zurück geben muss. Dies ist auch für das Kind selbst kein angenehmer Zustand,  aber dies zu ändern liegt in der Verantwortung und den Möglichkeiten der Eltern allein.

Insofern wachsen bei unserem Sohn die „Rechte und Pflichten“ je nach Entwicklungsstand so ganz allmählich mit und ich habe vor, dran zu bleiben und mein Kind weiterhin mit liebevoller Konsequenz anzuleiten, so dass er seinen (kindgerechten) Beitrag für unsere Familie leisten kann.

Oh, ich merke, mein Text ist jetzt doch ganz schön lang geworden. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht alles durch die Bank weg völlig undankbar und elitär.

Ich glaube einfach,  dass meine Eltern mir allein mit ihrem Dasein und ihrer Liebe bereits alles gegeben haben,  was ich gebraucht hätte für eine glückliche Kindheit und ein geborgenes Aufwachsen. Die zusätzliche materielle Zuwendung war retrospektiv einfach etwas zu viel des Guten und so manche authentische Grenzen fehlten mir in meinen Lernprozessen, so dass ich diese als Erwachsene und vor allem als Mutter nachträglich erlernen möchte. Viel von meinem „Verwöhntsein“ versuche ich mit großen Mühen abzustreifen, da es eher hinderlich für meine Selbstverwirklichung ist. Dass ich nicht in der Komfotzone verharren will, sondern nach höheren Idealen strebe, spricht meiner Meinung nach aber für eine in weiten Teilen recht gelungene Aufzucht und Pflege.

Mein Fazit ist demnach,  dass ich meinen Eltern in vielen Dingen nacheifere, die den direkten Umgang mit meinem Kind betreffen, aber der materielle Überfluss ist für mich etwas, was ich vermeiden möchte. Ebenso wie die komplette Selbstbestimmung,  die mich tendenziell eher ausgebremst hat, als dass sie meiner Entwicklung zuträglich gewesen wäre.

Mich interessiert nach dieser ausführlichen Selbstdarstellung aber nun wirklich sehr, wie ihr denn eure eigene Erziehung zu eurer Elternschaft in Bezug setzt.

Was ahmt ihr euren Eltern nach?  Was macht ihr anders? Wofür seid ihr ihnen besonders dankbar?

 

 

 

 

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