In meinem letzten Artikel habe ich mir ein paar Gedanken zu unserer Überflussgesellschaft im Allgemeinen gemacht. Heute möchte ich meine persönliche Einstellung gegenüber meinem Essen ein wenig reflektieren und die Frage auch an Euch stellen: Was bedeutet Euch Euer Essen?

Ich habe in meinem Leben noch keinen Hunger gekannt. Also damit meine ich nicht den hängenden Magen nach einem langen Tag (resp. Nacht) im Kreißsaal und auch sicher nicht die selbst auferlegten Tage des zum Scheitern veruteilten Fasten-Selbstversuches in den Jahren 2001 und 2007. Nein, ich meine echten, existenziellen Hunger. Die Sorge, nicht zu wissen, was als nächstes auf den Tisch kommen soll. Das Gefühl, den eigenen Kindern keine geregelten – geschweige denn ausgewogenen – Mahlzeiten beschaffen zu können.

Essen zur Verfügung zu haben und sich jederzeit satt essen zu können, war und ist für mich seit jeher eine Selbstverständlichkeit. Ein selten hinterfragter Zustand, ein unangezweifeltes Privileg. Was ebenfalls eine Selbstverständlichkeit für mich war: dass jedes Essen, das ich zu mir nehme, mir auch gleichzeitig gut schmeckt. Dass ich ein Essen, welches meiner Vorstellung von schmackhaft und lecker nicht gerecht wird, stehen lasse, bzw. wegwerfe und mir im Zweifelsfall lieber etwas anderes zubereite, kam leider öfter vor, als ich es gern zugeben würde.

Eine geschmackliche Enttäuschung auf dem Teller duldete ich einfach nicht, meine Toleranzschwelle, hier Abstriche zu machen, lag, solange ich zurück denken kann, erschreckend niedrig. Bei vielen Rezepten hatte ich zudem fest eingefahrene Vorstellungen, wie die Lebensmittel zubereitet werden mussten und wie sie gewürzt sein sollten, um für meinen Gaumen akzeptabel zu sein.

Ich war – kurz gesagt – die längste Zeit meines Lebens in einem sehr unreifen Zustand gefangen, was meinen Respekt und meine Achtung vor Nahrungsmitteln und meinen Umgang damit anging.
Was auch immer die – für mich auch heute noch größtenteils unbewussten – Ursachen für dieses (unglaublich verwöhnt anmutende) Verhalten waren, das Ergebnis war, dass ich nach dem ersten Reflektieren eigentlich nicht mehr in den Spiegel schauen mochte. Im Rahmen meiner inneren Entwicklung suchte ich dringend Ansätze, diese Gewohnheiten aufzubrechen und dauerhaft zu verändern.

Einer der ersten wichtigen Motivationspfeiler zur Selbstveränderung war für mich der brennende Wunsch, meine Lebensmittelauswahl mit meinen ethischen Werten überein zu bringen – heißt: nicht mehr nur vegetarisch, sondern voll und ganz vegan einzukaufen und zu essen sowie deutlich weniger zur allgemeinen Lebensmittelverschwendung beizutragen.

Mit dieser Entscheidung kam ein Stein ins Rollen, der bis heute noch in Bewegung und auch sicher noch lange nicht am Ziel angekommen ist. Der Anfang ist nun aber wenigstens gemacht, und ich gehe weiter Schritt für Schritt dieses eingeschlagenen Weges. Das ist für mich erstmal die Hauptsache.
Ich musste durfte mich für neue Zutaten, neue Geschmackserlebnisse öffnen, mich an ein neues Essverhalten gewöhnen und zwangsläufig meinen Essenshorizont erweitern. Liebgewonne Nahrungsmittel strich ich eins nach dem anderen von meiner Einkaufsliste, teilweise fand ich vegane Alternativen, teilweise auch nicht.

Tatsächlich akzeptierte ich aber recht früh in diesem Prozess, dass nicht mehr jede Mahlzeit ein Moment des absoluten Genusses sein musste, sondern meine Prioritäten verschoben sich darauf vegan, nahrhaft, möglichst gesund und alltagstauglich zu essen und nicht zuletzt: satt zu werden. So banal es klingt, sollte dies doch eigentlich mit Abstand die wichtigste Eigenschaft meiner Nahrung sein, mich zu sättigen. Und nicht mich rundum und ständig mit reinem Wohlgenuss zu verwöhnen?

Der Preis spielte bisher eine nachgeordnete Rolle, da ich bei den Dumpingpreisen eh immer das Gefühl hatte, den echten Preis für dieses Essen zahlen andere, und sicher nicht zuletzt die Umwelt und unsere Mutter Erde. Dass die Versorgung mit gesunden, nachhaltigen Lebensmitteln einen großen Anteil unseres Einkommens oder in direkterem Selbstversorger-Kontext unserer Arbeitszeit in Anspruch nimmt, klingt vielleicht erstmal etwas rückständig. Aber ich kann mich mit dieser Herangehensweise durchaus identifizieren und mir auch langfristig vorstellen, mein Leben nach diesem Prinzip auszurichten.

Und wo stehe ich heute? Nach gut zwei Jahren Wegstrecke habe ich mein Essverhalten, jedenfalls was den veganen Aspekt angeht, ganz gut im Griff. „Rückfällig“ oder inkonsequent werde ich allerdings öfters dann noch, wenn ich nicht allein für Einkauf und Zubereitung verantwortlich bin, wie das bei Besuchen oder unterwegs schnell mal der Fall ist. Ein tiefer Abgrund tut sich auf, wenn ich bei meinen Schwiegereltern zu Besuch bin und den Süßigkeitenschrank sichte. Ein bis zwei Tage hält meine Festung der Selbstbeherrschung noch an, aber wenn der Damm einmal gebrochen ist, gibt es wirklich kein Zurück mehr.
Ich versuche unter größten Mühen, hier Nachsicht mit mir selbst zu haben *schluchtz* und mich nicht zu sehr zu geißeln. Doch in Zukunft wünsche ich mir für diese Gegebenheiten eine stabilere Basis in mir selbst, den Versuchungen zu widerstehen sowie auch sozial-verträgliche Strategien, um meinen Werten treu zu bleiben, ohne mich zu sehr zu isolieren oder andere vor den Kopf zu stoßen.

Ich tröste mich aber damit, dass ich doch schon einiges erreicht habe, nicht zuletzt für meine Verhältnisse deutlich mehr Selbstdisziplin erlangt habe, was das Aufbrauchen und Verzehren von Produkten angeht, die mir nicht ganz so gut schmecken. Und auch kann ich den ersten Reflex meiner festgefahrenen Gewohnheit „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ oftmals überwinden und Neues ausprobieren. Was ich definitiv vor einem Jahr so noch nicht geschafft hätte!

Die Zeit im Bauerngarten mit all dem selbst gezüchteten und mit eigenen Händen geernteten Gemüse hat mich außerdem noch mehr Wertschätzung den Lebensmitteln gegenüber gelehrt. Es gelingt mir immer besser, diese Achtung vor den Schätzen der Natur auch auf gekaufte Lebensmittel zu übertragen – zugegebenermaßen klappt es besser, wenn es sich um Bio-Ware handelt als um die sterilen, uniformen Supermarkt-Einkäufe.

Ich werde weiter an mir arbeiten und meine persönlichen Ziele nicht aus den Augen verlieren:

Größere Achtung vor jedem einzelnen Nahrungsmittel erleben.

Weniger Verschwendung von Lebensmitteln fördern / verursachen.

Mehr Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem zeigen.

Nicht zuletzt, weil ich auch meinem Sohn natürlich in diesem essentiellen Lebensbereich ein gutes Vorbild sein will und er die Chance haben soll, gesunde Verhaltensmuster durch Nachahmung und Gewöhnung zu entwickeln. Wenn er dann später als Erwachsener ein Leben in Völlerei vorzieht, ist das seine Entscheidung. Aber schaden wird es ihm sicher nicht, als Kind einen gemäßigten Umgang vorgelebt bekommen zu haben und auf dieses Verhalten zurück greifen zu können, wenn er das denn möchte.

Die Veränderungen, die ich aus eigener Kraft an meinem Essverhalten bisher erwirkt habe, helfen mir auch in allen anderen Lebensbereichen, mich neuen Wegen leichter zu öffnen. Ich habe den Eindruck, dass das Essen einer der sensibelsten Bereiche bei mir ist, der damals wie heute auch nicht selten mit Versagensgefühlen und mangelnder Selbstkontrolle assoziiert gewesen ist. Umso stärker macht es mich, wenn ich hier über meinen Schatten springe und eine gewisse Kontrolle zurück erlange, die ich oftmals nicht zu spüren glaubte. Meine fest eingefahrenen Gewohnheiten selbst verändern zu können, gibt mir ein Gefühl von Befreiung und Macht über mein Leben. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Und ich glaube nicht, dass ich heute dieses Leben so führen und unser Abenteuer so begehen würde, hätte ich mich damals vor etwas über zwei Jahren nicht dazu entschlossen, vegan zu werden.

So und nun interessiert mich sehr, welchen Status das liebe Essen bei Euch hat? Ist Genuss oberste Priorität und eine Selbstverständlichkeit bei Euch oder habt Ihr eher bodenständige Werte und einen genügsameren Umgang mit dem Essen?
Und wie gebt Ihr Eure Einstellung an Eure Kinder weiter? Was lebt Ihr ihnen vor und wie fühlt sich das an?

Links:
Foodsharing
Bauerngarten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Post Navigation