Viel zu viel Zucker

Halleluja, was bin ich froh, dass ich mit meinen Schwiegereltern endlich auf einen halbwegs entspannten gemeinsamen Nenner gekommen bin, was den Zuckerkonsum meines Kindes angeht. Mit daran beteiligt war sicher die Dokumentation „Die Zuckerlüge“ auf arte, die gerade zur rechten Zeit kam.

Nachdem bei unserem ersten längeren Aufenthalt im Juni noch die alten Verhaltensmuster vorherrschten (Liebe und Zuneigung über Süßigkeiten auszudrücken und die negativen Auswirkungen geflissentlich zu verharmlosen oder nicht Ernst zu nehmen), hatte ich bei unserem zweiten Einzug auf Zeit gleich mal die neue 15-Uhr-Regel verkündet: G darf jeden Tag etwas kleines Süßes von Oma kriegen. Aber ritualisiert nach der Mittagsruhe und in vertretbaren Mengen. Ausnahmen (pro Zucker) bestätigen selbstverständlich die Regel.

Die oben erwähnten negativen akuten Auswirkungen, waren beim letzten Besuch hier deutlich spürbar zu Tage getreten: G zeigte eine viel größere motorische Unruhe als sonst, verbunden mit total untypischen Aggressionen, die sich meist beim Runterfahren und Zur-Ruhe-Kommen abspielten. Dazu massiv gesteigerte Frustrationsintoleranz. Dass diese Erscheinungen quasi mit dem Tag der Abreise endeten und auch bei diesem Besuch überhaupt nicht wieder auftraten, bestärkt mich in meinem von vornherein vorhandenen Bauchgefühl, dass die Ursache für dieses Verhalten in der Ernährung, vornehmlich im Zuckerkonsum, zu finden war.

Es gibt sicherlich viele verschiedene Arten von Zucker und grundsätzlich essen wir natürlich auch Zucker. Es ist jedoch wichtig, die Zuckerarten zu unterscheiden, das Alter des Kindes zu beachten und wie so oft im Leben gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift.

Es gibt Zuckerarten, die den Blutzucker sehr rasch in die Höhe schießen lassen. Werden diese Zuckerarten häufig und in großen Mengen verzehrt, führt dies zu starken Blutzuckerschwankungen, welche die Bauchspeicheldrüse, Leber, Niere und den Darm belasten. Mit allen negativen Konsequenzen für den Stoffwechsel (wie z.B. erhöhtes Risiko für Adipositas, Diabetes, Herz- und Gefäßerkrankungen).

Hier habe ich ja schon mal erklärt, warum es mir so wichtig ist, meinem Kind gesunde Gewohnheiten mit auf den Lebensweg zu geben. Dies gilt eigentlich für alle Bereiche des Lebens, in denen ein Übermaß durchaus zu langfristigen Schäden oder negativen Auswirkungen führen kann.

Da Zucker nun also aus meinem Verständnis und aus meinen mir zur Verfügung stehenden Informationen und Erfahrungen heraus ein potentielles Körpergift darstellt, welches unkritisch betrachtet und konsumiert zu schweren gesundheitlichen Problemen führen kann, würde sich für mich eine kindgeführte Selbstbestimmung des Konsums hier einfach verantwortungslos anfühlen.

Mein Kind liebt Süßes und Süßigkeiten und sagt seltenst „Nein“, wenn ihm etwas angeboten wird. (Ich glaube, dafür gab es doch auch so eine schlaue evolutionsbiologische Begründung? Süß und Fett verspricht Reserven für schlechtere Zeiten zu liefern – nur, dass in unserer Lebenswelt diese schlechteren Zeiten nie eintreten und eher das Überangebot krank macht als die Knappheit und der Mangel.) Und G hat bisher tatsächlich deutlich mehr Zucker konsumiert, als mir wirklich lieb ist. Wir leben schließlich nicht im luftleeren Raum, sondern die Verlockungen und Angebote haben dank der erfolgreichen Propaganda der Zuckerindustrie mannigfaltige Gesichter.

Aber, jetzt kommt’s, das große Aber: Mein Kind kann und soll die Verantwortung für seine Gesundheit noch nicht tragen. Wir erinnern uns: Lustprinzip und so – ein Kleinkind KANN überhaupt keine systemerhaltenden Entscheidungen treffen, dafür ist es überhaupt nicht ausgerüstet, nicht mal für sein eigenes kleines System, wenn man so will. Jedenfalls nicht, solange es jederzeit die Möglichkeit hat, etwas so Ungesundes und gleichzeitig so Leckeres wie Schokopudding oder Gummibärchen zu verputzen.

Ich käme mir total schlecht vor, wenn ich ihm diese Verantwortung überhelfen würde. Mit seinen wenigen Jahren Lebenserfahrung kann mein Junge noch überhaupt nicht begreifen oder einschätzen, was Zucker ist und welche Folgen der kontinuierliche hohe Konsum dieses Stoffes für seine Gesundheit haben wird.

Mein Kind bekommt wirklich nicht gerade wenig Süßes angeboten, aber ich versuche darauf hinzuwirken (klappte in unserem früheren Zuhause noch besser als jetzt auf Reisen), dass es möglichst oft in Form von selbst gemachten Süßspeisen daher kommt, weil ich da wenigstens ein bisschen Kontrolle über die Menge und weiteren Inhaltsstoffe habe. So liebe ich ebenfalls das frische Bananenbrot (einzige Süße: reife Bananen) oder den cremigen veganen Kakao (einzige Süße: Datteln) oder selbst gemachtes Popcorn mit Birkenzucker (Xylit) – und fühle mich damit viel wohler und zufriedener als mit den industriell hergestellten Süßigkeiten mit all ihren gesundheitlichen und ethischen Fallstricken.
Und ich sorge dafür, dass wir dazwischen ausreichend gesunde Nahrungsmittel zu uns nehmen, um unterm Strich einigermaßen ausgewogen ernährt zu sein.

Die regelmäßigen Tischzeiten unterstützen das sehr und glücklicherweise zieht jetzt die ganze Familie mehr an einem Strang, um ein Maß zu finden, das den Gelüsten unserer kleinen Naschkatze UND seiner Gesundheit gerecht wird. Das war vorher echt blöd für mich, weil ich erstens irgendwie immer die Spaßbremse war im Sinne vom Stoppen und Verbieten, und zweitens immer das Gefühl hatte, dass ich G nie selber was Süßes geben kann, weil er schon ständig von den anderen viel zu viel kriegt. Und ab und zu würde ich ihm wirklich gerne was geben, weil ich ihm damit ja auch eine Freude mache und zeige, dass es okay ist, wenn er was nascht und nicht immer nur mit Stress und Krampf verbunden von meiner Seite her.

Auf Dauer hoffe ich natürlich, dass unser Vorbild auch eine Rolle spielen wird. Denn dank der Verantwortung für unseren Lütten hat sich mein eigener Zuckerkonsum wirklich stark verringert. Und es ist echt nicht immer leicht und manchmal versage ich auch an meinen hohen Ansprüchen und dann futtern wir zusammen ne ganze Kekspackung auf, weil Mama gerade prämenstruell ist und wir uns das jetzt gönnen müssen. Schnüff. Bin schließlich auch nur ein Mensch.

Sobald wir aber wieder auf Tour gehen, wird sich unser Speiseplan sicher nochmal ganz schön umstellen und ich hoffe, dass wir von dem Jeden-Tag-Süßigkeiten auch langfristig noch mal etwas runter schrauben können. Das fände ich zumindest erstrebenswert. Damit wir gemeinsam auch die süßen Speisen wieder mehr wertzuschätzen lernen, damit wir anstelle des industrieellen Einheitsgeschmacks die natürliche Süße der verschiedenen Lebensmittel auch wirklich richtig genießen können.

Und wie handhabt Ihr das mit dem Thema Zucker bei Euch und Euren Kindern? Wer trägt die Verantwortung und wie viel wird bei Euch genascht?

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