Die Vision – Kinder und Jugendliche

Wie gehen wir mit unserem Nachwuchs um? Wer trägt die Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder? Welchen Platz haben die jungen Menschen in einem ganzheitlichen Gemeinschaftsgefüge? Was haben sie für Bedürfnisse und wie verschaffen sie sich Gehör? Auf welche Weise können sie in die Alltagstätigkeiten von klein auf integriert werden und wie erlernen sie spielerisch und ganz organisch all die Fähigkeiten einer offenen, gewaltfreien Kommunikation, um die wir selbst noch so schwer ringen?

Diese und viele andere Fragen sollten sich die Erwachsenen in einer Lebensgemeinschaft unbedingt von Anfang an stellen und nach praktikablen Lösungen suchen, wenn sie die Jugendlichen nicht früher oder später „verlieren“ wollen. So sollte eine besondere Aufmerksamkeit meiner Traum-Gemeinschaft den Kindern und Jugendlichen gewidmet sein. Wir sollten ihnen geduldig zuhören, uns auf ihre Fragen einlassen und uns in sie hinein versetzen, um ihnen eine Vielfalt an sozialen, lebenspraktischen und Kreativität fördernden Entwicklungsräumen zur selbstbestimmten Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu schaffen.

Die Menschen der Gemeinschaft Sennrüti in der Schweiz schreiben auf ihrer Website:

Statt Beiträge von Kindern als störend zu werten, wollen wir sie als wertvolle Stimme für Unausgesprochenes, Hintergründiges und Unbewusstes respektieren.

In diesen wenigen Worten steckt für mich so viel Wahres. Kinder sind unsere Lehrmeister_*innen, unsere Entwicklungshelfer_*innen, sie sind unsere Spiegel. Wir sollten sie ernst nehmen und ihnen von Anfang an einen Platz in unserem Gefüge einräumen.

Die Erwachsenen bilden ein sicheres Netz, das die Kinder der Gemeinschaft trägt und schaffen ihnen ein Umfeld, das ihren Bedürfnissen entspricht.
Mit der Zeit wächst die Gruppe (im Idealfall) zu einer Wahl-Großfamilie mit überfamiliären Strukturen zusammen, in der das Wohlergehen der Kinder von allen Erwachsenen im Blick behalten wird. Die Frage, die ich mir als Mutter stellen sollte, lautet nicht mehr allein: „Geht es meinem Kind gut?“ , sondern darüber hinaus auch immer: „Geht es den Kindern in der Gemeinschaft gut?“.

Die primär elterliche Aufgabe, Kinder bedürfnisorientiert aufzuziehen, steckt jeden Tag voller großer und kleiner Herausforderungen und Mühen. Viele dieser Dinge lassen sich als Kollektiv jedoch deutlich leichter bewältigen als von einer kleinen Elter(n)-Kind(er)-Einheit allein. Es sollte nicht wichtig sein, welche Familienform gelebt wird. Alle Kinder sollten gleichermaßen einen Ort der Geborgenheit und der reichhaltigen Erfahrungen zum Aufwachsen vorfinden.

Die gegenseitige Hilfe in stressigen Phasen oder eine spontane Unterstützung in echten Notsituationen sind ebenfalls ein großer Vorteil, den das Leben in einer größeren Gruppe bietet – dies gilt natürlich auch für alle, die gerade kein(e) Kind(er) im eigenen Haus versorgen.

So wie wir es anstreben, als erwachsene Menschen wertschätzend und persönlich miteinander zu kommunizieren, so ist das im Miteinander mit den Kindern ebenso wichtig, wenn nicht sogar noch mehr. Kinder lernen nach unserem Vorbild, ahmen uns nach, schauen sich ab, was sie bei uns wahrnehmen. Jede*r sollte daher seine individuelle Authentizität bewahren und besonders auch den Kindern und Jugendlichen mit dieser begegnen. Beim Leben in Gemeinschaft bleibt es nicht aus, dass wir mit unterschiedlichen Meinungen und Ideen konfrontiert werden. Ich denke, dabei ist es hilfreich, eine gewisse Offenheit zu wahren, ohne sich selbst und seine eigenen Werte dabei zu verlieren. Den eigenen Standpunkt zu hinterfragen und offen für (evtl. auch mal kritische) Anregungen durch andere Menschen aus der Gemeinschaft zu sein, birgt eine große Chance für Bereicherung und Wachstum auf verschiedenen Ebenen.

Noch ein anderer wichtiger Aspekt im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen ist für mich außerdem die Tatsache, dass sich diese ihr Leben in der Gemeinschaft nicht selbst ausgesucht haben. Somit sind sie – im Gegensatz zu den Erwachsenen, die sich bewusst für dieses Konzept entschieden haben – nicht verantwortlich für das Gelingen der Gemeinschaft oder für die Gesundheit der Beziehungen zwischen den einzelnen Menschen.

Brigitte Hannig schreibt:

„Das Verantwortung-haben ist ein wesentliches Merkmal des Erwachsenseins, das Noch-keine-Verantwortung-haben ist ein signifikantes Merkmal der Kindheit.“

Die Erwachsenen nehmen also in allen Bereichen des täglichen Lebens und auf der Metaebene ihre Verantwortung dafür wahr, den jüngeren Menschen der Gruppe einen passenden Rahmen zu gestalten, in dem diese dann ihr angeborenes Potenzial in ihrem eigenen Tempo entfalten können. Dazu gehört es zum Beispiel durchaus auch, persönliche und allgemeine Regeln und Grenzen aufzuzeigen und auf respektvolle Weise für deren Einhaltung zu sorgen.

Auch wenn sich die familiären Strukturen mit der Zeit immer mehr aufweichen und verschwimmen mögen, so behalten die Eltern trotzdem stets die Verantwortung für ihre minderjährigen Kinder und treffen letztlich die Entscheidungen für sie.

Es sollte selbstverständlich sein, dass alle Gemeinschaftsentscheidungen, von welchen die Kinder und Jugendlichen betroffen sind, unter Einbeziehung der Bedürfnisse ALLER Altersgruppen ausgehandelt werden sollten.  Alle Kinder und Jugendliche sollten -sobald sie es möchten und in der Lage dazu sind, anfangs tendenziell mit enger Begleitung durch eine Bezugsperson – an sämtlichen Gemeinschaftstreffen teilnehmen dürfen. Sowohl an den organisatorischen als auch an den Treffen zur Gemeinschaftsbildung. So haben sie die Möglichkeit, laufende Prozesse selbst zu beeinflussen und mitzugestalten und in alle Formen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens hinein zu wachsen.

Titelbild by Rolf Habel

 

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