Gerade sind wir dabei, uns aus unserem alten Leben nach und nach frei zu strampeln, aber die Realität unseres bisher gelebten Alltags ist natürlich noch sehr präsent: Alles ist jederzeit verfügbar. In der gewünschten Farbe, Menge, Ausfertigung, Preisklasse. Was es im Laden nebenan nicht zu kaufen gibt, ist nur einen Mausklick von der Expresslieferung noch am selben Abend an Deine Wohnungstür entfernt.

In dem einen der acht (!) von unserer letzten Wohnung fußläufig zu erreichenden Supermärkte gab es allein 7 verschiedene Apfelsorten, angeliefert aus der ganzen Welt (von Deutschland bis Neuseeland war alles dabei) und über ein dutzend unterschiedliche Margarinen, jede einzelne fein säuberlich in ihr Bett aus Plastik eingepackt. Nur mal so als ein kleines Beispiel.

In dieser Welt der Fülle und des Überflusses bin ich aufgewachsen, mein gesamtes bisheriges Leben sozialisiert worden. Ich habe es lange, lange nicht hinterfragt, in Frage gestellt. Habe mir zu lange keine Gedanken darüber gemacht, welche Schäden diese Form des Konsums und des Übermaßes anrichten – Schäden an meiner persönlichen Gesundheit, Schäden an Natur und Umwelt und Schäden im Sinne der Ausbeutung und Armhaltung so vieler anderer Menschen auf dieser Welt.

So habe ich meine eigene kleine Konsum-Komfortzone über 3 Jahrzehnte kennen und lieben gelernt. Bequemlichkeit, Gewohnheit, Ignoranz zeichneten in diesen Jahren leider viel zu oft mein Konsumverhalten aus.

Und dann?
Dann wurde ich Mutter.
Dann veränderte sich mein Leben.
Dann veränderte ich mich.

Meine Suche begann: nach einer neuen inneren Haltung gegenüber dem Gebrauch und Verbrauch von allem. Und im Falle von notwendigen Anschaffungen nach fair-produzierten, ressourcenschonenden und plastikfreien Alternativen. Es ging um Müllvermeidung im eigenen Haushalt und um Qualität statt Quantität, nach einem lebbaren Weg zum Veganismus und nach einem bewussten Umgang mit Konsumgütern aller Art – ja kurz: nach einem nachhaltigeren Lebenswandel für mich und meine Familie. Einem Lebenswandel, der den Ressourcen der Erde entspricht und auch für die nächsten Generationen noch etwas davon übrig lässt.

Dass der extreme Überfluss, den wir hier erleben, auf der Armut eines viel größeren Teiles der Bevölkerung unserer Welt aufbaut und außerdem die kontinuierliche Zerstörung unseres Planeten mit sich bringt – durch den Verbrauch unvorstellbarer Mengen an lebenswichtigen Ressourcen und die unfassbar große Produktion von Müll und Gift und Gift und Müll – machte fast jede Alltagsentscheidung zu einem beinahe unlösbaren moralischen Akt für mich. Ich erkannte, dass ich kaum Chancen hatte, meinen ökologischen Fußabdruck nachhaltig zu reduzieren, solange ich weiter im alten System verharrte und keine radikale Veränderung erwirkte. Selbst ich, als priviligierte Deutsche mit gesichertem Auskommen (in Form eines vollzeitbeschäftigten Ehemannes) und allen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung konnte maximal einen Tropfen auf den heißen Stein erwirken und war doch viel eher noch immer ein halbwegs taugliches Zahnrädchen im großen Hamsterrad des globalen, kranken Kapitalismus.

Und auch die Auswirkungen des materiellen Überangebotes auf das Verhalten und die Entwicklung meines eigenen Kindes machten mir zunehmend größere Sorgen. Gesund und artgerecht ist es einfach nicht, zu einem Konsumenten heran gezüchtet zu werden. Dieser allgegenwärtigen, gnadenlosen Gehirnwäsche und Konditionierung, von der ganz besonders schon die jüngsten und schutzbedürftigsten Angehörigen unserer Gesellschaft betroffen sind, wollte ich einfach nur noch entfliehen.

Aber was braucht es, um diesem Sog, den tausend kleinen Versuchungen und Annehmlichkeiten Widerstand zu leisten?

Erst einmal den Willen zur Veränderung. Solange der Schalter nicht umgelegt ist, wird jeder Versuch nur halbherzig sein und ins Leere führen.

Dann braucht es Mut, Neues zu denken.

Die Entschlossenheit, diese neuen Wege dann auch zu beschreiten, Dinge auszuprobieren, die einem fremd und unbekannt sind.

Den Willen, sich von manchen Annehmlichkeiten und lieben Angewohnheiten für immer zu verabschieden (Kurz: die Komfortzone ein für alle Mal verlassen!)

Und die Kraft, dies auch langfristig durchzuhalten, selbst wenn das erste Feuer der Rebellion niedergebrannt und einer weniger heißen Glut gewichen ist.

Ich empfinde es immer noch als sehr kräftezehrend und oftmals anstrengend, die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. Und die Komplexität der Thematik lässt sehr oft kein schnelles und leichtes „Richtig“ oder „Falsch“ bzw. „Besser“ oder „Schlechter“ erkennen. Auch ist die richtige Wahl oft mit einem Mehraufwand an Zeit und Überlegungen verbunden und lässt sich nicht so einfach und schnell in die Tat umsetzen, wie ich es gerne hätte.

Immer wieder gibt es die Rückschritte, meine persönlichen Stolperfallen. Alte Gewohnheiten lassen sich nur ganz langsam und mit großer Anstrengung ablegen.

Ein kleines Eis in der frühsommerlichen Sonne geschleckt – ein Stück Bequemlichkeit, Selbstverwöhnen, Kind-zufrieden-stellen auf der einen Seite. Gewissensbisse wegen der tierischen Bestandteile, der Plastikverpackung, des Unterstützens eines schrecklichen Großkonzerns auf der anderen Seite.

Was heißt das für mich als Mutter? Ich fühle mich zerrissen zwischen all den Verlockungen, die bei meinem Kind logischerweise nie-enden-wollende und immer neue Wünsche und Begierden auslösen. Dass man ein neues Spielzeug mal eben im Internet bestellen kann, welches dann zauberhafterweise ein paar Tage später mit der Post geliefert wird, hatte mein Sohn natürlich schon kapiert.

Welche Auswirkungen die Summe dieser Handlungen auf die zukünftigen Lebensgrundlagen seiner Generation hat, kann er aber überhaupt nicht begreifen. Natürlicherweise liegt also die Verantwortung für Art und Menge unseres Konsum noch viele Jahre lang bei uns Alphatieren. Und da ein gesundes Maß einzuhalten ist sicherlich in einem Umfeld des Überangebotes viel schwieriger und konfliktreicher als in einem beschaulicheren Lebensraum.

Bei jeder Einkaufstour in unserem Stamm-Supermarkt wollte G ein paar Minuten verweilen, um sich das Luftballon-Regal anzusehen. Er wusste, dass ich ihm dort keine kaufe (nur in seltenen geplanten Fällen) aber er wollte seine „Droge“ wenigstens sehen. Bei ihm sind die Ballons wirklich schon zu einer Art Sucht geworden. Und kaum war eine neue Packung ins Haus gekommen, waren sie sofort wieder uninteressant und auf kurz oder lang für den Mülleimer bestimmt.

Die Zeiten, in denen ein einziger Ballon ein wertvolles Gut für ein Kind war und bis zum letzten Zipfel benutzt und geliebt wurde (wie zum Beispiel für die Generation meines Vaters) oder zu denen es an Weihnachten eine Orange für die ganze, vielköpfige Familie gab, sind ein für alle Mal vorbei.
Was damals an Mangel und Unterversorgung vorherrschte – und wie gesagt auch für so viele, für uns unsichtbare Menschen noch heute Realität ist, ist in unserer westlich-industrialisierten Welt zu einem derartigen Überfluss-Szenario mutiert, dass die Achtung und Wertschätzung für den einzelnen Gegenstand gegen null gesunken ist.

Dasselbe gilt für das Essen: wenn ich meinem Kind jederzeit den Zugang zu jedem Lebensmittel im Haus gewähre, es sich eine Stunde vor dem Abendessen noch an Marmeladentoast und Banane satt isst oder weiß, dass es bei Verschmähen der Hauptmahlzeit kurz danach mit einem üppigen Nachtisch rechnen kann – dann muss ich mich nicht wundern, wenn es die Achtung vor dem Essen auf dem Tisch verliert, mäkelig wird und sich nur noch von einem Leckerbissen zum nächsten durchschummelt, oder?

Einen guten, lebbaren Mittelweg zu diesem Überfluss-Dilemma zu finden, kostet mich tagtäglich enorme Willenskraft und Mühe. Die Erfüllung der Bedürfnisse stehen in unserer Familie definitiv vor der Wunscherfüllung. Bisher fahre ich damit eigentlich sehr gut, und das Verhalten meines Kindes spiegelt mir auch, dass ich irgendwie auf dem richtigen Weg bin. Aber manchmal bin ich es auch einfach nur müde.

Umso belebender fühlt sich unser Aufbruch nun für meinen etwas abgenutzten Veränderungswillen an: Das Leben in Einfachheit, Bescheidenheit, das ich herbei sehne, das ich meinem Kinde vorleben möchte – es ist zum Greifen nah. Es hat seinen ersten zarten Glanz schon auf meinen Alltag geworfen. Wir essen, was wir im WoMo haben, brauchen erst auf, bevor wir neues anbrechen geschweige denn einkaufen. Einkaufen selbst ist eine wohlüberlegte Handlung. Wir suchen nach Hofläden, Bioläden. Wenn die nicht erreichbar sind, wählen wir die regionalen Produkte im Supermarkt, verzichten noch konsequenter auf Plastikverpackungen.
Neue Spielsachen sind nicht ständig auf kindlicher Augenhöhe um uns herum, statt dessen gibt es Natur erleben, Feuer machen, Kletterbäume entdecken, Schneckenhäuser sammeln.

Es erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit, dass wir es bereits so weit geschafft haben. Die Ketten der alten Wohnsituation sind gesprengt, unser neues Zuhause im Einsatz.
Ich hoffe, unser Traum wächst mit unserem Tun immer weiter und wird einen neuen Alltag für uns entstehen lassen, in dem wir wirklich ankommen und im Einklang mit unseren Werten sein können ohne diese ständige Zerrissenheit und die unzähligen Versuchungen des modernen Lebensstiles, dem wir bisher gefolgt waren.

Vielleicht wird aus der dicken, gefräßigen Raupe ja doch noch ein luftig-leichter, wunderschöner Schmetterling. Und vielleicht, ganz vielleicht gelingt es mir sogar, meinem Sohn etwas von den Werten und guten Gewohnheiten mit auf den Weg zu geben, die es ihm später leichter machen, nachhaltige, verantwortungsvolle Konsumentscheidungen zu treffen, ohne derartig mit jeder einzelnen davon so hart ringen zu müssen, wie ich es nun gerade tun muss.

Links:
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4 Thoughts on “Elternschaft in einer Welt des Überflusses

  1. Hallo Jitka!

    Dein Beitrag regt sehr zum Nachdenken an. Mir gefällt sehr, wie Du die üblichen Vorgänge hinterfragst und wie Du konsequent versuchst ein Umfeld für Dich und Deine Familie zu schaffen, wo Du Deine Vorstellungen umsetzen/leben kann.

    Hab mich gerade einmal quer durch Deine letzten Beiträge gelesen. Ich bin schon sehr gespannt, wie es bei Dir weiter geht.

    Herzliche Grüße
    Maria

    PS: Danke fürs Verlinken zu meinem Beitrag!

    • Liebe Maria, danke für deinen Kommentar. Ich lese auch immer gerne mit, was es bei dir neues gibt! Die Sache mit der Achtsamkeit kommt bei mir noch deutlich zu kurz, aber ich lasse mich immer wieder gern von dir inspirieren. Alles Liebe, J.

  2. Maria on 25. Juni 2017 at 18:23 said:

    Ich bin zutiefst beeindruckt von deinem Willen und deiner Bereitschaft. Chapeau und viel Kraft für alles, was kommt.

    • Liebe Maria, ich danke dir. Wenn man erstmal mit voller Überzeugung einen Weg losgegangen ist, gibt es so schnell kein zurück 🙂 Ich hoffe, euch geht es gut! Alles Gute, J.

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