Pendeln um die goldene Mitte

Zufriedenheit erringt der Mensch durch Maßhalten im Genuß und eine geordnete Lebensführung. Auf das Zuwenig und das Zuviel folgt bald ein Umschlag und verursacht der Seele große Erschütterungen; wer aber solchen Umwälzungen ausgesetzt ist, der kann weder gleichmütig noch fröhlich sein.

Demokrit –

Wie bei fast allem im Leben gilt es bei der Suche nach einem entwicklungsfördernden, bedürfnis-orientierten Miteinander, das gesunde Maß und eine Balance aus verschiedenen Gegenpolen zu finden.

Nicht nur die einzelnen Bedürfnisse pendeln stets von einer Seite der Medaille zur anderen (so zum Beispiel Ruhe und Bewegung, Bindung und Autonomie, Halt und Freiheit), sondern auch der Grat von der passenden Bedürfnisbefriedigung erscheint mir an manchen Tagen recht schmal unter meinen Füßen.

Manchmal seufze ich tief und wünschte mir, dieses intuitive Wissen um die Bedürfnisse und den Umgang damit im Alltag wäre nicht so tief verschütt gegangen. Warum kämpft unsere Generation nur so schwer mit der Frage nach dem rechten Maß in Bezug auf die Befriedigung unseres angeborenen Bedarfes oder allein schon beim Auseinanderhalten von Wünschen und Bedürfnissen?

Vielleicht ist der Verlust und das Wiederentdecken dieses Wissensschatzes notwendig für eine Mutation, eine Integration neuer wichtiger Erkenntnisse in die alten Weisheiten? Die Wahrheit ist, ich weiß es nicht.

Eine Sache weiß ich allerdings ganz genau: Für mich persönlich macht allein das Bewusstsein, das Sehen und Verstehen unserer Bedürfnisse einen großen Unterschied im Alltag aus. Selbst wenn das alles als theoretisches Wissen erst noch durch meine Erfahrungen abgeglichen und erprobt, teilweise vielleicht auch noch angepasst werden muss.

Genau so geht es mir auch mit dem Verständnis für eine adäquate Erfüllung all dieser Bedürfnisse. Ich beginne, die Zusammenhänge zwischen ungesund kräftezehrenden Szenarien innerhalb der Familie oder Auffälligkeiten in der kindlichen (Reife-)Entwicklung und einer zu starken oder zu geringen Erfüllung bestimmter Bedürfnisse zu erahnen.

Ich verstehe es so, dass sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig dazu führen kann, dass der Mensch sein persönliches Potential nicht entfalten und an der Selbstverwirklichung gehindert werden kann. Das Streben nach Wachstum und Entwicklung wird ausgebremst, wenn der vorhandene Bedarf nicht im vorgesehenen Maße erfüllt wird.

Bei einer mangelnden Erfüllung leuchtet das schnell ein.

So führen zum Beispiel Flüssigkeits-, Wärme- oder Sauerstoffmangel mit Sicherheit zu erheblichem körperlichen Unbehagen, möglicherweise zu ernsthaften Gesundheitsschäden, im schlimmsten Falle sogar zum Tod. Das Fehlen von körperlicher Zuwendung und Berührung lässt die seelische Entwicklung eines Kindes deutlich nachweisbar leiden, was bedeutende Spätfolgen für die Betroffenen haben kann.

Bei einem Mangel in der Erfüllung des Sicherheitsbedürfnisses fühlt sich ein Kind ständig latent gestresst, angespannt, vielleicht auch noch ängstlich und nervös. Dies wiederum macht das Kind deutlich anfälliger für diverse Symptome von Übersensibilität, über erhöhte Reizbarkeit und Aggression bis hin zu Schlafstörungen. Nicht gerade der beste Nährboden für eine ungehinderte Potentialentfaltung, oder?

Doch auch ein Übermaß im Angebot ist nicht gerade förderlich für unser Erleben.

Ein ständiges, unnötiges Überangebot mit Essen und Trinken zum Beispiel in Momenten der Unausgeglichenheit oder Unzufriedenheit führt leicht dazu, dass ein Kind lernt, seine tiefer liegenden Bedürfnisse wie etwa nach Zuwendung, Trost oder Gesehenwerden mit Essen zu kompensieren. Dies kann zu einer ganzen Reihe von ungünstigen Begleiterscheinungen und Erkrankungen von Körper und Seele führen.

Im Falle von Orientierung, Grenzen und Regeln bewirkt eine zu starre und zu einschränkende Erziehung möglicherweise, dass das Kind in der Entwicklung seiner einzigartigen Persönlichkeit gehemmt wird und im Extremfall zum gesellschaftskonformen „Mitläufer“ werden muss, da Autonomie und Individualität keine Luft zum Atmen haben.

Unter all diesen Umständen – sowohl im Zuviel als auch im Zuwenig – geht es einem Kind jedenfalls nicht gut. Es lebt in einem Zustand eines spürbaren Bindungsmangels und ist mit der Abwehr der einwirkenden Stressfaktoren beschäftigt, anstatt sich seinen natürlichen, kindgerechten Wachstumsprozessen hingeben zu können.

So gibt es im Prinzip für jedes einzelne Bedürfnis oder für die Stufen in der Bedürfnispyramide ein mögliches Szenario, in welchem sie auf die eine oder die andere Weise unpassend bedient werden mit den entsprechenden Auswirkungen und Folgen.

In diesem Zusammenhang bin ich übrigens auf einen spannenden Artikel über den sogenannten Lebenssinn (eine der 12 definierten anthroposophischen Sinneswahrnehmungen) gestoßen.

Dr. Wolfgang-M. Auer beschreibt darin dieses ständige Pendeln um die Mitte (das Wohlbefinden) und die Wichtigkeit der zeitnahen Bedürfnisbefriedigung im Säuglingsalter, um dem Menschen die Möglichkeit auf den Weg zu geben, sich in seinem und mit seinem Körper ein Leben lang wohl zu fühlen.

Er schreibt,  dass es in den ersten Jahren enorm wichtig ist, das Kind nicht zu lange in einem Zustand des Unwohlseins (also unter- oder überversorgt) allein zu lassen. Da es sonst verinnerlicht, dass sein Körper ihm unangenehme Empfindungen bereitet und es dadurch lernt, diesen abzulehnen anstatt sich mit seinem Körper wohl zu fühlen. Erst im Alter von etwa drei bis fünf Jahren – wenn „das Gute“ bereits durch die regelmäßige Erfüllung der körperlichen Bedürfnisse verankert, sowie eine gewisse Sicherheit durch wiederkehrende Rhythmen und Strukturen erlangt wurde – kommt der Erfahrung von selbst erlebtem Mangel, von Anstrengung und Erschöpfung eine neue Daseinsberechtigung zu. Anhand dieser herausfordernden Erfahrungen kann das Kind dann nämlich erlernen, seine körperlichen Grenzen auszuloten, die Bedürfnisbefriedigung aufzuschieben und seine wahre Leistungsfähigkeit auszutesten und ggf. zu erweitern.

Für mich waren die Hinweise auf die verschiedenen Altersstufen hier nochmal besonders interessant, weil ich bisher nicht so viele konkrete Erläuterungen bezüglich der einzelnen Entwicklungszeiträume gefunden habe, die sich für mich auch stimmig und ganzheitlich anfühlten.

Meine eigene große Herausforderung besteht sicherlich darin, mich von all diesen Theorien und teilweise Empfehlungen nicht zu sehr unter Druck setzen zu lassen. Natürlich will ich meine Sache als Mutter so gut wie möglich machen. Wer nicht?!

Es beruhigt mich ein bisschen, dass Kinder wohl nachweislich keine perfekten Eltern brauchen. Sondern authentische, ehrliche Eltern, die sich dessen bewusst sind, dass sie sich selbst auf einer Reise befinden, die wahrscheinlich niemals endet.

Ich kann ja nur genau so gut und angemessen handeln, wie ich eben zu diesem Zeitpunkt meines Lebens und mit meinen bisherigen Erfahrungen in der Lage bin.

In diesem Sinne wünsche ich mir selbst, meinem Kind und natürlich auch euch, dass wir alle mit der Zeit ein wachsendes Gespür dafür bekommen werden,

w e r  denn gerade eigentlich w a s  wirklich braucht. Und w i e  wir das dann (gemeinsam) realisieren können.

Schreibe einen Kommentar

*