Die Qual der Wahl

Wer kennt es nicht, das Sprüchlein “ Wer die Wahl hat, hat die Qual“ Und wenn es uns Erwachsenen schon so geht, die wir uns einbilden, alle Für und Wider abwägen und mit den Konsequenzen leben zu können – wie muss es dann einem Kleinkind im Falle einer von ihm geforderten Entscheidung gehen, wenn es dafür mental noch lange nicht in der Lage ist?

Noch vor einiger Zeit war ich der festen Überzeugung, dass ich meinem Kind (aktuell zweieinhalb Jahre alt) etwas Gutes damit tue, wenn ich ihm so oft wie möglich die Chance gebe, selbst mit zu entscheiden und den Alltag aktiv mit zu gestalten. Ich dachte, es macht Sinn, dem Kleinen Entscheidungen zu überlassen, damit er sich respektiert und sich als Person nicht übergangen fühlt.
Beispielsweise fragte ich ihn, ob er lieber das rote oder das grüne Hemd tragen möchte. Ob er lieber ein Käsebrot oder einen Joghurt essen mag. Ob wir raus gehen oder zu Hause spielen sollten. Ich tat das nicht, weil ich diese Entscheidungen nicht problemlos selbst hätte treffen können, sondern ich dachte wirklich, es wäre wichtig und förderlich für sein Selbstwertgefühl, seine Entwicklung…

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G´s Reaktionen wechselten unvorhersehbar. Manchmal entschied er sich für eines und die Sache war gut. Ein anderes Mal schien er nicht imstande, mir eine Antwort zu geben, also entschied ich. Und am schlimmsten war es, wenn er sich zunächst für eine Option entschieden hatte, dann aber doch lieber die andere Sache wollte und am Ende mit nichts zufrieden war. Ich wurde nicht richtig schlau aus seinem Verhalten, folgte weiter meinem Pfad ihn in allerlei Alltagsentscheidungen mit einzubinden und fühlte innerlich ein gewisses Unbehagen über dieses Vorgehen heran wachsen. Und dann las ich die Broschüre „Handeln statt Reden – die nonverbale Konsequenz“ und es fiel mir ein riesiger Felsbrocken vom Herzen. Meine Intuition, dass ich anscheinend auf dem Holzweg war, fand eine Übereinstimmung in diesen Zeilen:

„Anhaltende Überforderungen stellen Belastungen dar, denen die Kinder nicht gewachsen sind. […] Wenn das kleine Kind also wieder einmal entscheiden soll, ob es Limonade oder Milch oder doch lieber Kakao trinken möchte, haut es in seinem Stress das Glas vom Tisch. Das ist einfach Notwehr. Doch wohlmeinende Eltern tun dann noch mehr des Guten und bieten zusätzlich Apfelsaft an, weil sie das schlagende Argument falsch interpretiert haben. Wenn die Grundbedürfnisse der Kinder – zum Beispiel nach Schutz, Bindung, (innere) Ordnung, (innere) Ruhe, Struktur, Bewegung, Grenzen, Rhythmus, Autorität und elterlicher Führung nicht ausreichend erfüllt werden, reagieren sie mit auffälligem Verhalten. Dann wird Erziehung anstrengend. Wenn Kinder unkindlicherweise Verantwortung übernehmen müssen -Zoo oder Schwimmbad?- […] dann entsteht im noch unreifen Gehirn Unordnung und Unruhe. Es gerät in Stress, weil es für eine solche Aufgabe nicht eingerichtet ist.“

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Diese Sicht auf das Kind erleichtert mir den Alltag enorm. Anstatt zu denken, ich würde mein Kind übergehen oder ihm notwendige Entwicklungshilfen verweigern, wenn ich für es entscheide, kann ich es jetzt anders betrachten: Ich schütze mein Kind vor Überforderung und gebe ihm Ruhe und Klarheit, so dass in seinem Inneren Ruhe herrschen kann. Das Miteintscheiden kommt noch früh genug, aber momentan bin ich nunmal der Leitwolf und gebe den Weg vor, auf dem der kleine Jungwolf auf sicheren Pfoten hinterher laufen darf.

Wenn G dann tatsächlich mal nicht einverstanden ist mit dem Ablauf, dem Essen, das ich ihm anbiete und von selbst etwas anderes vorschlägt, horche ich kurz in mich hinein, wäge die Gesamtsituation ab und ich entscheide dann, ob ich seinem Wunsch nachgeben möchte oder nicht. Zum Beispiel darf er sich gerne eine blaue Hose aus dem Schrank holen, wenn die rote, die ich ihm rausgelegt habe, ihm gerade nicht in den Kram passt. Und wenn wir zu Abend essen und er den angebotenen Tee ablehnt und gerne Wasser trinken mag, dann darf er das in der Regel auch. Aber ich setze ihm einfach nicht mehr bei jeder Gelegenheit eine Auswahl vor die Nase, auf dass er aus mehreren Optionen wählen müsste. Auch verwende ich deutlich seltener die Fragevariante. Ich überlege bewusster, ob ich ihm jetzt eine Frage stellen sollte oder eben nicht.

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Und vor allem in Sachen Tagesablauf folge ich seit einigen Wochen konsequenter meiner vorgedachten Struktur. Nach dem Nachmittagssnack gehen wir raus. Punkt. Früher hätte ich ihn miteingebunden, gefragt, ob er raus gehen möchte. Heute bin ich ganz klar: Es gibt noch mal frische Luft und Bewegung, das ist gut, das ist wichtig und danach ist noch genug Zeit zum Spielen in der Wohnung.
Auch hier darf man mich sich nicht als Feldwebel vorstellen, die um punkt 15hundert das Haus verlässt. Angemessene, fließende Übergänge vom Spiel zum Anziehen dürfen schon sein. Trotzdem ist die Marschroute klar und wenn der Kleine nicht von selbst zum Anziehen kommen möchte, sitze ich keine geschlagenen 20 Minuten mehr an der Garderobe und warte auf ihn. Dann wird der Junge beherzt geschnappt und auch bei Protest (welcher mittlerweile erstaunlich wenig geworden ist) werden Mütze und Schuhe angezogen.

Ich fühle mich mit sofortiger Wirkung total erleichtert, ja richtig befreit. Ich spüre einen neuen Schwung in meinem Muttersein, wo ich vorher desöfteren etwas ziellos umhergetrieben bin. Und G nimmt die Veränderungen, die damit einhergehen, auch ziemlich gut an. Und da ich nun vormittags auch endlich etwas Ruhe und Zeit zum reflektieren finde, werde ich mit Sicherheit noch einige Posts damit füllen, welche weiteren, neuen Impulse ich für meine Rolle als Mutter bekommen habe.

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