Vorsorgen fürs Alter – wieviel System brauche ich?

Eine Frage, die meinen Mann und mich nun schon eine Weile umtreibt, ist die nach einer effektiven und zugleich sozial vertretbaren Altersabsicherung. Als Hebamme im System hätte ich mich -finanziell betrachtet – sowieso nicht auf das klassische Vorsorgekonzept der staatlichen Rente verlassen können. Aber unabhängig von meinem bisherigen Werdegang hinterfragen wir stark, inwieweit wir uns bei diesem wichtigen Thema trauen, uns vom kapitalistischen Gedanken von Privateigentum zu lösen.

Denn das erscheint mir momentan gar nicht so einfach, muss ich gestehen. Selbst die Gemeinschaft, in der intern von einer Ökonomie des Schenkens die Rede ist, baut auf Finanzmittel, die aus dem System stammen. Und das Privateigentum der einzelnen Mitglieder in Form von Landstücken und Häusern, welche ebenfalls mit Geld aus der normalen Wirtschaft angeschafft wurden, zeugen von dem Sockel, auf dem die jetzt gelebten Ideen fußen.

Darin sehe ich mein Grundgefühl bestätigt, dass man sich erst noch eine Weile dem Kapitalismus verschreiben muss, um sich auf lange Sicht davon „frei zu kaufen“ und einen anderen Umgang mit dem Thema Besitz zu finden.
Nur so kann ich Werte im Sinne von materieller Sicherheit anhäufen – egal ob als Einzelperson oder auch gemeinschaftlich als Gruppe mit intern ausgehandelten Verhältnissen.

Und da tauchen wieder einmal die Zweifel darüber auf, ob ich von meinen Privilegien (Arztgehalt als ökonomische Basis unserer Familie bzw. Möglichkeiten der eigenen Wertschöpfung als Selbständige) Gebrauch machen soll oder ob das moralisch zu verwerflich ist und wir nach anderen Wegen suchen sollten. Nach Möglichkeiten, die auch für einen größeren Teil der (Welt-)Bevölkerung umsetzbar wären?

Die materiellen Werte sind für mich jedoch auch nur eine Seite der Absicherung für die Zukunft. Was ist darüber hinaus mit den sozialen Strukturen? Wie kann ein Zusammenleben über mehrere Generationen hinweg realisiert werden, in welchem Altersheim und Seniorenstift unnötig werden? Ein Miteinander, in dem alle gemeinsam die Verantwortung für die ganz Jungen, die ganz Alten und die anderweitig Pflege- und Hilfsbedürftigen übernehmen wollen. Mit allen daraus resultierenden Konsequenzen.

So wahnsinnig viele Antworten haben wir leider für uns noch nicht gefunden. Mein Herz schlägt definitiv für alternative Wege, für soziale Nachhaltigkeit und Vertrauen ins Universum, wenn man so will.

Mein Mutlevel ist dagegen noch immer bei den etwas altmodischeren Varianten angesiedelt. Ich finde es wirklich schwer, neue Pfade einzuschlagen, die noch nicht erprobt und bereits von anderen Pionieren für gut befunden wurden.

Allerdings ist das Thema „Leben im Alter“ extrem präsent für uns in unserer allgemeinen Lebensplanung, ganz besonders, weil wir uns mit dem Standard, den wir aus unserem alten Lebensumfeld kennen, nicht zufrieden geben wollen.

Diese Gedanken habe ich bislang zu den verschiedenen Ansätzen der Vorsorge gesammelt:

Staatliche Rentenversicherung

Unabhängig davon, ob ich mich dem Sozialversorgungsnetz in Deutschland anvertrauen wollte oder nicht, kommt diese Option (für mich zumindest) eigentlich gar nicht in Frage. Nach 3 Jahren Ausbildung und knapp 9 Jahren 60-70-Stunden-Woche-Vollzeit in der Freiberuflichkeit hatte ich mir einen Anspruch von knapp 130 Euro monatlicher Rente gesichert. Bei ununterbrochener, gleich bleibender Arbeitsleistung hätte mir mit 65 Jahren eine Rente von ca. 550 Euro zugestanden. Also egal, ob ich weiter fleißig einzahle oder nicht und wieviel Lebenszeit ich dem Geldverdienen widme: die Zahlungen würden sich am Ende auf ein sehr geringes Existenzminimum belaufen. Diese Aussicht im Verhältnis zum Aufwand, den ich dafür betreiben müsste, macht für mich erstmal irgendwie wenig Sinn.

Private Rentenversicherung

Erstens war ich als Hebamme dazu verpflichtet, monatlich 400-500 Euro in die staatliche Rentenversicherung einzuzahlen, und zweitens habe ich persönlich ein grundsätzliches Misstrauen sämtlichen Versicherungsunternehmen gegenüber. Beides triftige Gründe, die einer zusätzlichen Absicherung neben der Staatsrente in meinem Fall im Wege standen.

Direkt nach meinem Examen bin ich leider einem Telefondesinfizierer Versicherungsmakler auf den Leim gegangen und habe einen überteuerten, für meine Voraussetzungen reichlich unpassenden privaten Vorsorgefond und obendrauf noch eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen.

Nach einem guten Jahr war ich mit meinem Renten-Konto dort immer noch im Minus und empfand die verpflichtenden Zahlungen als große Belastung. Außerdem hatte ich irgendwann keine Lust mehr, mit meinen Beiträgen die fetten Gehälter der Abzocker_*innen und Spekulant_*innen zu finanzieren, deren Arbeit so gar keinen Mehrwert für die Welt hat. Also löste ich das Ganze mit recht großen Verlusten meinerseits wieder auf. Seitdem meide ich in meinem Leben übrigens sämtliche Versicherungen, die ich persönlich nicht als absolut notwendig erachte.

Geldanlagen / Aktienfonds

Irgendwie empfinde ich die Vorstellung von Aktieninvestments als Inbegriff der dunklen Seite der Macht. Schon immer sah ich es als ungerecht und ethisch nicht zu rechtfertigen an, dass Menschen mit finanziellen Vorteilen auch noch mehr Geld verdienen sollten, ohne etwas dafür zu leisten. Der Esel scheißt halt immer auf den größten Haufen, nicht wahr?

Geld wird niemals von ganz alleine mehr. Am Ende der Kette steht doch immer jemand, der bei dem Geschäft draufzahlen muss und das sind bestimmt nicht diejenigen, denen das nichts ausmacht. Auch das ganze Gedöns um Grüne Geldanlagen und ethische Werte in der Geldwirtschaft überzeugen mich nicht. Klar habe ich mein 0815 Bankkonto bei einer Bank, die sich von der Kriegsindustrie und Geschäften mit eindeutiger Umweltzerstörung fernhält und statt dessen die Förderung der Nachhaltigkeit auf ihre Fahnen schreibt. Aber das war es dann auch schon. Zu mehr Involviert-Sein mit dem Geschäft mit dem Geld könnte ich mich nicht durchringen.

Sparstrumpf füttern

Womit wir bei einem weniger rentablen, dafür aber moralisch möglicherweise akzeptableren Szenario wären: Wenn ich, sagen wir mal mit einer halbwegs sinnhaften, vielleicht sogar im weitesten Sinne Welt verbessernden Tätigkeit Geld einnehmen und dieses auf die hohe Kante legen würde, um im Alter davon zu zehren – wie stünde es da mit meinem Karma? Und würde die Sache überhaupt funktionieren?

Das Privileg des Ansparen-Könnens, gepaart mit der Entscheidung für privaten Besitz, wirft schon mal so einige Fragen auf. Zumindest wäre dies eine Handlungsweise pro Kapitalismus und pro Individualismus.

Außerdem ist für mich nicht so recht ersichtlich, was geschehen würde, wenn das Polster irgendwann abgetragen wäre, ich aber noch ziemlich lebendig durch die Gegend altern wöllte.

Wohneigentum zum selbst Bewohnen

Ebenfalls für mein Verständnis recht nah am Bereich Pro-dunkle-Seite der-Macht wäre der Erwerb bzw. das Abzahlen von eigenem Land und Wohnraum. Wer kann sich das heutzutage schon noch leisten? Und ist es in Ordnung, das zu machen, bloß weil wir es aufgrund unserer Biographie und Ausbildung sowie Leistungsfähigkeit könnten?

Tief in mir spüre ich eine Sehnsucht danach, unser eigenes Stück Land zu besitzen und uns den Traum vom ökologisch optimalen Hausbau zu erfüllen.

Ist das nicht die einzige reale Chance, sich ein Stück weit vom System frei zu kaufen? Und wenn das Ganze gleich mit ein bisschen mehr Wohnraum geplant wird, als wir allein für uns bräuchten und somit Platz für Gäste, Interessierte und WWOOFer_*innen geschaffen wird bzw. der uns im Alter genügen könnte – ist das dann nicht die ideale Voraussetzung für ein neues Miteinander?

Ich merke beim Aufschreiben auf jeden Fall, dass diese Option gerade etwas in mir zum Leben erweckt. Was bei dieser Variante noch offen ist, ist sicherlich die Deckung der laufenden Kosten neben den reinen Wohnkosten (wie Versicherungen, Lebensmittel, Gebrauchsgüter, Transport, medizinischer Bedarf etc.) in den Jahren, in denen kein Einkommen aus eigener Arbeit mehr generiert werden kann.

Eigentum zum Vermieten als Einkommensquelle

Dies geht recht nahtlos in die Idee von Vermietung über. Jedenfalls als eine Möglichkeit, die genannten notwendigen Mittel heran zu bringen. Und natürlich im Modell der freien Marktwirtschaft gedacht. Diese Option liegt mir gerade irgendwie noch zu nah am reinen Kapitalismus und ist daher zur Zeit eigentlich nicht meine favorisierte Art, Einkommen zu generieren.

Wenn Sie auch zugleich auf gewisse Art verlockend ist, da sie in unserem Alter und zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht noch zu realisieren wäre, hoffe ich doch sehr, dass uns auf unserer Reise (=Leben) Menschen und Gegebenheiten begegnen werden, die uns andere, gemeinschaftlichere Lösungen aufzeigen.

Wohneigentum als Tauschwert

Es gab eine Zeit, da war ich von der Idee von Tausch-Netzwerken sehr fasziniert. Ich mag die Vorstellung, dass die Zeit eines Menschen und somit jede Arbeitsstunde immer gleich viel Wert sein sollte. Egal ob die Person den Boden wischt, einen Tisch schreinert, einen Menschen medizinisch behandelt oder beim Umzug hilft.

Aber insgesamt haben mich die kurzen Begegnungen mit Tausch als Handelsvariante nicht überzeugt. Zu viele ungeklärte Fragen in Bezug auf Gerechtigkeit und Fairness blieben noch offen.

(Zum Beispiel nach den unterschiedlichen Ausgangslagen der Beteiligten, nach ihren persönlichen Ressourcen allgemein und in speziellen Lebensphasen. Auch leben wir (noch?) in einer Welt, in der Bildung und besonders Ausbildung Geld kostet und dies wird nicht berücksichtigt, wenn eine Ärztin  mit einem ungelernten Küchenhelfer gleich gestellt wird.)

Jedenfalls ist das bewusste Tauschen nach Plan für mich teils ein etwas abgespeckter Kapitalismus in neuem Gewand, in dem es auch Gewinner_*innen und Verlierer_*innen geben kann. Und außerdem finde ich es schwierig anzuwenden in einer Welt, die nicht dafür ausgerichtet ist, alle Menschen als gleichwertig zu akzeptieren. Da braucht es dann schon sehr besondere Leute mit einer klaren Entscheidung für mehr soziale Gerechtigkeit ab dem wie auch immer entstandenen Status quo, an dem wir damit beginnen.

Na, was ich eigentlich sagen will: ich könnte mir grundsätzlich schon ein Tauschgeschäft vorstellen á la kostenfreies Wohnen und Land Nutzen gegen eine zuverlässige Hilfe und Pflege im Alter. Aber das kann auch nur eine Teillösung, ein Ausschnitt aus einem größeren Ganzen sein, glaube ich.

Mitgliedschaft in einer Kommune

Hmm, und dann gibt es noch die Vision der Kommune. Dem Leben und Arbeiten in einer und für eine definierte Gemeinschaft. Daran hängen sicherlich diverse Verpflichtungen und ausgehandelte Vorgaben. Ich weiß nicht, ob ich es wirklich gut finde, mich auf Lebenszeit an einen einzigen Ort zu binden?  Und damit auch an einen fixen Kreis von Leuten? Wahrscheinlich wäre eine dezentrale Lebensweise an mehreren Orten in verschiedenen kleineren oder größeren Gruppen eine Lösung? So dass innerhalb dieser Ökonomiegemeinschaft noch eine gewisse Flexibilität für Veränderung bestehen bleibt? Gäbe es in diesem Bild nur noch gemeinsamen Besitz und absolut kein privates Eigentum? Oder sind Mischformen denkbar und lebbar?

Wie ginge es wohl beim Ausstieg aus einer solchen Kommune, wenn dieses einst gewählte Setting doch eines Tages nicht mehr passt? Steht man dann wieder am Anfang und muss in fortgeschrittenem Alter von vorne anfangen mit diesen Überlegungen?

Und was ist, wenn das ganze System sich nicht über eine gewisse Zeitspanne hinweg trägt und auseinander bricht, bevor ich von den erträumten Vorteilen im Senium profitieren kann? Will ich das Risiko eingehen, meine Zukunft in die Hände einer mehr oder weniger beständigen Gruppe von Menschen zu legen? Samt der vielen unbekannten Faktoren, die nicht in meiner eigenen Macht oder Kontrolle liegen?

So ganz glücklich bin ich mit all diesen Eventualitäten nicht, die ich im engen Zusammenschluss mit vorerst fremden Personen in Form einer Kommune vermute. Auch bräuchte die Kommune selbst weiterhin Einnahmequellen im System. Und nur weil sie es dann intern neu verteilt, bleiben all die vorher gestellten Fragen nach Ethik, Moral und Ausnutzen von Privilegien vorerst mal genau so unbeantwortet.

Schenkökonomie und Glauben an das Gute

Der letzte Ansatz, der mir in den Sinn kommt, ist mein an sich recht gut ausgeprägtes Urvertrauen und mein Glauben an karmische Kräfte. Wenn ich es als gegeben annehme, dass das Universum gut für mich sorgt – was kann mir dann schon Schlimmes passieren? Muss ich mir überhaupt all diese verzwickten Gedanken machen oder reicht es nicht völlig aus, mein Leben so gut, wie ich kann, zu leben.

Das bedingungslose Schenken wäre mir nämlich im Prinzip von allem am liebsten. Gekoppelt an die Hoffnung, dass sich daraus schon eins ins andere fügen und letztlich immer ausreichend für mich gesorgt sein wird.

Doch unglücklicherweise bin ich noch zu stark in den alten Denkmustern und Existenzsorgen verhaftet, um mich mit vollem Elan auf dieses Abenteuer einzulassen, fürchte ich. Nach meinem jetzigen Erfahrungsstand ist es für mich total fraglich, wie das funktionieren kann und ob die Welt tatsächlich schon bereit dafür ist. Also hätte ich in dem Fall gerne einen Plan B in der Tasche, was meine innere Haltung aber sicherlich so sehr beeinflusst, dass ich mich nie ganz frei von kapitalistischen Strömungen fühlen würde.

Lottogewinn

Die Hoffnung stirbt zuletzt …

Oh je!

Was für ein Chaos!

Zusammenfassend kann ich wohl sagen, dass mir ein {durch Lottogewinn finanziertes} eigenes {autarkes Öko-} Haus inklusive kleiner „Einliegerwohnung“ {seniorengerecht} auf weitläufigem Gemeinschaftsgrund am liebsten wäre. Das ganze in Verbindung mit einer mittelgroßen Siedlung inklusive eines zusammen entwickelten und mit Leben gefüllten Konzepts für das Mehr-Generationen-Dorf und Elementen aus Tausch- und Schenkökonomie.

Klingt das zu sehr nach Eier legender Wollmilchsau?!?

Wie seht ihr das?  Irgendwelche Erfahrungswerte, Anregungen, Lösungsvorschläge eurerseits?

2 Kommentare bei „Vorsorgen fürs Alter – wieviel System brauche ich?“

  1. Ich glaube fest daran, dass für uns gesorgt ist und die materielle Absicherung, wie du selbst schon schreibst, nur ein Teil der Zukunft ist. Wir haben uns direkt nach dem Studium entschlossen, unseren Traum zu leben und Festanstellung und Absicherung auszuschlagen. Wir haben damals gesagt: Wir probieren es einfach und machen es solange es geht. Das ist inzwischen schon 12 Jahre her. Und wir halten es immer noch so, auch wenn es sich mit inzwischen drei Kindern und schulgeldpflichtiger freier Schule bisweilen etwas verrückt anfühlt. Aber es läuft 🙂 Finanziell haben wir immer für ca. Jahr vorgesorgt und dann sehen wir weiter. Ich finde das Leben im Jetzt so wichtig, dass wir es nicht mit Sorgen über die Zukunft verschwenden sollten. Ihr geht euren Weg und das ist gut so! Und so sehr ich es für mich und alle anderen wünsche- wer weiß, ob er seine Altersicherung noch erlebt? Ich glaube, dass diese Ängste bewusst geschürt werden, um Geschäfte zu machen – mit Versicherungen, Immobilien… Großes Thema, dass auch mich immer mal wieder beschäftigt und mich nun veranlasst hat, dir mal zu schreiben 😊 Ich lese deinen tollen Blog sehr gern!

  2. Liebe Berline, hab Dank für deine liebe Nachricht und den Einblick in Euren Umgang mit dem Thema. Mal sehen, ob wir auch so wie ihr den Mut haben werden, dieses Im-Jetzt-Leben zu vertiefen… Alles Gute, J.

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