Heute ist der erste Tag des mir selbst auferlegten Experimentes „Minimalismus durch Verschenken“ kombiniert mit absolutem Konsumverzicht. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich bereits um 9 Uhr heute Morgen bezüglich des zweiten Teils komplett versagt habe. Ich hatte dummerweise noch Konsum-Altlasten zu bewältigen und kam deshalb leider mit zwei neuen Büchern zurück nach Hause.

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Die Sache war nämlich die, dass ich kurz vor Ostern mit zwei tollen Büchern für den Gemüseanbau geliebäugelt hatte, die ich auf die Schnelle einfach nicht als gebrauchtes Exemplar auftreiben konnte. Also löste ich endlich meinen zwei Jahre alten Büchergutschein ein und bestellte die beiden Werke neu. Und diese kamen dann am letzten Mittwoch an (wäre ja noch VOR Beginn des Experiments gewesen *haha*) aber wegen meines kranken Kindes konnte ich sie erst heute abholen fahren. Asche auf mein Haupt. Somit war der Start in meinen kauffreien April schon mal etwas vermurkst.

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Es war außerdem total seltsam für mich, an der Friedrichstraße unterwegs zu sein. Eingekauft habe ich zwar noch nie übermäßig gerne und in großen Einkaufszentren und auf solchen Shoppingmeilen fühle ich mich schon seit Jahren irgendwie unwohl. Aber mit meinem neuerwachten Bewusstsein kam ich mir wirklich vor wie ein Alien. Einerseits das schlechte Gewissen im Gepäck, an meinem ersten Tag des geplanten Konsumverzichtes allenernstes NEUWARE einkaufen zu wollen.

Andererseits mein erstes Unterwegssein in der Öffentlichkeit als bekennende Veganerin. Leider gehöre ich zu denjenigen Menschen, denen bei Dienstleistern etwas nachzufragen oder sogar Sonderwünsche zu äußern, grundsätzlich extrem unangenehm ist. Und da ich aufgrund erwähnter kindlicher Krankheitsphase heute früh eher unvorbereitet losfuhr -soll heißen: kein extra Care-Veganer-Überlebens-Lunch-Paket für die Muddi dabei hatte- sah ich mich schon völlig unterzuckert mit zitternden Händen in ein buttergetränktes Billigcroissant beißen… dazu kam es dank eines auf Kunden mit Sonderwünschen wie vegan, glutenfrei, laktosefrei etc. bestens vorbereitetes Bäckerei-Café in der Bergmannstraße glücklicherweise doch nicht.

Erst erlebte ich aber noch das I-Tüpfelchen an Unannehmlichkeit meines heutigen Morgens des Versagens: Ich versuchte gerade mein Weltverbesserer-Selbstbewusstsein mit dem Inhalt meiner Handtasche über Wasser zu halten:

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Mein Getränk in einer selbst eingestrickten Glasflasche, DIY-Stofftaschentücher und DIY-Mehrzweckbinden für unterwegs im Wetbag
– da fiel mir an der Kasse auf, dass ich keine Baumwolltüte dabei hatte. Und in meine Handtasche passte der dicke Wälzer beim besten Willen nicht rein. Mein Nachhaltigkeits-Über-Ich ließ mich die zweifach angebotene Plastiktüte voller Stolz (oder Scham?) ablehnen und so fand ich mich kurz darauf das gute Werk nackt und unbedeckt durch die Straßen und U-Bahnhöfe Berlins schleppend wieder. Ich fühlte mich ein bisschen elend. Hunger hatte ich auch. Ich sehnte mich nach einem Brot mit Mandelfrischkäse.

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Im von vielen Seiten angepriesenen veganen Schlemmerhimmel bin ich leider noch nicht angekommen. Ich befinde mich -abgesehen von einem soliden Repertoire an tierfreien Grundrezepten und einigen wenigen Lichtblicken – nämlich noch auf der steinigen, Magen knurrenden Suche nach den wahren Köstlichkeiten. Eine Liste an verlockend klingenden Rezepten habe ich schon erstellt. Aber das zaubert mir ja auch nicht mal eben in Sekundenschnelle fünf fantastische Brotaufstriche in den Kühlschrank.
Da steht in Wahrheit noch der letzte Rest normaler Frischkäse – den mein kleiner Sohn jetzt aufessen darf (die Komplett-Umstellung für ihn wird noch mal ein anderes Thema und ebenfalls ziemlich spannend, fürchte ich) neben dem letzen Päckchen Butter und zwei geschlossenen Packungen Schnittkäse. Doch was nützt mir jetzt noch, nach dem Erwachen aus meinem Verdrängungsschlaf, das mikrobielle Lab und das sechseckige Biosiegel? Ich kann die Produkte einfach nicht mehr anrühren, mein Kind dagegen darf in seiner Unschuld und Unwissenheit noch aufessen, was wir vor einigen Tagen noch so entspannt in den Einkaufswagen legten.

Aber ich merke, ich schweife ab, die Essensumstellung beschäftigt mich verständlicherweise zur Zeit auch einfach sehr. Ich wollte ja noch berichten, wie mein Tag des Aussortierens und Ballast Abwerfens endete. Nach einer weiteren kleinen Eskapade …

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…ich wurde beschenkt! das zählt nicht! und ich hab mich sehr gefreut!…

…erreichte ich endlich wieder meine vier Wände und machte mich schließlich doch noch daran, bis zehn zu zählen. Also ich suchte 10 Dinge aus meiner Wohnung aus, die ich definitiv seit mindestens 2 Jahren, teilweise noch länger oder sogar niemals, benutzt hatte bzw. in Zukunft ziemlich sicher nicht mehr benutzen würde und legte sie in die „Zu Verschenken“ Kiste. Puuh. DAS war definitiv das Beste an meinem Tag.

Keine Sorge, ich werde sicher nicht jeden Tag posten, was ich nun im Einzelnen aussortiert habe. Aber da ich heute noch eine kleine Aufmunterung brauche, hier wenigstens im Schnelldurchlauf der Inhalt der ersten Kiste:

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Ein Taschenspiegel, eine Bauchtasche aus Stoff, eine Kunstleder-Handtasche, ein Lederportmonaie, eine kleine blaue Schultertasche, zwei Aerobic-DvDs, eine unangebrochene, noch haltbare Packung Kräutertee, Baby-Steckbecher in Originalverpackung und eine Form für Fisch-Eiswürfel. Ich habe vor, immer ein paar Tage zu sammeln, bevor ich sie an den geplanten Stellen abgeben werde. Ein bisschen Ressourcen (in diesem Falle meine Zeit) muss ich schließlich auch schonen, sonst ist die Aktion ja quasi für die Katz, oder?

So. Nun schließe ich mit meinem letzten peinlichen Geständnis des heutigen Tages und dann ist auch mal gut: Beschwingt vom unkomplizierten Erwerb eines mit Margarine gebackenen Splitterbrötchens in oben besagtem Café, lief ich einem höchst engagierten Ehrenamtler von Amnesty International in die Arme. Unglücklicherweise war ich zu sehr im „Wir-retten-alle-gemeinsam-die Welt-und-ich-will-meinen-Besitz-teilen-und-mich-mit-anderen-Weltverbesserern-vereinen-Modus“ und SCHWUPPPS füllten wir auch schon das Spendenformular aus. So weit so gut. Das lief dann ungefähr so ab:

Ich bin völlig d´accord damit, den Menschenrechtlern ein paar Euro zukommen zu lassen. Doch halt – was heißt denn monatliche Abbuchung? Gibt es da nichts Einmaliges? Einen Zwanni und gut is´? Aha, Dauermitgliedschaft. Kann man jederzeit kündigen. Hmhmmmm. Also ich dachte da so an maximal 10 Euro im Monat. Vorerst. Verdiene ja selbst seit gut zwei Jahren nix. Öhm. Na gut, jetzt hat er sich schon die Mühe gemacht. Der arme Kerl, so jung und so motiviert. Ist ok, schreib 10 Euro monatlich [GEDANKENKLAMMER AUF dann kündige ich eben in 2 Monaten wieder GEDANKENKLAMMER ZU]. Ob der Betrag jährlich abgebucht werden kann? Ach so, weniger Verwaltungsaufwand, verstehe. Hmhmmmmmmmmmmmmmmmmm. Na gut. Bums. Kritzel. 120 Euro gespendet. Sch****e.

Oh je. Den Rest des Tages überlegte ich hin und her, ob ich unserer kleinen Auswandererfamilie diese ungeplante Ausgabe zumuten kann – und ich muss leider beichten, dass ich die Spende storniert habe. 120 Euro sind gerade einfach zu viel Geld, um sie mal eben wegzuspenden. Ich weiß, steinigt mich, na los. Aber irgendwie muss ich gerade doch auch ein bisschen an unsere Zukunft denken und entsprechende Prioritäten setzen. Und Menschenrechte hin oder her – klar, super Sache – auf jeden Fall – weiß ich – wie GREENPEACE – und BUND – und NABU – und PETA – und KINDER IN NOT – und – und – und. Ich kann sie nicht alle retten. Das geht leider nicht. Ich fühle mich natürlich schlecht deswegen. Nur den Anpruch, alle Probleme dieser Welt gleichzeitig lösen zu können, den kann ich mir nicht leisten. Sonst macht es irgendwann leise Knack – in dem Moment, wo mein Rückrat bricht aufgrund der unerträglichen Last- dann kann ich nichts von alledem weiter tun und verfolgen und teilen, das spüre ich genau. Ich hoffe, Ihr versteht das ein wenig.

Seufz.

Morgen ist ein neuer Tag.

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