Speziesismus und andere Greueltaten

Ich will kein Nazi mehr sein. Mit diesem Satz könnte man das Aufgewühltsein, den Schmerz, die Scham in meinem Inneren gerade am besten zusammen fassen. Ich hatte eigentlich vor, mir keine Videos über die Folgen des Tierkonsums anzusehen. Aber irgendwie bin ich dann doch über earthlings gestolpert.

Hat jemand von Euch diesen Film gesehen? bzw. wirklich komplett durchgeschaut? Mir war schon nach wenigen Minuten ziemlich übel, dann kam der Kloß im Hals, die Tränen. Nach 25 Minuten musste ich abschalten.

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Seit 2009 habe ich mich endgültig und gefühlt zu 99% konsequent für einen vegetarischen Lebensstil entschieden. Häufig kaufte ich Bioprodukte, aber sicher nicht immer. Ich fand meine persönliche, moralisch vertretbare Komfortzone: Ich aß keine Tiere. Ergo war ich nicht für unnötiges Leid oder sogar Tod verantwortlich. Haustiere habe ich auch keine. Ich war fein raus. Ich sah mich als Tierfreundin und meine Ernährung als ethisch vertretbar. Also habe ich das Thema abgehakt und meine Augen zu gemacht. Viele Jahre lang.

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Mit wachsender Lebenserfahrung sollte beim Menschen natürlicherweise das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, spiritueller Entwicklung und Sinnfindung einsetzen – vorausgesetzt, die hierarchisch davor stehenden Bedürfnisse (wie z.B. Überlebenssicherung, Schutz, Stabilität, Zugehörigkeit, Liebe, Anerkennung) wurden auch in ausreichendem Maße befriedigt. Nun, ich scheine das Glück zu haben, diese Bedürfnisse aufgrund meiner Herkunft, meiner Familie und meiner daraus resultierenden Lebensentscheidungen zu einem großen Teil erfüllt zu wissen, so dass ich nun endlich doch nach Höherem strebe als mich mit oberflächlichem Mitleid und hohlen Lippenbekenntnissen zufrieden zu geben. Nein, statt dessen suche ich nun nach einem wahrhaftig empathischen Umgang mit allen Lebewesen um mich herum. Nach einem Lebenswandel voll Bewusstheit, Achtsamkeit und der Übernahme meiner Verantwortung, die sich aus meinen Privilegien heraus ergibt.

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Ich habe den Absprung geschafft. Seit einer Woche lebe ich endlich wirklich vegan. Und wie viele Menschen, die glauben, für sich etwas Wichtiges entdeckt oder etwas Wahres, Gutes, Schönes erkannt zu haben, spüre ich den Drang, diese Erkenntnis zu teilen. Zu vervielfältigen, was sich für mich persönlich richtig anfühlt. Eigentlich möchte ich gerne sofort alle Leute um mich herum missionieren, ebenfalls die Augen zu öffnen und Verantwortung für das Leid der vielen Erdlinge zu übernehmen. Welches am Ende unser eigenes Leid ist, denn schließlich teilen wir Menschen diesen einen Planeten mit all den anderen Lebenwesen hier und die Massentierindustrie trägt in jeder Minute zu unserem Untergang bei.

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Aber ich weiß, wie ich selbst auf Missionierungsversuche -zu welchem Thema auch immer- reagiere: mit Abweisung und einem hohen Maß an Skepsis. Also besinne ich mich statt dessen lieber auf mein eigenes Leben und den Beitrag, den ich selbst durch mein Handeln und Sein leisten kann.

Das Buch „Wie ich verlernte, Tiere zu essen“ hat mir den letzten Schubs gegeben, den ich brauchte, um mich vielen unangenehmen und unbequemen Fakten zu stellen.
Im Kapitel „Wer wir sind“ zeichnet der Autor das Bild eines pubertierenden Kindes (die Menschheit), welches gegen seine Eltern / seine Herkunft (die Natur) rebelliert und in seinem Auflehnen erst einmal ein hohes Maß an Selbstzerstörung an den Tag legt. Die Hoffnung bleibt, dass dieses rebellische, egoistische Kind sich doch noch rechtzeitig besinnt und diesem Stadium entwächst, bevor es zu spät ist. In unserem Falle also bevor unsere Umwelt komplett und irreversibel zerstört ist, so dass unsere Nachkommen und sämtliche Mit-Erdlinge keine Lebensgrundlage mehr haben werden.

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Ich hoffe sehr, dass die Menschheit wirklich zur Besinnung kommt. So wie ich in jungen, unbewussten Jahren über schlimme Scherze schmunzelte oder diese sogar verbreitete, zum Beispiel als geborene Jüdin rassistisches, nationalistisches Gedankengut tolerierte (Judenwitze). Als Frau sexistische und frauenfeindliche Worte hinnahm (Blondinenwitze). Als empathisches Wesen Witze über Tier- oder Kinderleid mitanhörte. Als Mensch mit dem Wunsch nach einem liebevollen Umgang mit der Natur Milchprodukte und Eier konsumierte und vieles andere Schreckliche mehr. Für all das schäme ich mich heute. Ungeschehen kann ich nichts davon machen. Aber ich kann es in Zukunft besser machen, weil ich es jetzt einfach besser weiß.
Ich möchte kein Tier-Nazi mehr sein, indem ich meine Interessen über die Bedürfnisse der Angehörigen einer anderen Spezies stelle und diesen Wesen mithilfe von Gewalt und Zwang Leid zufüge(n lasse), um mein Genussmittel zu konsumieren.

Denn nichts anderes ist der Verzehr von tierischen Produkten aus meiner heutigen Sicht: ein unnötiger, aber gesellschaftlich anerkannter Missbrauch an Millionen und Abermillionen fühlender Wesen.

Links:
Vegan gesund
Gute Argumente, Fleisch zu essen

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