Eingewöhnung mit Fünf

Wir stecken gerade mitten in der Eingewöhnung in G’s neuem Kindergarten. Was diesmal anders läuft als vor drei Jahren und wie die erste Woche war, werdet ihr heute erfahren!

Ich weiß noch, wie unsicher ich damals, 2015, gewesen bin: Ob eine Fremdbetreuung überhaupt in Ordnung ist für meinen kleinen Schatz (damals 23 Monate)? Wie er sich ohne Worte verständlich machen soll? Wann die Bindung zu den Erzieherinnen tragfähig genug für ihn ist?

Er war noch so klein und brauchte mich wirklich sehr stark als seinen sicheren Hafen. Die Eingewöhnung für meinen Zweijährigen dauerte ca. 6 Wochen an. Nach zwei Wochen konnte ich langsam das Zimmer verlassen, nach drei Wochen ging ich aus dem Kinderladen richtig raus. Nach sechs Wochen blieb er ca. 2 Stunden alleine dort und noch etwas später dann irgendwann vier.

Es war zum damaligen Zeitpunkt die richtige Methode, der richtige Weg für uns beide. In seinem zarten Alter brauchte er die Zeit, um eine verlässliche Bindung zu den neuen Bezugspersonen aufzubauen. Erst als ich sah, dass dies geschafft war, konnte ich auch wirklich mit gutem Gewissen loslassen.

Inzwischen ist mein Kind um so vieles größer und reifer geworden. Er hat einen ganz anderen Erfahrungsschatz gewonnen, eine sichere Bindung zu uns und zu sich selbst und ein gutes Urvertrauen festigen können, eigene Ressourcen für die Selbstregulation entwickelt. Er sucht bei jeder Gelegenheit aktiv Kontakt zu Gleichaltrigen und ist in allen Lebensbereichen einfach schon viel eigenständiger geworden. So hat die Eingewöhnung diesmal dann auch einen völlig anderen Kurs eingeschlagen.

An zwei Tagen wurde G von uns elterlich im Wald begleitet. Einmal am Tag des ersten Kennenlernens und dann am allerersten Tag der Eingewöhnung. An beiden Tagen war das Bild, das sich uns bot, identisch:

G begann sofort mit den anderen Kindern zu spielen, sprach mit den Erzieherinnen, fragte diese um Hilfe. Seine Eltern waren komplett abgemeldet, er brauchte uns überhaupt nicht und zwar von der ersten bis zur letzten Minute. Als der Waldtag vorbei war, wollte er am liebsten noch länger bleiben und war hinterher froh zu hören, dass er bald wieder hin darf.

Aus diesem Grund stimmte ich dem Vorschlag der Erzieherinnen zu, am nächsten (zweiten offiziellen Eingewöhnungs-)Tag noch bis zum Wald mitzulaufen und dann dort die erste Verabschiedung zu versuchen. Ein wenig mulmig war mir selber zwar schon zumute bei dieser frühen Trennung, aber ich wollte einerseits den Erzieherinnen einen Vertrauensvorschuss erteilen, was ihre fachliche Kompetenz angeht und zweitens mein Kind nicht behindern, wenn es auf einem guten Weg war, sich von uns zu lösen. Ein Versuch würde hoffentlich nicht schaden und danach waren wir sicher klüger.

Vor ein paar Monaten hätte ich wahrscheinlich noch ganz anders entschieden, aber gerade in den letzten Wochen war G ganz regelmäßig ohne uns mit seinem neuen Kumpel im Kiez herum gezogen und erst 1-2 Stunden später wieder aufgetaucht. Und sein Verhalten im Wald sprach ja auch für seine wachsende Selbständigkeit.

Also besprach ich den geplanten Ablauf mit ihm und ich merkte, dass er da doch ein wenig Muffensausen kriegte. Nichtsdestotrotz gingen wir am nächsten Morgen zur Kita und da ich erst noch die halbe Stunde im Garten dabei war und dann mit zum Wald hochlief, zog sich der drohende Abschied recht lange hin. G versuchte auf dem Weg das Unausweichliche hinauszuzögern, blieb immer wieder stehen, und am Waldrand angekommen, fing er dann an zu weinen. Doch die Erzieherin kümmerte sich sofort um ihn und begleitete seinen Abschiedsschmerz sehr liebevoll, so dass ich mich von dort auf den Heimweg begab.

Die Abmachung war, sollte G sich nicht innerhalb von fünf Minuten trösten lassen, würden sie mich anrufen. Wir wohnen nur ein paar Minuten vom Waldplatz entfernt, also mutete ich meinem Kind diesen Abschiedsschmerz zu und war trotzdem ganz schön nervös auf dem Weg. Kaum war ich Zuhause angekommen, klingelte mein Handy. Ich befürchtete das Schlimmste. Aber weit gefehlt!

Die Erzieherin rief nur an, um mir mitzuteilen, dass G sich ganz schnell wieder beruhigt hatte und jetzt schon zwei Kinder zum Fröschefangen animiert hätte. Er sei super drin im Spiel und ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen. Sie würden sich melden, falls es sich irgendwie verändert. Ansonsten, wenn es ihm gut geht, soll ich ihn wie geplant um 12 Uhr abholen kommen.

Gesagt, getan. Das Telefon blieb ruhig. Ich konnte es kaum glauben. Sollte es so einfach sein? Vielleicht war er tatsächlich schon so weit?

Beim Abholen kam mir ein strahlendes Kind entgegen, das mir in die Arme fiel und mir sofort seine gesammelten Moosschätze zeigte. Von seinem Tag im Wald erzählte. Die Erzieherinnen gaben mir noch kurz Feedback, dass es keinen Augenblick lang Probleme gegeben hätte. G wäre super kontaktfreudig, hatte mit den Kindern gespielt, an Morgenkreis, Frühstück und Abschiedsrunde aktiv teilgenommen und keine Spur von Traurigkeit gezeigt.

Ich war echt baff. Erstaunt, erleichtert, stolz. Wir machten uns dann auf den Heimweg. Am Nachmittag war auch noch alles in Ordnung. Die Laune war gut, es wurde gespielt, gebastelt, getobt, vorgelesen.

Aber abends im Bett kamen die Gefühle dann doch bei ihm hoch. Langsam dämmerte es ihm, dass ich jetzt wohl gar nicht mehr in den Wald mitgehen würde und er weinte darüber heftig beim Einschlafen. Mein Mutterherz wurde kräftig gebeutelt.

War das eine normale, gesunde Reaktion auf die große Umstellung? Durfte ich es ihm zumuten, so früh alleine in die weite Welt zu gehen? Oder ging doch alles viel zu schnell für ihn?  Brauchte er nur ein paar Tage mehr Begleitung, um sich mit einer solideren Basis abnabeln zu können?

Ich wusste es leider nicht. Vieles sprach dafür, ihm die Bewältigung dieser Herausforderung mithilfe der neuen Bezugspersonen zuzugestehen. Wie soll mein Kind denn wachsen und selbstsicherer werden, wenn ich ihm alle Unannehmlichkeiten und Hindernisse immer wieder glätte und ihm jeden Stein aus dem Weg räume?  Oder wie meine liebe Freundin sagte, wenn ich ihn zu sehr „in Watte packe“? Ein leises Stimmchen in mir tat sich an diesem Abend dennoch schwer mit dem Loslassen und Vertrauenhaben.

Helikopter-Mom oder lieblose Rabenmutter?

Womit tat ich ihm nun den größten Gefallen? Ihm zutrauen, die Umstellung auch ohne mich zu bewältigen? An der Krise innerlich zu wachsen? Oder seine Startschwierigkeiten als so schwerwiegend behandeln, dass wir die Fahrtrichtung ändern oder zumindest einen Gang zurück schalten sollten? Ich entschied mich dafür, die Erzieherinnen ins Boot zu holen, mich ihnen mit meinen Bedenken anzuvertrauen und ihre professionelle Einschätzung zu hören, um gemeinsam die beste Lösung zu finden.

Meinem Sohn, der am nächsten Morgen erstmals Widerstände gegen den Gang zum Kindergarten zeigte, sagte ich, dass ich sehe, wie schwer ihm das Tschüß-Sagen noch fällt und dass ich das mit den Erzieherinnen besprechen werde. Um zu schauen, wie wir ihm am besten helfen können, sich daran zu gewöhnen. Er ließ sich dann auch recht unkompliziert fertig machen und stieg auf sein Fahrrad.

Wir waren sehr früh dran, im Garten war noch nicht viel los und ich konnte ganz in Ruhe mit der Erzieherin über meine Sorgen und Befürchtungen sprechen. (Währenddessen war G schon direkt mit zwei Jungs an der Rutsche in Aktion getreten). Sie zeigte Verständnis für meine Muttergefühle und nahm mich ernst, sagte aber auch, aus ihrer Sicht (Team) wäre G absolut so weit, allein im Wald zu bleiben.

Die Tränen beim Abschied seien normal in diesem Prozess, denn Abschiednehmen ist nun mal nicht so einfach – ganz besonders nach dem Jahr Auszeit – und muss geübt werden. Es wäre andersherum ja eher komisch, wenn es einem Kind überhaupt nichts ausmachen würde, sich von seinen Eltern zu trennen. Aber der Trennungsschmerz allein wäre für sie kein Kriterium, die Methode zu ändern. Alle anderen Anzeichen wie seine Selbständigkeit im Wald, sein positives Sozialverhalten usw. würden sie darin bestärken, weiter zu machen wie bisher.

Auch dass er sich gut von ihnen trösten ließe und danach super entspannt und zufrieden wirkte, sei ein gutes Zeichen. Ich würde ihm als Mutter aus ihrer Sicht am besten helfen, wenn ich den Abschied so kurz und klar wie möglich gestalten und ihm mit meiner Haltung Zuversicht vermitteln würde. Sie schlug jedoch vor, den Waldtag in der ersten Woche vorsichtshalber doch erst mal noch abzukürzen, damit er nicht so lange darauf warten muss, bis ich wieder komme. Ich sollte ihn einfach nach dem Morgenkreis und Frühstück um 10:30 Uhr abholen. Und je nachdem, wie die Woche sich so entwickelt, würden sie danach mit mir gemeinsam entscheiden, wie wir in der zweiten Woche weiter machen sollten.

Nach dem Gespräch ging es mir deutlich besser. Ich fühlte mich wirklich gut aufgehoben und verstanden und hatte eine Portion mehr Vertrauen aufgebaut. Also ließ ich G wieder in den Händen seiner neuen Erzieherinnen und ging -trotz Tränchen- nach Hause.

Die Woche lief dann im Prinzip immer nach dem gleichen Schema ab: Früh am Morgen wollte G zwar nicht gerne zum Kindergarten hingehen, aber er kooperierte trotzdem gut und wir kamen dort auch immer zeitig an. Beim rasch gesetzten Abschied weinte er jedes Mal, doch ich bekam noch zwei Mal den Beruhigungsanruf, dass dies wirklich nur ganz kurz angehalten und er sofort danach von sich aus ins Spiel mit den Kindern gefunden hätte.

Beim Abholen war er immer total fröhlich, wollte an einem Tag sogar sein Spiel kaum beenden und sagte auf dem Heimweg so Dinge wie „Bis zum Frühstück kann ich wohl bleiben.“ oder an einem anderen Tag „Heute hat es schon gut geklappt.“ Nachmittags war er ausgeglichen, kreativ, gut gelaunt und erzählte von den tollen Sachen, die er erlebt hatte. Zum Beispiel, dass er nun in ein Eichhörnchen verzaubert wurde oder dass er Kalenderkind war. Abends ging er auch ohne Probleme ins Bett und schlief gut ein.

Mein Vertrauen wuchs von Tag zu Tag stetig, dass wir auf dem richtigen Weg sind, das richtige Maß für die Eingewöhnung für G gefunden haben. Es schien ihm wirklich gut zu gefallen, erste Freundschaften bahnten sich langsam an. Eine Anekdote, die mir die Erzieherin am Mittwoch erzählte, machte mir besonders Mut:

G hatte wohl aus heiterem Himmel plötzlich gefragt, ob A. (die Erzieherin) mich jetzt anrufen würde, damit ich ihn abhole. A. antwortete, dass sie mich dann anruft, wenn sie merkt, dass es ihm nicht gut gehe. Aber jetzt würde er ja gerade so schön spielen. Damit war für G das Thema erledigt und er vertiefte sich wieder in seine Beschäftigung. Er wollte sich offensichtlich nur vergewissern, ob das stimmt, was ich ihm erklärt hatte und er sicher sein kann, dass ich wirklich gerufen werde, wenn er mich braucht.

Fand ich total kompetent von ihm, muss ich sagen.

Am Donnerstag fand außerdem auch gleich der erste Elternabend statt und wir sprachen unter anderem über die Wichtigkeit von Ritualen und Regelmäßigkeiten, und dass diese einen großen Stellenwert im Tageslauf des Waldkindergartens haben. Damit liefen sie bei mir natürlich offene Türen ein. Ich bin richtig glücklich, dass der Kindergartentag so klar strukturiert ist und jeder Übergang mit Ritualen bedacht. Und unter diesem Aspekt werden wir die nächste Woche wohl genau so weiter machen wie bisher, vielleicht probieren wir es sogar schon bis 12 Uhr, denn ich glaube, G wird die Spielzeit mit den anderen Kindern genießen und leichter in die Gruppe finden, wenn er ganz da bleibt.

Ich denke, jetzt braucht es einfach nur noch ein wenig Zeit und Geduld, dann wird G sich an die neue Situation gewöhnt haben. Ich traue ihm zu, seinen Weg zu finden – gut begleitet von den fürsorglichen Erzieherinnen – und so an dieser „wohl dosierten Krise“ zu wachsen und seine sozialen Kompetenzen zu entfalten. Die Lektüre von Brigitte Hannigs Krisen und Wachstum hat mir auch noch mal Mut gemacht. Auch wenn es darin mehr noch um innerfamiliäre Konflikte geht, habe ich doch manche Inspiration mitgenommen.

Und wie ist das bei euch?  Erinnert ihr euch noch gut an die Eingewöhnung eures Kindes oder steckt vielleicht selbst gerade mittendrin? Ich freue mich auf eure geteilten Erfahrungen!

 

 

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