Herz gegen Kopf: mein persönliches Eingewöhnungsdilemma

Der Grund, warum ich hier schon seit einiger Zeit nicht zum Schreiben gekommen bin, ist einfach zu benennen: Die Eingewöhnung in den Kinderladen hat mehr Kraft und Energie gekostet, als ich es vorher vermutet hätte. Aber glücklicherweise setzt jetzt langsam etwas Entspannung ein und ich nutze die ersten freien Minuten für ein Update meines Blogs.

 

Schon vor der Geburt wusste ich ganz genau, dass ich unser Kind nicht vor dem 2. Geburtstag in eine Fremdbetreuung geben wollen würde. Auch das erschien mir noch recht früh, aber ich hielt es für realistisch, dass zu diesem Zeitpunkt eine stundenweise Betreuung in einem Kinderladen ganz gut klappen könnte.

Meine erweiterte Kern-Familie, das heißt meine Eltern, haben bereits nach etwa 8 Wochen begonnen, den Kleinen stundenweise zu betreuen. Damals konnte ich mir die Rückbildungsgymnastik oder später meine Yogastunde gönnen, ohne das Kind dabei zu haben. Über die Zeit hat G sich daran gewöhnt, dass er regelmäßig bei Oma und Opa ist, so genießen die drei exklusive Großeltern-Enkel-Zeit und ich kann Dinge erledigen, die ich sonst nicht schaffen würde. Anders hätte ich das halbe Jahr nach seinem ersten Geburtstag auch gar nicht den Job beim Hebammenverband leisten können. Jetzt geh ich ab und zu auf eine Fortbildung oder erledige in den kinderfreien Stunden entspannt den Haushalt. Sogar beim Frisör wurde ich zwei oder dreimal gesichtet in den vergangenen 2 Jahren.

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Jedenfalls hatte das Babysitten durch meine Eltern so fantastisch geklappt, dass ich der Eingewöhnung in den Kinderladen mit leicht nervöser Vorfreude entgegen sah. Doch die gemischten Gefühle, die so ein Abnabelungsprozess mit sich bringt, hielten mich in den kommenden Wochen ganz schön in Atem. Noch nicht ganz zwei kam mir mein Junge plötzlich doch noch so verdammt klein vor! Andererseits merkte ich ja tagtäglich, wie viel er schon versteht und dass er sich inzwischen auch sehr gut bemerkbar machen kann, wenn er etwas braucht. Zwar benutzt er noch nicht viele Worte, aber mit seiner selbst entwickelten Gebärden- und Körpersprache und seinem gesamten Ausdruck ist er durchaus in der Lage, seine Wünsche kund zu tun.

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Die allerersten Tage im Kinderladen waren für mich sehr angespannt. Ich hätte, ehrlich gesagt, ständig in Tränen ausbrechen können. Und das aus den kleinsten Anlässen heraus. Ich musste emotional auch erstmal verstehen, was da gerade für ein enormer Loslösungsprozess für uns beide begonnen hatte. D, eine der Erzieherinnen erklärte mir, dass unsere imaginäre Nabelschnur noch seeeehr stark halten würde. Und dass es für sie dementsprechend schwierig wäre, in eine nähere Beziehung mit G zu treten. Im ersten Moment fühlte sich diese Aussage gar nicht positiv an – es gab also etwas, dass die Eingewöhnung erschwerte. Doch genauer betrachtet meinte dies nur, dass wir halt eine starke Mutter-Kind-Bindung haben (was gibt es besseres für eine Hebammenmama zu hören?) und diese sicherlich Zeit braucht, um sich nach und nach zu lockern und Platz für anderes zu machen.

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Und so versuchte ich tapfer, gelassen und die „langweiligste Mama der Welt“ zu sein, indem ich auf seine Kontaktaufnahme und seinen Wunsch mit mir zu spielen so minimal empathisch reagierte, wie ich nur konnte. Denn dies war die einzige Möglichkeit, sein Interesse an den neuen Bezugspersonen und den Kindern im Kinderladen zu wecken.

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Nach etwa zwei Wochen konnte ich damit anfangen, mehr Zeit in der Küche zu verbringen und dort zu putzen oder zu stricken. G traute sich immer längere Phasen ohne mich in den Spielbereich. Ein erster Trennungsversuch zu Beginn der dritten Woche (ich sollte den Müll raus bringen und fünf Minuten draußen bleiben) verlief noch erfolglos (G ließ sich nicht beruhigen), aber bereits eineinhalb Wochen später – G fühlte sich inzwischen merklich wohler im Kinderladen und hatte auch mit beiden Erzieherinnen schon gut Bezug aufgebaut – konnte ich täglich etwas länger hinaus gehen. Wir begannen mit einem Zeitfenster von 15 Minuten, dann 30 Minuten und schließlich eine ganze Stunde. Die Trauer und der Abschiedsschmerz waren absolut im Rahmen und auch für mich einigermaßen gut auszuhalten.

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Dann sind wir allerdings für eine Woche an die Ostsee in Urlaub gefahren und haben uns damit die Eingewöhnung deutlich unnötig erschwert. Denn als wir zurück kamen und am zweiten Tag direkt mit einer ganzen Stunde Abwesenheit anfingen, wurde diese Aktion mit einer großen Welle des Protests und Kummers quittiert. Also verkürzten wir nach einem weiteren tränenreichen Versuch die Zeit wieder auf 30 Minuten und siehe da: Nun, inmitten der zweiten Woche nach der Urlaubsunterbrechung, haben wir den Traurigkeitszenit scheinbar überschritten. G klammert sich nicht mehr an mich und ist auch nicht mehr so verzweifelt wie letzte Woche. Statt dessen geht er ohne Widerstand auf den Arm der Erzieherin und winkt traurig der Ma-Ma, während diese hinaus huscht und hofft, dass heute wieder ein „guter“ Tag mit einem weiteren Sternchen im Eingewöhnungstagebuch werden wird.

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Jetzt gerade sitze ich zum ersten Mal wirklich zu hause am Computer, anstatt hektisch, auf die Uhr schauend, ein paar Einkäufe zu erledigen. Denn heute bin ich zum ersten Mal vor dem Frühstück gegangen und werde erst nach zweieinhalb Stunden zurück kehren.

Alles in allem bin ich D,P und C (den Erzieherinnen) schon jetzt sehr dankbar für ihre unaufgeregte, warmherzige Führung. Denn als Mama allein könnte ich diese ganzen Schritte nicht so gehen, da brauche ich auch ein bißchen Eingewöhnung und die habe ich zum Glück genau so bekommen, wie mein Kindelein auch.

Und wie ist das bei euch? Habt ihr das schonmal durch gemacht oder steht euch die Eingewöhnung noch bevor? Wie schätzt ihr euer Kind ein? So wie G eher langsam und zögerlich in neuen Situationen oder habt ihr kleine Draufgänger_*innen daheim, die es kaum erwarten können, mit anderen Kindern zu spielen?

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