Fremdbetreuung unter drei? Und wenn ja, wie?

Ich muss vorweg schicken, dass ich hier meine absolut persönliche Meinung zum Thema Fremdbetreuung nieder schreibe und diese auf meinen individuellen Erfahrungen, erworbenen Werten und Lebensumständen beruht. Jede Familie muss selbstverständlich ihren einzigartigen Weg finden, um die Frage nach Kinderbetreuung für sich passend zu beantworten.

Durch meinen Beruf der Hebamme habe ich mich verhältnismäßig viel mit Fragen der frühkindlichen Entwicklung, der Eltern-Kind-Bindung, der Entwicklung des Urvertrauens auseinander gesetzt. Aus dem, was ich bisher erlernen und erleben durfte, hat sich für mich heraus kristallisiert, dass die ersten drei Lebensjahre des Kindes tief prägend für die seelische Gesundheit des Menschen sind und der größten Sorgfalt im Umgang mit dem Kinde bedürfen. Alles, was einem Kind in diesen ersten frühen Jahren widerfährt, formt sein Verständnis für seinen Platz in der Welt, beeinflusst lebenslang das eigene Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sowie die Bindungs- und Beziehungsfähigkeit zu anderen.

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Aus diesem Grund wollte ich vermeiden, mein Kind zu früh in eine Kindergartengruppe zu geben. Zu früh heißt in diesem Kontext: für mein Kind zu früh und/oder für mich selbst zu früh. Denn beides hätte unweigerlich zu Spannung und Stress geführt, den ich gern von uns fernhalten wollte.
Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich das Privileg habe, in einer Partnerschaft zu leben, die es mir erlaubt, finanzielle Belange bei der Entscheidungsfindung außen vor zu lassen. Soll heißen: vom Gehalt meines Mannes können wir Miete, Essen und die ganzen fixen Kosten decken. Zwar können wir keine großen Sprünge machen und zur Seite wird momentan auch nichts gelegt, aber ein paar Euro mehr auf das Altersvorsorge-Konto zu legen ist es mir nicht wert, dafür die kostbaren Monate und Jahre mit dem Nachwuchs zu stören. Andere nehmen einen Kredit für eine Einbauküche oder ein neues Auto auf. Wir versuchen das Geld, das wir haben, beisammen zu halten, um unserem Kind den Start zu ermöglichen, den wir für das Beste halten. Wenn man so will, ist das unsere Art Luxus, den wir uns leisten.

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Hätten wir für die Zukunft Pläne hier in Deutschland, hätte ich vielleicht auch drei Jahre als Vollzeit-Mutter verbracht. Vielleicht auch nicht. Irgendwie hatte und habe ich schon länger das Gefühl, das G in einem Alter von 2 Jahren durchaus eine stundenweise Fremdbetreuung verkraften und durchaus davon profitieren wird.
Aber da wir für Ende 2016 die Umsiedlung unserer kleinen Familie in ein englischsprachiges Land planen – wo ich einerseits recht bald arbeiten und Geld verdienen muss, um unseren Lebenstraum zu verwirklichen und wo G andererseits die bestmögliche Chance erhalten soll, die neue Sprache zügig zu erlernen – haben wir uns für eine Eingewöhnung in einen deutschen Kinderladen entschieden. So werden die zeitweise Trennung von uns und die Abläufe in einer Kindergruppe schon hier vertraut, wo wir keinen Druck haben, bestimmte Betreuungszeiten einzuhalten und wo es keine Sprachbarrieren gibt, die es G erschweren würden, sich zurecht zu finden.

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Seit 01.07. sind wir also dabei. Da war G fast 23 Monate, also so gut wie zwei Jahre alt. Der Kinderladen, den wir uns ausgesucht haben, erfüllte alle Kriterien, die uns für unser Kind wichtig sind:

1. Vor allem anderen muss das Menschliche einfach stimmen, ich wünsche mir als Betreuer_*innen für mein Kind sympathische, herzliche Personen: Bereits im Vorfeld konnte ich mich davon überzeugen, dass alle drei Erzieherinnen in dem gewünschten Kinderladen dieses Kriterium erfüllen. Ihr Umgang mit den Kindern hat mich von Anfang an überzeugt.

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2. Eine große Kita mit mehreren Dutzend Kindern und entsprechend vielen Erzieher_*innen kam für mich nicht in Frage. Da meine Mutter jahrzehntelang als Leitung in solchen Einrichtungen gearbeitet hat, hatte ich eine ziemlich gute Vorstellung davon, was für ein Gewusel ein großes Haus bedeutet. Personalmangel, Unterbesetzung, Zeitdruck, das wollte ich G und mir gleichermaßen ersparen. Ich suchte also von Anfang an nach einer kleinen Einrichtung mit familiärer Atmosphäre: Es handelt sich hier um eine altersgemischte Gruppe von 1,5 bis 6 Jahren. Die Elternschaft ist als Verein organisiert und sorgt selbst für Putzdienste und nötige Einkäufe.

3. Daraus ergibt sich gleich der nächste wichtige Faktor: ein guter Stellenschlüssel. Je kleiner die Kinder, desto pflegeintensiver sind sie unweigerlich. In unserem KiLa sind immer zwei Vollzeitkräfte anwesend. Die Kindergruppe besteht aus maximal 16 Kindern, wobei die älteren deutlich weniger betreuungsintensiv sind als die Jüngeren. Eine Honorarkraft springt bei Urlaub und Krankheit ein und ist bei Bedarf als dritte Fachkraft anwesend. Zusätzlich ist oft ein_*e Praktikant_*in vor Ort.

4. Offenheit und Interesse am gegenseitigen Kennenlernen: Seit wir uns angemeldet hatten, wurden wir zu den Festen und zu regelmäßigem Frühstücken eingeladen und konnten so schon über Monate ersten Kontakt aufnehmen. Dadurch konnte ich sicher sein, dass die Chemie stimmt und G konnte sich schleichend über Monate hinweg ein wenig an die Räume und Menschen gewöhnen.

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5. Pädagogisch entspannt: Es gibt kein fest geschriebenes pädagogisches Konzept. Das Team sucht sich von allem das aus, was für sie passt. Das Spielzeug ist viel an Waldorfmaterialien orientiert, aber nicht nur. Eine Erzieherin macht gerade eine Montessori-Weiterbildung. Die Räume sind hell und liebevoll eingerichtet. Das Tobezimmer ist ebenso einladend wie Bastel-, Spiel- oder Snoozlezimmer. Es wird viel raus gegangen, je nach Alter entsprechend gemalt und gebastelt, im Winter werden drei Monate spielzeugfreie Zeit gelebt. Also alles in allem eine bunte Mischung mit viel Herz, die auch noch Freiraum für die individuellen Interessen der Kinder lässt.

6. Glück hatten wir mit dem Essen, im Kinderladen gibt es nur Bioware: Das Frühstück ist normale Vollkost, zu Mittag kommt ein vegetarisches Bio-Catering zum Einsatz. Also bis auf einen kleinen Wurstteller am Morgen muss G keine Einschränkungen hinnehmen. Das finde ich für ihn sehr schön.

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7. Und zum Schluß noch ein wichtiger Aspekt: Es gibt für jedes Kind eine individuelle Eingewöhnung. Diese ist komplett am Verhalten und Entwicklungsstand des Kindes orientiert. Für uns heißt dies, dass wir wirklich gaaaanz langsam und vorsichtig eingewöhnen, die Abwesenheitszeiten von mir Sück für Stück steigern und ich den Knirps momentan (Woche 7) nach zweieinhalb Stunden wieder abhole, da es ihm dann einfach reicht und er müde und erschöpft von all den Eindrücken ist. Dann braucht er einfach Mama und die kommt gerne und schippert ihn im Kinderwagen in einen tiefen Mittagsschlaf…

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