Unverpacktladen – wieviel Nachhaltigkeit kann ich mir leisten?

Wie so viele von uns bin ich selbst auch in einer Welt des Konsums aufgewachsen und sozialisiert worden. Mit dem Einkaufen (egal, ob jetzt Essen, Kleidung oder andere Dinge) verknüpfte ich so viele Jahre vor allem Freude, Genuss und Selbstbelohnung. Nach und nach wandelte sich aber meine Einstellung in Bezug auf das Konsumieren allgemein und zuletzt empfand ich nahezu jede Form des Einkaufens – seien es normale Alltagsgegenstände wie Zahnpasta und Klebeband oder speziellere Anschaffungen wie neue Kleidung oder auch Spielzeug für unseren Jungen – stets als anstrengenden, moralischen Spagat.

Jedes (neu) erworbene Produkt aus der typischen Produktionskette, vielleicht sogar importiert aus fernen Ländern, schlimmstenfalls noch mit tierischen Inhaltsstoffen oder einfach nur in herzzereißender Plastikflut eingepackt, drückte mir auf mein Gewissen. Wie Rage von mamadenkt es mal so schön bezeichnet hat: Ich war (und bin) ein kleines, bitteres Konsumnörgele geworden.

Mein Equipment für das erste unverpackte Einkaufen.

Während unserer großen Reise lief es in Bezug auf unnötige Anschaffungen schon ganz gut. Im Prinzip war das gesamte Jahr im Wohnmobil eine einzige, große Konsumauszeit. Der mangelnde Stauraum, das begrenzte Budget und unser angenehm überschaubarer Lebensrhythmus verhinderten sehr effektiv unnötige Käufe. Und vermisst habe ich wirklich fast nichts dabei.

Auf dem Lebensmittelmarkt waren wir hingegen mit sehr unterschiedlichen Settings und entsprechend variablen Angeboten konfrontiert. Und auch unsere jeweilige Wohnsituation gab mal mehr, mal weniger eingeschränkte Möglichkeiten der Essenszubereitung her. Somit lebten wir die meiste Zeit über leider recht weit entfernt von unserem Ideal im Bereich Müllvermeidung.

In Spanien konnten wir eine ganze Weile lang die frischen, regionalen Nahrungsmittel in Hülle und Fülle genießen, vieles plastikfrei einkaufen und ich hatte großen Spaß am Kochen für die wechselhaft große Gemeinschaft. Auch bei dem kleinen Hofprojekt, das wir diesen Sommer in Deutschland besuchten, war ich durch die gut ausgestattete Küche, die gemeinsame Ökonomie und das Engagement beim Retten von Lebensmitteln sehr in meiner Mitte.

Aber es gab natürlich auch ganz andere Phasen. Zeiten, in denen wir mehr Sachen mit Plastikverpackung als ohne „nach Hause“ brachten. Weil das Angebot nichts anderes her gab oder wir ohne Convenience Food nur extrem minimalistische Kochmöglichkeiten hatten.

Doch unsere Reisezeit ist ja nun endgültig vorbei und wir bauen uns jetzt back in the system ein neues Leben auf. (Was zur Zeit noch nicht wirklich dem entspricht, was ich mir so an nachhaltigem Handeln für uns wünsche –  aber sobald wir unsere ganzen Sachen aus dem Lager wieder haben, wird das bestimmt auch noch mal einen Zacken leichter. (Vor allem in der Küche und bei Kosmetika /Reinigungsmitteln.)

Der Faktor, bei dem wir den allergrößten Anteil von Verpackungsmüll produzieren, ist und bleibt bislang das Essen. Doch genau das möchte ich in den nächsten Wochen und Monaten so gut wie möglich in den Griff kriegen. Und das beginnt logischerweise beim Einkauf.

Mein Herz hüpfte demnach auch recht kräftig, als ich damit begann, die Einkaufsmöglichkeiten in unserer neuen Wohnumgebung auszuloten. Denn sie versprechen tatsächlich eine gewisse Erleichterung für mein belastetes Umweltgewissen:

1. Es gibt einen Wochenmarkt direkt vor unserer Haustür! Das ist ja schon mal richtig Gold wert, oder? Am kommenden Samstag ist wieder Markttag und dann werde ich diesen zum ersten Male zu Gesicht bekommen und das regionale Angebot genau unter die Lupe nehmen können.

2. Auch an (Bio-/Demeter-)Hofläden mangelt es absolut nicht in unserem Umkreis. Zwei davon sollte ich im Alltag gut mit dem Fahrrad erreichen können. Ins Auto gestiegen gibt es noch zwei weitere Betriebe. Und wir haben auch schon unsere Fühlerchen zur nahe gelegenen SoLaWi ausgestreckt. Mal sehen, was sich dort noch so ergeben wird.

3. Das i-Tüpfelchen meiner Recherche war dann die Entdeckung eines richtigen Unverpacktladens in nur 15 km Entfernung! Das ist aus meiner Sicht so was wie das Non-Plus-Ultra im Lebensmitteleinkauf-Universum, da es dort natürlich nicht nur Obst und Gemüse unverpackt gibt, sondern auch all die feinen Dinge, die ich sonst nur in Plastik verschweißt bekommen würde. Getreide, Nudeln, Nüsse, Kaffee, Müsli, Hülsenfrüchte, (vegane) Süßigkeiten und dergleichen mehr.

Wenn ich am heutigen Tag eine Entscheidung darüber treffen müsste, womit ich ab morgen mein Geld verdienen soll, würde mir wohl am ehesten die Arbeit in einem Unverpacktladen in den Sinn kommen. Denn das Konzept, große Mengen Lebensmittel in möglichst nachhaltigen Verpackungen (Papier, Mehrzweckbehälter) von regionalen Produzenten zu beziehen und unter den Endkonsumenten zu verteilen – das ist für mein Verständnis ein ganz wichtiger Schritt, um das Problem Verpackungsmüll in unserer heutigen Gesellschaft effektiv zu verkleinern. Dort würde ich meine Energie gerne hinein stecken. Da meine Lebenssituation aber momentan (noch) keine Zeit für eine Erwerbstätigkeit hergibt, muss ich mich vorerst damit begnügen, überhaupt erst einmal in einem solchen Laden einzukaufen.

Das Wiegen der Gefäße, danach kann es losgehen!

Und heute war dann auch endlich die Premiere angesagt. Wir hatten mehrere Dinge in dem Städtchen, wo der Laden ist, zu erledigen und nutzten die Gelegenheit dann auch gleich aus. Meine Erwartungen wurden definitiv nicht enttäuscht, denn es machte mir endlich wieder einmal richtig Freude, das Einkaufen. Ganz ohne schlechtes Gewissen und moralische Selbstzerfleischung. Das Sortiment beinhaltete eine Menge Dinge, die wir für eine ausgewogene Ernährung brauchen. Auch Kosmetika und Haushaltsartikel fanden wir im Regal. Die Betreiber_innen haben neben der Regionalität einen Schwerpunkt auf Bio-Produkte gelegt, was ich grundsätzlich natürlich supergut finde. Aber diese hohe Qualität hat eben auch ihren Preis.

So kamen wir mit einem einzigen Baumwollbeutel an Einkäufen aus dem Geschäft und hatten dafür 75,77 Euro dagelassen. Das lag sicherlich vor allem daran, dass ich für G´s Geburtstag Luxusgüter wie Nüsse und Mandeln eingekauft hatte. Die machten nämlich den Löwenanteil an der Rechnung aus. Aber auch die übrigen Lebensmittel sind logischerweise deutlich teurer als ihre weniger nachhaltig und deutlich unbiologischer produzierten Supermarktgeschwister. Erstens liegt das sicherlich an der Qualität der Waren und zweitens muss der Laden selbst dann ja auch noch Gewinn abwerfen, damit das Konzept überleben kann.

Die Frage, mit der ich aus dem Geschäft und mit der Quittung in der Hand (Ja, ich ließ sie mir ausdrucken, um einen ersten Eindruck von den Preisen zu gewinnen.) heraus kam, war, wieviel Nachhaltigkeit können wir uns persönlich – und kann sich der Otto-Normal-Verbraucher (m/w/*) – wohl auf Dauer leisten? Welchen Effekt erzielt ein nachhaltiger Trend wie das unverpackte Einkaufen, wenn er sehr vielen Menschen von vornherein aus Kostengründen versperrt bleibt?

Mithelfen muss sein!

Natürlich ist es ganz wichtig, seine eigenen Prioritäten regelmäßig zu überprüfen. Wer nachhaltig konsumiert, kauft in der Regel weniger und wenn bewusster z.B. in Form von Second-Hand, was wiederum Geld sparen kann. Und die Entscheidung für Bio, für Fair-trade und damit dafür, überdurchschnittlich viel Geld (= den realen Preis?) für das eigene Essen und für Luxusgüter aus fernen Ländern auszugeben, ist halt eine ideologische. Wer hohe Werte und Ansprüche an seinen persönlichen Fußabdruck hat, muss wohl gewisse Opfer bringen, um diesen dann gerecht zu werden. Und sei es in Form von Verzicht bzw. Einschränkung in Bezug auf bestimmte Luxusgüter. Ein Lebenswandel, der letztlich näher an die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen heran kommt, als das ständige Überkonsumieren.

Für 75,77 Euro kauften wir 190g Haferflocken, 188g Kaffeebohnen, 32g Schokolade, 850g Haselnüsse, 816g Mandeln, 734g Cashwes, 302g Vollkornnudeln, einen Glasstrohhalm, einen Edelstahlstrohhalm und eine Strohhalmbürste.

Doch ich wünschte eigentlich, dass die Möglichkeit, regional, biologisch und unverpackt einzukaufen, von staatlicher Seite viel mehr Subvention erfahren würde, damit dies für die breite Masse attraktiver wird und der Einstieg niedrigschwelliger.

Und wie steht es bei euch? Wollt ihr auch am liebsten gleich loslegen und sucht noch den nächsten Unverpacktladen in eurer Umgebung? Dann schaut doch mal bei Shia auf die Liste oder besucht Alternulltiv aus Hamburg. Vielleicht könnt ihr morgen schon wieder etwas kräftiger an eurer eigenen Müllbilanz schrauben. Ich selbst werde weiter dran bleiben, soviel ist mal sicher!

 

8 Kommentare bei „Unverpacktladen – wieviel Nachhaltigkeit kann ich mir leisten?“

  1. Traurig, dass Nachhaltigkeit eine Frage der sozialen Schicht wird!
    Ich finde das Konzept von Unverpackt-Läden super und es steht nicht außer Frage, dass es legitim sein sollte, dass Essen wieder mehr wert bekommt. Aber so viel Geld muss man erstmal haben. 75 Euro sind mehr, als wir pro Woche für unser Essen ausgeben; Um sich als Familie von einem solchen Laden zu ernähren müsste man so tief in die Tasche greifen, dass man einen gut bezahlten Job braucht. Und oft sind es besonders die Leute, die das System anprangern, und eben keinen gut bezahlten Job im System haben, die aber gerne in solchen Läden einkaufen würden… Ein weiterer Trugschluss des Systems „Geld“ und „Konsum“.

    1. Ja genau, die (System-) Aussteiger_*innen unter uns sind es oft, die solche Läden nutzen würden. Da braucht es bei uns auf Dauer auch eine andere Lösung, selbst mit festem Gehalt können wir uns diese Preise nicht auf Dauer leisten. LG

  2. Also wir haben seit kurzem in unserer Mini-Stadt auch einen unverpackt Laden. Und ich bin echt begeistert von dem!
    Über die Preise bei dir bin ich wirklich geschockt! Denn bei uns ist er kaum teurer, als der herkömmliche Supermarkt, in einigen Dingen sogar günstiger. Ich hab letztens 200g Mehl, 8 Waschmaschinentabs und 90g Bananenchips gekauft und 2,37€ bezahlt 😀 meine Schwester hat einiges gekauft, Kakao, Müsli, Haferflocken, Spülmaschinentabs und das ganze für 8€ 😂😂 also da kann man echt nicht meckern.
    War sicher nicht mein letzter Besuch dort. Selbst mein Mann war begeistert und der hat mit solchen Dingen sonst gar nix am Hut 🙂
    Liebe Grüße,
    EsistJuli

  3. Oh, toll zu hören, dass es auch anders geht! Vielleicht liegt es an der Region, in die wir gezogen sind. Hier wohnt viel Upper Class (also zum Glück nicht in unsrem Dörfchen, aber in der Stadt, wo der Laden ist) und es gibt reichlich Tourismus rund herum. Na mal schauen, könnte echt sein, dass ich irgendwann das Geschäft für die breitere Masse eröffne 😀

  4. Ich bin auch von den Preisen ziemlich geschockt. Mich würden die einzelnen Posten interessieren, zum Beispiel den für die Haferflocken. Die kann man bei uns zum Beispiel direkt vom produzierenden Demeterhof in einer Papierverpackung kaufen. Finde ich trotz zerowaste Gedanken auch sehr in Ordnung. Ich selbst esse schon mindestens 500g die Woche, sodass ich die Preiskalkulation interessant fände.
    In Lübeck, in dessen Nähe wir leben, gibt es auch einen Unverpacktladen. Ich frage mich allerdings immer, wie verpackt die Besitzer die Ware erhalten. Bisher habe ich noch nicht nachgefragt, sollte mich unbedingt mal trauen. Wenn die dann nämlich auch nur aus riesigen Plastiksäcken kommen, ist es für mich attraktiver in großen Chargen diese Mengen zu kaufen und dann zu teilen oder wenn möglich länger zu lagern. Hat jemand von den Lesern hierzu Informationen?
    Auf jeden Fall ein spannendes Thema, bei dem ich bisher für mich nur beim Obst- und Gemüsekauf am Marktstand in unserem Dorf zwei Mal wöchentlich mit mitgebrachten Stofftäschchen wirklich zufrieden mit meiner eigenen Bilanz bin.

    1. Hi Jana, ich habe jetzt mal nachträglich den kopierten Einkaufsbon in den Beitrag eingefügt. Hoffentlich kann man es erkennen. Die Nüsse waren echt der Klopper, die anderen Waren fand ich einigermaßen ok vom Preis.
      Bei Shia von wastelandrebel findest du schöne Portraits von anderen Unverpacktläden. Hier bei uns kommen ungefähr 80% der Waren in Papier-Großpackungen.
      VLG Jitka

  5. Hallo Jitka. Kennst du den Demeterhof Schwab? Die verschicken selbst produzierte Lebensmittel in Papierverpackungen und wie ich finde mit gutem Preisleistungsverhältnis.
    Viele Grüße Anne

    1. Liebe Anne, danke für den Tipp! Da schau ich doch direkt mal rein.
      VLG Jitka

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