Von Versagensangst, Vermeidungsstrategien und Schuldgefühlen

Ach ja, eigentlich könnte gerade alles wirklich wunderbar sein. Eigentlich. Da sind wir nun nach so langer Zeit der gefühlten Entbehrungen und der (verzweifelten) Suche nach einer passenden Heimat endlich in unserer neuen Wohnung angekommen. Die Räumlichkeiten, das Wohnumfeld und die Infrastruktur wirken insgesamt echt vielversprechend auf uns. Ein paar nette erste Kontakte haben wir auch schon geknüpft. Und genau in diesem Moment des hoffnungsvollen Neuanfangs spüre ich die Schatten meiner Vergangenheit drückender denn je auf mir lasten.

Was ich damit meine?  Es sind die Beziehungsgefüge zu – leider einer ganzen Reihe – Personen aus meinem früheren Leben, die sich teilweise schon länger, teilweise erst seit kurzem auf die eine oder andere Weise extrem schräg anfühlen. Unbequem für die Seele.

Entweder liegt es daran, dass ich mich in der Beziehung nicht authentisch zeigen konnte mit meinen Gedanken, Gefühlen, Grenzen, Fehlern und Schwächen. Manchmal weil diese mir selbst lange nicht klar waren, manchmal aus Harmoniesucht heraus. Oder weil ich den Kontakt an irgendeinem Punkt auf mehr oder minder verquere Art abgebrochen habe. Und das im Nachhinein mit schwer zu ertragenden Gefühlen von Versagen, Scham und einem schlechten Gewissen behaftet blieb. Oder eine Kombination aus allem zusammen.

Da es diese Menschen ja aber nun mal weiterhin gibt, sie auch alle desöfteren in meinen Gedanken herumgeistern und mit ihnen all diese unglücklich verlaufenen Beziehungsgeschehen – genau darum zweifle ich momentan ganz furchtbar an mir selbst.

Bei jeder neuen Hand, die ich schüttle, jedem neuen Gesicht, das ich anlächle, frage ich mich, ob ich in den vergangenen Jahren wohl etwas (= genug) dazu gelernt habe? In Sachen Konfliktfähigkeit, meine ich. Im Bereich eigene Grenzen spüren und gewaltfrei kommunizieren. Im Umgang mit meinen persönlichen Versagensängsten, meinen Vermeidungsstrategien, meinen Selbstschutz-Schemata.

Die Antwort ist gerade, ich bin mir nicht so sicher. Ja ok, ich stelle mich gefühlt schon mehr Situationen, die nicht direkte Sonntagsspaziergänge für mich sind. Ich habe immer wieder gezielt proaktiv gehandelt, um zu verhindern, dass sich durch Abwarten und Verdrängen ein unüberwindbarer Widerstand in mir aufbaut, der mich letztlich absolut handlungsunfähig macht.

Meine Schatten sind aber natürlich trotzdem noch da. Die Widerstände und innerlichen Hürden wurden mit der Zeit nie kleiner, im Gegenteil.

Ich finde die Courage einfach nicht, mich diesen Menschen echt zu zeigen. So, wie ich bin. Fehlbar. Schwach. Hinter undurchdringlich erscheinenden Schutzmauern abgeschnitten. Bei mancher lieben Person schmerzt es mich extrem, dass ich nicht mehr zu ihr finde.  So nah, wie es einmal war, wird es nie mehr wieder sein. Bei anderen kann ich diese Sehnsucht nach erneutem Kontakt recht gut verdrängen oder vielleicht war die Verbindung mit ihnen auch nie so tief, ist die Lücke nicht so spürbar.

Mein Verhältnis zu den Menschen, die meine Schatten sind, reicht übrigens von meiner direkten Kernfamilie, über nahestehende Bekannte, eine Exkollegin sowie einst wirklich enge Freundschaften, bis hin zum verflossenen Lebensabschnittsgefährten.

So viele Erinnerungen an gute, alte Zeiten suchen mich immer wieder heim. Und im Gepäck dazu ständig diese Fragen: Gibt es hier etwas für mich zu tun? Sollte ich handeln? In Kontakt treten? Was verdränge ich mit so viel Energie, was eigentlich Aufmerksamkeit für eine gründliche Aufarbeitung und dadurch Heilung benötigt?

Was ist das genau in mir, dass ich mit so vielen verschiedenen Personen auf so unterschiedliche Weise die Verbindung verloren habe, die es (scheinbar) einmal gegeben hat? Oder konnte diese Verbindung niemals echt gewesen sein, weil ich doch zu feige war, um echte Begegnung zuzulassen?

Wenn ich darüber nachgrüble, glaube ich zu erkennen, dass die Gründe sehr vielfältig sind. Bei jedem einzelnen meiner Schatten spielten am Ende andere Umstände, Charakterzüge und Hindernisse eine Rolle. Dennoch wird viel von dem, was schief lief, an mir selbst gelegen haben. Nicht zuletzt an meiner Hilflosigkeit bei nahe stehenden Personen, konstruktiv und mutig mit aufkeimenden (teils inneren, nicht mal kommunizierten) Konflikten umzugehen.

Was bleibt, ist die Hoffnung, es jetzt und in Zukunft besser zu machen. Mutiger zu sein. Mich ehrlicher zu zeigen. Von Anfang an. Mir bereits ab dem ersten Handschlag mit jedem noch unbekannten Fremden zu versprechen, dass ich keine neuen Schatten haben will. Die alten reichen mir. Wie ich mit ihnen einen guten Weg finden kann, ist noch unklar, aber vielleicht schaffe ich es ja tatsächlich, nicht noch mehr Schieflagen in mein Leben Einzug halten zu lassen.

Ich übe mich darin, Konflikten begegnen zu lernen und meine eigene Imperfektion liebevoll anzunehmen.

Ob das reicht, um wieder mehr Licht in meinem Leben sehen zu können?

3 Kommentare bei „Von Versagensangst, Vermeidungsstrategien und Schuldgefühlen“

  1. Du liebe ! Gräme dich nicht und sei gnädig mit dir ! Wir sind zum ersten Mal in dieser Form in diesem Leben ! Vieles gelingt uns nicht gleich so, wie wir es für gut befinden. Aber du hast jeden Tag die Möglichkeit, dich neu zu probieren. Und manchmal ist es gut, sich Hilfe zu suchen. Um Altes aufzuarbeiten und Begleitung und Unterstützung zu haben auf deinem Lebensweg…
    In diesem Sinne wünsche ich Dir einen guten Tag ! Auf ein Neues ! Sei gut zu Dir !
    Liebgruß, Yvonne 🌻

    1. Danke, Yvonne,
      deine aufbauenden Worte haben mir gut getan :o)

  2. Ach Liebes,
    das kenne ich auch. Zwar nicht so stark, aber auch ich habe Schatten, die manchmal auftauchen.
    Ich habe mal ein Buch von Lori Nelson Spielman „Nur einen Horizont entfernt“ darüber gelesen, das mich sehr berührt hat. Dort bekommt die Protagonistin zwei Versöhnungssteine von einer ehemaligen Mitschülerin geschickt, mit der Bitte ihr zu verzeihen. Und stößt damit einen Prozess an, in dem auch die Protagonistin sich mit ihren Schatten auseinandersetzt und sich bei Menschen entschuldigt, bzw. nochmal Kontakt aufnimmt. Ein sehr herzliches Buch, das mich an meine Schatten denken hat lassen. Aber eher in einem warmen Licht, nicht in einem kalten.
    Vielleicht ist es ja auch was für dich.
    Ich drück dich!

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