Die Einweichlüge (Fortsetzung)

Im Garten sind uns in der letzten Woche so einige Tierchen über den Weg gelaufen und geschlängelt. Eine Blindschleiche und mehrere Geckos waren wohl die aufregendsten Eingeborenen. Und so wie die Fauna mir so manche bekannte und unbekannte Arten präsentierte, begegneten mir ebensolche (neue und vertrautere) Vertreter_*innen meiner eigenen Spezies am vergangenen Wochenende.

Wie ich an anderer Stelle schon mal geschrieben habe, handelt es sich in diesem Haus um eine Gemeinschaft der Gäste. Denn nur eine Person wohnt dauerhaft hier, während alle anderen Durchreisende mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Zielen sind. Demnach ist die Konstellation der Gruppe sehr variabel,  was einerseits Langeweile und Alltagstrott recht effektiv verhindert und anderseits sehr anstrengend werden kann, da man sich immer wieder neu positionieren und seinen Platz im Gesamtgefüge finden muss.

Die Tage von Donnerstag bis Montag kamen mir im Vergleich zu den letzten Wochen dann auch echt extrem trubelig vor. Wir waren insgesamt 11 Erwachsene und ein Kind unter einem Dach. So viel Leben war hier lange nicht mehr und dementsprechend empfand ich es zunächst auch als sehr erfrischend.

Aber mit fortschreitendem Wochenende mischten sich unter meine ersten unvoreingenommenen, von Neugier geprägten Eindrücke auch etwas disharmonischere Empfindungen.

Ich bin von meinem Wesen her ein Mensch, der es sich mit seinen Mitmenschen grundsätzlich schön machen möchte. Ich mag es gerne, meinen Beitrag dazu zu leisten, einen angenehmen Alltag miteinander zu gestalten. Dazu gehört,  dass ich es sehe, wenn etwas getan werden muss / sollte und das dann auch tue.

Zum Beispiel rechtzeitig mit dem Essenkochen anfangen, den Mülleimer ausleeren, Klopapier nachfüllen etc. pp.

Ich mag es nicht, wenn solche Aufgaben bis zum Gehtnichtmehr prokrastiniert werden, ich empfinde den Ort und die Abläufe dann nicht mehr als angenehm.

Es nervt mich einfach, wenn ich vor dem Kochen erst noch 30 Minuten die Küche aufräumen muss oder wenn ich den Tisch nicht für alle zu Ende decken kann, weil dieser trotz offensichtlicher Essensvorbereitungen stoisch bis zur letzten Sekunde weiter als persönlicher Arbeitsplatz benutzt wird.

Es gibt immer einige Leute,  die so wie ich eine gewisse Motivation für ein gutes Miteinander mitbringen und die anfallenden Gemeinschaftsaufgaben einfach erledigen. Für sich selbst und für die Harmonie in der Gruppe.

Und gleichzeitig wird es immer auch die Art von Menschen geben, die über den Gaststatus nicht so richtig hinaus gehen. Die den gebotenen Rahmen nicht selbst mit stützen, sondern in erster Linie ihren eigenen Interessen folgen und das Gemeinschaftsding drum herum als angenehmene Begleiterscheinung mitnehmen wollen.

Ich habe an diesen letzten Tagen für mich einmal mehr festgestellt, dass es mich sehr anstrengt, mit Menschen meinen Lebensalltag zu teilen, die zur zweiten Kategorie gehören. Da ihr Fehlen an Engagement für die Gruppe mich innerlich auf Distanz zu ihnen gehen lässt, schürt meine innere Abwehr wiederum die zwischenmenschliche Kluft und das ist für mich wirklich kein angenehmes Miteinander.

Die Anregungen, die ich zu Anfang meiner Zeit hier über ungeliebte Arbeiten und Pflichten im gemeinsamen Alltag festgehalten habe, kamen mir wieder in den Sinn. Es kommt mir retrospektiv etwas naiv vor zu glauben,  dass auf Dauer von ganz alleine ein gefühltes Gleichgewicht der erledigten Pflichten entstehen kann, wenn jeder nur das „schenkt“, was er gerade geben will.

Meine Erfahrung an diesem Ort ist es da jedenfalls eher, dass letztendlich doch immer dieselben Leute die (lästigen) Arbeiten erledigen und dass es ohne jegliche Absprachen und Regeln kein zufrieden stellendes Zusammenleben geben kann.

Dafür sind an diesem Ort die Level an Engagement für die Gruppe und die Standards für Ordnung und Sauberkeit einfach zu verschieden. Und ohne irgendwelche Strichlisten führen zu wollen, wer jetzt wie oft was gemacht hat oder sich gegenüber anderen wie verhält, spüre ich regelmäßig ein eindeutiges Ungleichgewicht in Bezug auf den Beitrag, den der/die einzelne entsprechend seiner/ihrer Ressourcen einbringt bzw. die Grundeinstellung zum Thema. Und das drückt das Gemeinschaftserlebnis irgendwie runter, finde ich.

Welche Möglichkeiten habe ich aber jetzt, um diese Situation zum Guten zu verändern?

1. Das Gespräch suchen / um Mitarbeit bitten

Ich habe in der etwas ferneren und auch näheren Vergangenheit versucht, Personen gezielt anzusprechen, mir bei konkreten Aufgaben Unterstützung zu leisten.

Dies war für mich bislang nicht wirklich zufrieden stellend. Erstens fühlte es sich oft so an, als wenn ich jemandem persönlich auf den Schlips trete, wenn ich ihm oder ihr eine Arbeit antrage. Jedenfalls wenn es jemand war,  bei dem ich oben beschriebenen Gemeinschaftssinn vermisste und dies als trennende Kluft sozusagen schon zwischen uns stand. Auch fand ich es schwierig es dann so zu formulieren, dass der Spirit der individuellen Freiheit und der Schenk-Ökonomie erhalten bleibt. Oder würdest du mit gutem Gefühl „Nein“ sagen, wenn dich jemand persönlich bittet, den Tisch zu decken und du eigentlich keinen Bock darauf hast?

Und zweitens fühlte sich der Beitrag meines Gegenübers dann auch nie so richtig von Herzen kommend an, sondern halt wirklich, als wenn er oder sie nun eine ungewollte Pflicht zu erfüllen hätte (die ich, Jitka, ihm persönlich aufgehalst habe).

Wie der Unterschied, ob ein Kleinkind dressiert „Bitte“, „Danke“ und „Entschuldigung“ sagt oder es aus sich selbst heraus tut.

2. Mich unabhängig von den anderen Personen machen

Also ging ich meist recht schnell zu meiner Standardreaktion über, und zwar: es mit mir selbst auszumachen. Ich konzentrierte mich auf meine Arbeit und das, was ich unbedingt erledigt haben wollte. Dies brachte mich selbst vorläufig wieder in meine Balance mit mir selber und trennte mich gleichzeitig noch mehr von den entsprechenden Gruppenmitgliedern.

Diese Distanzierung wirkte allerdings auf mich wiederum demotivierend -so schnell war es also wieder vorbei mit meiner Balance und Tatkraft – und das beschriebene Nach-mir-die-Sintflut-Gefühl gepaart mit dem unerfüllten Wunsch nach Gemeinschaftserlebnis zogen mich ganz schön runter.

3. Fokus auf die anderen „Engagierten“

Meine beste Strategie bisher war es dann tatsächlich, meine Energien bei mir und meiner eigenen definierten Kerngruppe zu behalten. Das heißt, ich konzentriere mich auf die Menschen in meinem Umfeld,  die sich mit einem ähnlichen Level an Motivation und Energie einbringen und betrachte diese als meine Gemeinschaft, für die und mit der ich gerne arbeiten möchte.

Der Rest der Leute läuft dann irgendwie so mit und ich halte ihr Anderssein besser aus, weil ich das, was ich tue, nicht explizit für sie tue, sondern in erster Linie für meine Kerngruppe und mich.

Damit fahre ich vorläufig in diesem Setting hier tatsächlich am allerbesten.

Allerdings empfinde ich mit diesem Umgang die Problematik noch nicht als nachhaltig gelöst.

Wenn ich wüsste,  dass es sich um eine konstantere Gruppe handelt, mit der ich vorhabe die nächsten Jahre gemeinsam zusammen zu wohnen und zu arbeiten, würde ich vermutlich versuchen, die anderen Mitglieder dazu zu bewegen, wirklich als Gruppe über diese Art Konfliktpunkte zu reden und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die sich für alle gut anfühlen.

Nach meinen bisherigen Erfahrungen würde ich selbst jedenfalls irgendeine Art Regelwerk bevorzugen, welches von vornherein eine bestimmte Grundverteilung der Lasten erzielen und persönliche Konflikte minimieren sollte. Ich habe mal von einem spielerischen Ansatz gehört,  dem Community-Mandala der Gemeinschaft Valle de sensaciones und fand es sehr interessant.

Nur verspüre ich momentan (noch) keinen Impuls diese Thematik an diesem Ort mit den hier vorherrschenden Bedingungen ernsthaft zu vertiefen.

Es ist vielmehr wichtig für mich selber,  darüber nachzudenken, was ich aus meinen Erfahrungen hier lernen und wie ich später in einer festeren Konstellation mit diesem Aspekt des Gemeinschaftslebens umgehen möchte.

Und was habt ihr in Bezug auf das Verteilen von täglichen Aufgaben so erlebt? Sei es in einer Gemeinschaft oder auch im Kontext eurer Familie?

Schreibe einen Kommentar

*