Die Einweichlüge

Kennt Ihr dieses Bild einer typischen Studenten-WG-Küche? Ich meine vor allem den unübersehbaren Stapel an ungewaschenem Geschirr, am besten eine ganze Handvoll Töpfe und Pfannen, in denen eine unappetitliche, braune Suppe vor sich hin steht und stinkt. Prokrastination vom Feinsten. Nach dem Motto: „Ich wasch es später ab, das muss erst noch ´ne Weile einweichen.“

Die Frage, der wir in einem unserer Gespräche hier auf den Grund zu gehen versuchten, war: Wer macht´s denn eigentlich, wenn´s keiner gerne machen mag.

Die Sache ist nämlich die: Wie praktikabel ist die Idee, in einer Gemeinschaft zu leben, die im Gegensatz zur großen Gesellschaft ohne Zwang auskommt und in der jeder einzelne das tun kann, was er gern tun möchte.
Wenn ich in einem Verbund mit Menschen lebe, deren Konsens ist, dass die persönliche Freiheit oberste Priorität hat und niemand dazu genötigt werden darf, eine Aufgabe zu übernehmen, die er nicht übernehmen kann oder will – was geschieht dann mit den dreckigen Töpfen, dem Kompostklo-Eimer oder der Kiste mit leeren Pfandflaschen? Wer fühlt sich verantwortlich, wie ist so ein Alltag überhaupt möglich?

Die Antwort hat viele Gesichter und Facetten. Fakt ist, dass es hier in der Casa anscheinend recht reibungsarm funktioniert und deshalb habe ich hier einmal meine Eindrücke, die dieser Thematik etwas auf den Grund gehen, zusammengefasst:

Symptom und Ursache

Wenn man sich vorstellt, dass die eingeweichten Pfannen nur ein Symptom darstellen, aber nicht die Ursache des Problems sind, wird eines recht schnell klarer: Menschen, die ein zufriedenes Leben führen können und dies aus eigenem Wunsch und Antrieb heraus gemeinsam mit anderen Menschen tun, werden höchstwahrscheinlich nicht so leicht vor das Problem gestellt, dass sich über Tage (oder sogar Wochen?) niemand finden würde, der eine ungeliebte Tätigkeit erledigen kann.

Der Töpfeberg ist ein Spiegel des Zustandes der Individuen und der Gemeinschaft, die für den Abwasch gemeinsam verantwortlich sind. Sind ein oder mehrere Mitglieder mit sich oder ihren Lebensumständen unzufrieden oder gibt es (unausgesprochene) Konflikte und Spannungen innerhalb der Gruppe, kann leicht ein „Nach-mir-die-Sintflut-Gefühl“ oder der Rückzug aus der Gemeinschaft entstehen. Als Folge bleiben schnell Dinge liegen, wenn sich niemand im speziellen dafür verantwortlich fühlt und die Notwendigkeit von Listen und Plänen entsteht. Diese sind aber dann nur eine Bekämpfung des Symptoms. Mit Druck wird die Erfüllung der Gemeinschaftspflichten eingefordert. Nur: wer überwacht die Umsetzung? Welche Arten von Sanktionen gibt es bei Nichteinhaltung und wer übernimmt den Strafvollzug? All diese Fragen führen von der Ursache weg – nämlich dem Mangel auf der Beziehungsebene der Mitbewohner und der individuellen Zufriedenheit jedes einzelnen.

Die durchschnittliche Wohlfühlzone

Dann gibt es auch noch den Fall, dass ein oder mehere Personen einen völlig anderen Anspruch an Ordnung und Sauberkeit an den Tag legen als der Rest der Gruppe. So reicht es möglicherweise 8 von 10 Leuten, wenn das gemeinsame Badezimmer alle 10-14 Tage geputzt wird, während es immer den einen oder anderen geben wird (mich selbst eingeschlossen), welcher sich nur wohl fühlt, wenn die Reinigungsintervalle eher bei 1-2 mal pro Woche liegen.

Doch was tun? Ist es gerechtfertigt, dass sich die gesamte Gruppe an dem Maßstab des „Pingeligsten“ orientieren und dementsprechend deutlich häufiger die eher ungeliebte Tätigkeit des Toiletteschrubbens übernehmen muss? Hat derjenige ein Recht darauf, dies von den anderen Gruppenmitgliedern einzufordern? Oder ist es nicht vielleicht eher so, dass derjenige, der einen vom Durchschnitt abweichenden Reinlichkeitsanspruch hegt, diese Arbeit dann auch so oft, wie er es für sein Wohlbefinden braucht, selbst übernimmt. Allerdings im Idealfall so, dass er seine Arbeit als Geschenk an sich selbst und an die Gruppe versteht, ohne in Groll und Verbitterung darüber zu geraten, dass er jetzt gefühlt immer putzen „muss“, wenn er das Bad so sauber haben will, wie er sein eigenes Bad gern hätte, wenn er dieses nicht teilen würde.

Rücksichtnahme auf einzelne Präferenzen

Damit kommen wir also noch zum dritten wesentlichen Gedanken: eine Gemeinschaft, deren Mitglieder nun in einer guten Beziehung zueinander stehen und in der jeder einzelne eine gewisse Grundzufriedenheit erleben darf, wird sehr wahrscheinlich großes Interesse daran haben, dass die Gemeinschaft bestehen bleibt und sich alle dort auch weiterhin wohl fühlen können.

Das bedeutet, wenn klar ist, dass eine Person in einem bestimmten Bereich eine gewisse persönliche Vorliebe hat, wie etwa ein haarfreies Waschbecken oder eine aufgeräumte Arbeitsfläche in der Küche – dann besteht eine große Chance, dass dies von den anderen Leuten bemerkt und gesehen wird und die gegenseitige Rücksichtnahme ins Spiel kommt. In einer Gemeinschaft mit anderen Menschen zu leben, erfordert einfach ein Grundmaß an Engagement und Hilfsbereitschaft jedes einzelnen. Und wer sich mag und gut versteht, packt eben gerne und aus freien Stücken auch mal bei einer Tätigkeit an, die ihm selbst vielleicht gerade nicht so wichtig ist oder die grundsätzlich eh keiner „gerne“ macht (Beispiel Kompostklo leeren), schlicht und ergreifend deswegen, weil dadurch der Zusammenhalt der Gruppe gestäkt wird und alle sich am Ende des Tages miteinander und mit dem (geteilten) Lebensraum wohlfühlen sollen.

Mein „deutsches“ Denken von Regeln, Plänen und Listen bekommt gerade hier im Kontext eines sehr freiheitlichen Gemeinschaftslebens in Spanien eine kräftige Erschütterung verpasst. Erst durch die Auseinandersetzung mit der realen Ausgestaltung des Begriffs „Schenkökonomie“ merke ich, wie gut mir diese Vorstellung tatsächlich gefällt, die vorher nur eine verlockend klingende Worthülse war. Sie bekommt nun ein Gesicht und Kontur und ich kann meinen Verstand und mein Gefühl langsam darum herum winden und erfahren, was es wirklich heißt, wenn ich das Recht dazu habe „Nichts“ zu tun und alles andere sich ganz von selbst findet.

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