Ankunft in Spanien: eine Gemeinschaft der Gäste

Die Reise nach Spanien war ja wirklich spannend in vielerlei Hinsicht. Zuerst war ich einfach nur happy,  dass wir überhaupt endlich wieder auf dem Weg sind. Dann kamen ​die Sorgen um unser Wohnmobil erneut auf und brachten mich etwas aus der Bahn. Und die Umstellung für unseren Buben fiel mir auch nicht ganz so leicht zu begleiten, muss ich gestehen.

Tatsächlich gingen G’s Emotionen ganz schön ordentlich auf und ab. Ich konnte ihn gut verstehen. Nach knapp zwei Monaten im Hause der Großeltern hatte er sich zunehmend an diesen Ort und die dortigen Annehmlichkeiten gewöhnt. Der Abschied,  das Loslassen,  das für uns Große ein selbstbestimmter Akt war, begleitet von viel Vorfreude und Reiselust, bedeuteten für ihn einen erneuten unkontrollierbaren Verlust an Sicherheit.

Hinzu kam,  dass wir es für richtig hielten,  erst mal ein paar Tage den Zuckerkonsum auf ein Minimum runter zu schrauben,  da dieser in den letzten Tagen vor der Abreise doch nochmal ziemliche Ausmaße angenommen hatte und wir uns wieder auf einen für uns vertretbaren Level einpendeln wollten. Das gefiel G natürlich auch nicht und er brauchte einfach ein wenig Zeit, um zu verstehen,  dass jetzt in Sachen Ernährung wieder unser altbewährter Alltagsmodus einzieht.

Alles in allem hat G die großen Veränderungen aber ganz gut überstanden und je wärmer und trockener das Klima um uns herum wurde,  desto entspannter konnten wir die Tage dann auch verbringen.

Zweieinhalb Wochen nach unserem Aufbruch war es dann endlich so weit: Wir haben es trotz verpfuschtem Getriebe bis zu unserem Zielort zwischen Barcelona und Valencia geschafft.

Das Haus,  in dem wir hier wohnen dürfen, ist absolut einzigartig in seiner Architektur und Ausstrahlung. Eine Begegnungsstätte der besonderen Art. Es gibt so gut wie keine Türen (von Außentüren und Badezimmer mal abgesehen) und dementsprechend offen und verbunden sind sämtliche Lebensbereiche miteinander. Es gibt quasi nur Durchgangszimmer. Zu unserem Glück konnten wir spontan noch ein Zimmer im Haus bekommen,  so dass das WoMo jederzeit zur Reparatur weg könnte (sobald denn die Ersatzteile aufgetrieben sind).

Zwei Tage nach uns kam dann auch schon die Familie dazu, die wir beim LosGeht’s kennen gelernt haben und die uns diesen Kontakt vermittelt hatte. Mit ihrer einjährigen Tochter hat G eine kleine, zuckersüße Spielgefährtin dazu bekommen und er zeigt ganz liebenswerte, beschützerische Züge eines großen Bruders. Allerdings ebenfalls die Eifersucht und Territorialansprüche unter Geschwistern.

Bisher lässt sich alles unglaublich gut an. Auch wenn ich am ersten Tag erstmal innerlich dachte „Was ist das denn bloß hier???“ (Und so ganz wurde diese Frage auch noch nicht beantwortet , aber es wird von Tag zu Tag und von Gespräch zu Gespräch ein wenig klarer.)
Die Gemeinschaft besteht hier im spanischen Ableger im Grunde nur aus einem festen Mitglied und ansonsten aus Gästen mit den unterschiedlichsten Hintergründen –  mit entsprechender Fluktuation und Lebendigkeit.

Ich bin dabei, ein Lebensmodell kennen zu lernen,  das von sehr großer persönlicher Freiheit im Kontext eines liebevollen Miteinanders verbunden ist. Was ich hier in der ersten kurzen Woche erlebt habe,  hat mich schon sehr beeindruckt,  berührt,  inspiriert und meine Vorstellungen ganz ordentlich durchgerüttelt.

Ich beginne zu begreifen,  wie eine gemeinsame Ökonomie des Schenkens in Realität aussehen kann. Die Möglichkeiten und das Potential dieses Ortes entfalten sich von Tag zu Tag mehr vor meinen Augen. Und ein zartes Pflänzchen der Sehnsucht,  hier ein neues Leben anzufangen, hat seine ersten kleine Triebe hervor gebracht.

Noch ist alles ungewiss und erscheint kaum fassbar. So viele Fragezeichen und ungeklärte Dinge warten auf Auseinandersetzung. Kann ich mir überhaupt vorstellen,  in so einer kleinen,  festen Gemeinschaft anzufangen? Was würde das für uns,  für unser Kind heißen? Was ist aus all meinen so wichtig erscheinenden Träumen von Autonomie und Selbstversorgung geworden?  Kann ich einem neuen, Zufriedenheit fördernden Lebensgefühl Platz einräumen,  das ganz andere Prioritäten setzt als diese?

In dieser Zeit hier und jetzt hilft mir mein Verständnis für mein eigenes Human Design sehr stark. Andernfalls würde ich vielleicht beginnen, an mir selbst zu zweifeln,  zwanghaft an einer bestimmten Identität und Richtung festhalten, ohne auf meine innere Bauchstimme zu achten.

Statt dessen versuche ich,  meinem Körper mehr und mehr zu vertrauen.  Zu spüren,  wie es mir geht und wo es mich hinzieht,  anstelle der Kopf gesteuerten Vernunftsabwägungen, die am Ende niemals zur Ruhe kommen und immer Argumente für oder gegen eine Entscheidung finden werden.

Wir haben überhaupt keinen Zeitdruck und lassen uns auf das Abenteuer ein, jetzt erstmal einfach hier zu sein und in dieser herzlichen Gruppe zu leben und uns einzubringen.

Wir werden sehen, was sich daraus entwickeln wird!

Schreibe einen Kommentar

*