Elternseminar von Brigitte Hannig: Gleichwürdigkeit statt Gleichberechtigung

Seid Ihr schon mal einer Person begegnet, die Euch mit Ihren Worten und Ihrem Schaffenswerk so tief berührt hat, dass Ihr in einen Zustand der Ehrfurcht und des Glücks eingetreten seid beim bloßen Lesen ihrer Texte? So eine Person ist für mich Brigitte Hannig. Und gestern hatte ich die große Ehre, sie bei einem Seminar in einem Brandenburger Waldorfkindergarten persönlich kennen zu lernen.

Frau Hannig begann ihre berufliche Laufbahn als Hebamme, doch inzwischen hat sie einen bemerkenswerten Erfahrungs- und Wissensschatz im Bereich der Bindungspädagogik erarbeitet, den sie nach Aufgabe ihrer Praxistätigkeit nun vor allem in Form von Texten und Seminaren für Eltern und Erziehende weiter gibt.

Der Titel des gestrigen Abends lautete „Führungsrolle der Eltern stärken“. Und das ist auch genau das Thema, mit dem ich mich seit einigen Monaten mehr und mehr auseinander setze. Da ich aus einem Elternhaus stamme, welches von einem großen Maß an Liebe und Freiheit für uns Kinder geprägt war, in dem ich aber dafür Grenzen, Regeln und eine natürliche Hierarchie nur sehr schwach gespürt habe, ist das Festlegen und Einhalten von sinnhaften Strukturen wahrscheinlich meine größte, persönliche Lernaufgabe als Mutter.
Hinzu kommt das allgemeine Phänomen in unserer heutigen Gesellschaft, dass Autorität und Führung schnell mit ihren negativen Erscheinungsformen unserer kollektiven Vergangenheit verbunden wird, sprich: mit Machtmissbrauch, Unterdrückung und Gewalt über Generationen hinweg. Das Wieder-Besinnen darauf, dass die elterliche Führung ein Naturgesetz ist, welches im eigentlichen Sinne der Fürsorge und der gesunden Entwicklung des Kindes und der Bedürfniserfüllung aller Familienmitglieder gilt, ist eine Grundvoraussetzung für das Entstehen einer gesunden Familienstruktur.

Schema_Hannig02

Ich habe aus dem dreistündigen Vortrag, der eigentlich mehr ein Workshop war, mit lebendiger Beteiligung der anwesenden Eltern (die ich übrigens durch die Bank weg als sehr bedacht, respektvoll und reflektiert wahrgenommen habe) eine ganze Menge wertvolle Anregungen mitgenommen.
Dies betrifft einerseits die Frage, wozu eine Hierarchie, Regeln und Ordnung innerhalb der Familie dienen und andererseits die Umsetzung auf der Beziehungebene, mit deren Hilfe man es dem Kind möglich macht, auch in schwierigen Situationen mit seinen Bezugspersonen zu kooperieren. Denn das ist es, was Kinder genetisch bedingt tun wollen: sie wollen, ja haben das dringende Bedürfnis, sich an einen (oder mehrere) Menschen zu binden, der größer, schlauer, stärker, schneller und wissender ist als sie selbst und sie haben grundsätzlich den Drang mit diesem Menschen zu kooperieren.

Schema_Hannig01

Das heißt im Umkehrschluss, wann immer ein Kind sich verweigert, gegen den Erwachsenen arbeitet oder sogar (auto)aggressive Züge annimmt, bedeutet dies, dass die Beziehung und die Bindung in diesem Augenblick verloren gegangen ist. Frau Hannig nannte die Kinder unsere persönlichen „Entwicklungshelfer“, die mit einer angeborenen Intensität auf Unsicherheiten und Schwachstellen bei ihren Bindungspersonen aufmerksam machen, diese Spannungen und Störfelder bewusst werden lassen, um den Eltern die Chance zu geben, an genau diesen Stellen zu wachsen und nachzureifen. Ein faszinierender Gedanke, nicht wahr?

Ich staune immer wieder, was für ein wertvolles Geschenk es ist, selbst Mutter sein zu dürfen und die Entwicklung meines Kindes begleiten und über sie wachen zu können. Ich hoffe wirklich, dass ich unterm Strich meine Sache einigermaßen gut mache. Weise Menschen wie Brigtte Hannig helfen mir sehr auf meinem Weg. Und tatsächlich lerne ich hier mehr als nur den Umgang innerhalb meiner eigenen kleinen Kernfamilie zu reflektieren. All dieses Wissen über Beziehung und das „Anbinden an sich selbst“ sind ebenfalls sehr wertvoll auf meinem Weg, hin zu einer wahren Gemeinschaft und einem gesunden Umgang mit anderen Menschen generell. Ich bin total dankbar für alles, was ich bis jetzt schon erfahren durfte und freue mich sehr auf das zweitägige Arbeitstreffen, zu welchem ich Mitte April fahren werde.

Schreibe einen Kommentar

*