Auswandertagebuch: Abwarten, Vorbereiten, Umdenken

So, die erste Woche Wartezeit nach dem IELTS ist um. Eine enorme psychische Belastung für uns alle, wenn ich ehrlich bin. Wenn deine ganze Existenz und die Verwirklichung deiner Träume von ein paar Zahlen auf einem Papier abhängen, dann zieht sich jeder Tag wie ein zu lange gekauter Kaugummi dahin.

Natürlich sitzen wir hier nicht untätig herum und langweilen uns. Im Gegenteil: Lebenslauf, Bewerbungsschreiben, Kontaktaufnahme zu ehemaligen Vorgesetzten und dergleichen mehr stehen auf unserer Agenda in der Zeit des Abwartens und Hoffens. Je mehr wir von diesen Aufgaben jetzt erledigen können, umso schneller können wir bei positiv ausfallendem Testresultat zur Tat schreiten. Ohne Kinderbetreuung allerdings eine sehr schwierige Angelegenheit, da einer von uns immer für G da sein muss und wie ihr wisst, machen sich Haushalt, Kochplanung und der ganze Kram auch nicht gerade von selbst. Ich bin schon froh, dass ich mit dem Kleinanzeigengeschäft ganz gut weiter komme.

Ein weiteres, wichtiges Arbeitsfeld ist natürlich auch die fortdauernde Informationsbeschaffung. T hat inzwischen seine eigenen, intensiveren Recherchen zum Arbeiten in Neuseeland aufgenommen und konnte nach kurzer Zeit heraus filtern, dass seine Chancen auf Anerkennung als Internist doch nicht so besonders gut stehen.

Die Ausbildungsvorschriften für Fachärzte in NZ sind einfach viel strikter und -wie ich finde- gründlicher als es in Deutschland der Fall ist. Somit würden T einige Hürden begegnen auf dem Weg zum sogenannten Consultant-Status. Die Wahrscheinlichkeit, dass er das große Abschlussexamen für Internisten in NZ komplett nachholen müsste, erschien uns enorm hoch. Wenn es auch weiterhin sehr schwierig ist, allein alle Informationen zusammen zu kriegen, die wir für eine definitive Einschätzung seiner Chancen bräuchten. Doch solange unsere Unterlagen noch nicht komplett sind und das IELTS-Ergebnis sowieso noch in den Sternen steht, trauen wir uns nicht wirklich, irgendwelche offiziellen Stellen zu kontaktieren. Schlafende Hunde und so, ihr wisst schon.

Statt dessen ist T lieber noch mal in sich gegangen und hat für sich reflektiert, was er sich in seiner beruflichen Laufbahn eigentlich wirklich wünscht und das Ergebnis war, dass er sein Hauptinteressenfeld – das der Psychotherapie – weiter verfolgen möchte. Hier in Deutschland wäre das auch sein nächster „Karriere-Schritt“ gewesen, warum also nicht seine Leidenschaft von Anfang an im neuen Heimatland aufgreifen. Und so statt Zeit, Geld und Nerven in die Vollanerkennung als Internist zu stecken, lieber all diese Energie in seine Weiterbildung zum Psychiater und Psychotherapeuten zu investieren.

Die Chancen auf eine solche Karriere erscheinen uns zum jetztigen Zeitpunkt und mit den Informationen, die wir zusammen tragen konnten, sehr gut. Zwar bedeutet das finanziell sicherlich eine Verschlechterung unseres Lebensstandards für einige Jahre. Aber erstens ist T´s Zufriedenheit und die Realisierbarkeit seiner Pläne viel wichtiger als die Gehaltshöhe. Und zweitens bekomme ich bei erfolgreicher Einwanderung ja automatisch ein Arbeitsvisum und werde mir dann so bald wie möglich einen Job suchen, der halbtags funktioniert und keine besonderen Qualifikationen erfordert. Ich träume schon vom Äpfel pflücken auf einer Biofarm. Oder so.

Ich bin weiterhin extrem offen und flexibel, mache mir möglichst keine oder sehr geringe Erwartungen und hoffe das Beste: dass wir nach und nach in unser neues Leben in einem fernen Land hineinwachsen und uns über die Jahre dort etwas aufbauen werden, was sich gut und richtig und stimmig für uns anfühlt.

Selbstversorgertraum hin oder her. Noch stecken wir 100%ig im alten System und werden da auch noch lange Zeit mehr oder weniger tief drin verwurzelt bleiben. Und das muss finanziert werden und wir sollten auch im Hier und Jetzt versuchen, Zufriedenheit mit der Etappe unsere Weges zu erlangen. Außerdem können T und ich uns beide auch gut vorstellen, parallel zum eigenen Biohof – als zweites Standbein sozusagen- irgendeine Art von Begegnungsstätte oder Retreatcenter aufzubauen. Seine psychotherapeutische Arbeit und mein großes Interesse an der bindungs- und bedürfnisorientierten Elternbegleitung könnten vielleicht auch am anderen Ende der Welt von Nutzen sein, wir werden sehen.

Aber nun heißt es erstmal weiter Geduld haben: warten auf Freitag, wenn dann endlich das schicksalsträchtige Ergebnis über unseren Bildschirm flackern wird. Ich hoffe, Ihr drückt uns weiter die Daumen.

2 Kommentare bei „Auswandertagebuch: Abwarten, Vorbereiten, Umdenken“

  1. Und? Was sagt der Bildschirm? Daumen waren auf jeden Fall gedrückt.

    1. Danke Maria,
      leider war das Glück uns nicht so wohlgesonnen wie gehofft. Es geht also in die nächste nervenaufreibende Runde. Ich hoffe, euch gehts gut miteinand? Süddeutschland immer noch die richtige Entscheidung und so?
      Ich drück dich. Auf bald. J.

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