Die Mär vom Babyblues

Es ist schon erstaunlich, wie extrem sich die Informationen voneinander unterscheiden, die mir zunächst in den Jahren der Hebammenausbildung und später dann in der THK-Weiterbildung (Traditionelle Hebammenkunst) zur Gemütslage der Entbundenen vermittelt worden waren. (Wie so vieles andere auch, was die Frauengesundheit und Geburtshilfe anbetrifft.)

Während ich in meiner Ausbildung den „Babyblues“ noch als eine normale, zu erwartende und in erster Linie hormonbedingte Stimmungsschwankung im frühen Wochenbett kennen gelernt und die Frauen mit diesem Verständnis davon vorbereitet und begleitet hatte, lernte ich viele Jahre später eine ganz andere Perspektive kennen.

Meine Dozentin in der Traditionellen Hebammenkunst vermittelte uns recht glaubhaft, dass eine Hebamme in früheren Zeiten schnell ihren guten Ruf und auch bald ihre Lizenz verloren hätte, wenn all ihre Frauen tagelang in einem derartig desolaten Zustand verbracht hätten wie unsere heutigen Wöchnerinnen. Die Schuld für so viele Tränen und eine solche körperliche wie seelische Erschöpfung der Frau hätte ohne Wenn und Aber bei der schlechten Hebamme gelegen, welche nicht für die richtige Pflege nach der Geburt gesorgt hat.

Und wenn ich die Anleitungen für eine qualitativ hochwertige Wochenbettpflege von damals mit der Lebensrealität der frischgebackenen Mütter von heute abgleiche, dann sehe ich schon auf den ersten Blick, wo der Hase im Pfeffer liegt.

Während noch vor wenigen Jahrhunderten die Ruhe und der Erholungsaspekt für die Frau im frühen Wochenbett oberste Priorität hatte, die es unter allen Umständen einzuhalten galt, sehe ich heute nicht selten Frauen bereits wenige Tage nach der Geburt selbst wieder am Herd stehen, die Wäsche machen oder ihre großen Kinder zum Kindergarten bringen.

14 Tage nahezu komplett im Bett liegen zu bleiben (und sich auch danach noch sehr doll zu schonen), sich völlig auf die Hilfe der Familie zu verlassen und sogar die Körperpflege zu großen Teilen von der Hebamme und ihren Herlferinnen durchführen zu lassen, scheint in unserer Gesellschaft – nicht zuletzt mit der Vereinzelung der Kleinfamilien – nahezu ein Ding der Unmöglichkeit geworden zu sein. Mit dramatischen Folgen für die psychische Verfassung und körperliche Erholung der frisch gebackenen Mütter.

Im Gegensatz zum ersten Kind durfte ich jetzt beim Zweiten endlich so ein richtiges, gemütliches Wochenbett erleben. Nach meiner rasanten Hausgeburt samt anschließender 24-Stunden-Krankenhauseinlage war ich für die darauf folgenden Tage und Wochen der Ruhe daheim extrem dankbar. Im Vergleich dazu hatte ich es nämlich damals, 2013, durch das Wochenbett mit einem Frühchen auf der Intensivstation bei weitem stressiger erlebt. Meine Stimmungslage schwankte nach meiner ersten Geburt dementsprechend auch enorm in der ersten Woche. Ganz anders bei Nummer 2. Und ich bin mir sicher, das lag an den äußeren Rahmenbedingungen und nicht an meiner Hormonlage.

Die Versorgung eines Neugeborenen, das Ingangkommen der Milchproduktion, die Rückbildung und ggf. die Heilung von Geburtsverletzungen verlangen der Frau bereits alle noch vorhandene Kraft ab. Muss sie sich dann auch noch selbst um ihre eigenen Grundbedürfnisse oder gar die von älteren Geschwisterkindern mitkümmern, die gestaute Brust allein behandeln, Termine koordinieren oder selber jede Nacht stündlich auf das unruhige Baby reagieren, so ist der ausgewachsene Babyblues eine logische Konsequenz der Überforderung der mütterlichen Energiereserven – und sicherlich keine unvermeidliche Naturgewalt. Von den Auswirkungen auf die sog. Uterine Gesundheit mal ganz zu schweigen…

Selbst mit einem verhältnismäßig reibungsarmen Start und einem Ehemann in Elternzeit daheim, gab es bei mir zwar auch diesmal ein paar emotional anstrengende Momente, welche ich mit meinem Fachwissen im Gepäck aber sehr schnell zuordnen und dann auch entsprechend gut für mich sorgen konnte.

Der Berg frisch gewaschener, aber nicht sortierter Wäsche brachte mich am 6. Tag zur Verzweiflung.

Würden die Mütter heutzutage noch so im Mittelpunkt der Großfamilie und Dorfgemeinschaft stehen, wie sie es zu den allermeisten Zeiten unserer Geschichte scheinbar taten, wenn helfende Hände ihnen rund um die Uhr zur Seite stehen und sich um das Baby kümmern würden, während die Mutter schläft, sich erholt und heilt – dann könnten wir wohl ein ganzes Kapitel aus den Lehrbüchern der Hebammenschüler*innen wieder heraus streichen. Erstrebenswert finde ich das schon, die Umsetzung ist natürlich leichter gesagt als getan.

Ob wir eines Tages wieder dorthin zurück finden, möglicherweise mit Hilfe von sog. Wahlfamilien, „Wochenbettengeln“ in der Nachbarschaft oder bewussten Gemeinschaften eine Wochenbettkultur zu kreieren, die Frauen und ihre Kinder gesund erhält an Körper, Geist und Seele? Ohne unnötige Tränen, Erschöpfung und Not? Das bleibt zu hoffen. Und ich werde, wann immer in meinem näheren Umfeld ein Kind geboren wird, weiter dazu beitragen, dieses Bewusstsein zu fördern und dafür sorgen, dass „mothering the mother“ keine leere Floskel mehr bleibt.

Ein Kommentar bei „Die Mär vom Babyblues“

  1. Ich glaube, du hast grundsätzlich schon recht. Ich hatte das Glück, eigentlich echt nur chillen zu dürfen und trotzdem war ich sehr zart besaitet. Ich musste mich eigtl um nix kümmern, wollte aber ab und zu gerne, weil dieses nur rumliegen und mama sein zu krass für mich war 😂

    Ich bin aber eigtl kein emotionaler Mensch und das Wochenbett hat mich fertig gemacht. Mein Mann hat manchmal nur eine Frage zur falschen Zeit gestellt und schon waren alle Schleusen offen 😂

    Zudem hat Motte so viel geweint und das brach mir jedes Mal das Herz. Also ich fand das Wochenbett echt doof und diese Hormonschwankungen echt furchtbar und stark spürbar.

    Aber wenn Frau dann noch keine Ruhe hat, verstärkt es sich sicher noch umso mehr. Da hast du sicher recht.

    Ich wünsche jeder Frau, dass sie ein entspanntes Wochenbett erleben darf und eine so tolle Hebamme wie ich hat ❤️ Denn die hat mich wirklich immer wieder aufgebaut, motiviert und trotzdem all meine (vllt irrationalen)Sorgen ernst genommen.

    Liebe Grüße,
    EsistJuli

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