Willkommen auf Erden!

Liebe M,

In den letzten Tagen vor deiner Geburt merkte ich schon, wie ich so langsam an meine Belastungsgrenzen stieß. Ich war viel empfindlicher als zuvor und wollte mich eigentlich nur noch ins Bett legen und einigeln.

Das ging aber natürlich nicht so, wie ich wollte, denn dein großer Bruder G forderte schließlich ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit und einen geregelten Alltag ein.

Am Montag war der Tag, an dem ich endlich die Frühgeburtsgrenze überschritten hatte und der geplanten Hausgeburt somit nichts mehr im Wege stand. Bis dahin war ich wochenlang mit banger Hoffnung herum gelaufen, dass du dich nicht zu früh auf den Weg machen würdest – und nun war es wahrhaftig geschafft.

Am nächsten Tag bereits solltest du uns beweisen, dass du wohl nur darauf gewartet hattest. Denn am frühen Dienstagabend, gegen 18 Uhr,  kündigten sich bei mir die ersten leichten Wehen an. Da ich in dieser Schwangerschaft schon ständig Kontraktionen gehabt und in der Woche vorher deutlich mehr Senkwehen gespürt hatte, glaubte ich jedoch nicht daran, dass dies nun wirklich schon Geburtswehen werden könnten.

Während T deinen Bruder wie üblich gegen 19:30 Uhr zum Schlafen brachte, legte ich mich samt Kirschkernkissen ins Bett. Ich schaute mir einen mittelschlechten Film an und beobachtete mit Neugier, wie die Wehen etwas unregelmäßig, aber doch so alle 5-8 Minuten, vor sich hin arbeiteten. Wirklich stark taten diese nicht weh, es zog nur ein bisschen im Unterleib und der Bauch war extrem hart und gespannt. Also atmete ich dir jedesmal eine extra Portion Luft zu. Das wurde dir sicher eng da unten mit diesen Wehen.

T saß dann bald darauf im Wohnzimmer und brachte mir immer wieder ein neues Wärmekissen aus dem Ofen. Die Wärme war sehr wohltuend und ich wollte bald nicht mehr darauf verzichten. Ein wenig auffällig kam mir das zu diesem Zeitpunkt schon vor, aber ich wollte die Hoffnungen keinesfalls zu hoch schrauben. Mit einem Kopf voller Hebammenwissen plus einem sehr stark ausgeprägten Körpergefühl neige ich ja doch leicht zu Hypochondrie in Sachen Symptome und Erscheinungen rund um die Geburt.

Um 21:00 Uhr überlegte ich, ob ich diesen öden Film überhaupt zu Ende anschauen sollte. Die Entscheidung wurde mir nur wenig später von dir abgenommen. Denn in einer Wehe um 21:15 Uhr machte es innerlich so ein leichtes „Knack“ und sofort spürte ich, wie eine warme Flüssigkeit aus mir heraus zu fließen begann. Ich hatte wohl einen Blasensprung.

Ich rief T zu mir und bat ihn, mir ein Handtuch zu reichen, da mir wahrscheinlich gerade die Fruchtblase geplatzt sei. Wir checkten dann erst mal die Lage: Der pH Test bestätigte den Verdacht und deine Herztöne hörten wir auch direkt mal ab. Dein kleines Herz schlug kräftig, genau so wie es sollte.

Danach waren wir beide erstmal etwas aufgeregt und riefen gegen 21:30 Uhr unsere Hebamme an. Das Telefonat beruhigte mich sehr und ich wusste, sie steht nun bereit und kann jeder Zeit zu uns kommen. Da die Wehen jedoch noch nicht stärker waren als in den Stunden zuvor, wollten wir erstmal abwarten und unsere Wohnung für die Hausgeburt vorbereiten.

Unsere Freundin V, die sehr gerne bei der Geburt dabei sein wollte, war leider gerade in Stuttgart, da sie am nächsten Morgen um 8 Uhr nach Düsseldorf weiter fahren wollte. Darum riefen wir dann die zweite liebe Bekannte an, die zwar nicht unbedingt bei der Geburt selbst dabei stehen, aber sich gerne um unser großes Söhnchen kümmern wollte. Sie freute sich sehr, dass es los geht und da sie ganz in der Nähe wohnt, baten wir sie einfach, heute Nacht erreichbar zu bleiben, falls wir sie für deinen großen Bruder als Betreuung brauchen würden.

Kaum war das geklärt, rief V wieder an. Sie sitze jetzt doch im Auto, wäre in ca. 2 Stunden bei uns und hätte tatsächlich bis 10 Uhr am nächsten Tag Zeit.

In der Zwischenzeit hatte T alle Hände voll damit zu tun, die Malerfolie auf unser Bett zu ziehen, die notwendigen Utensilien heran zu schaffen, ein Gästebett herzurichten und die Küche aufzuräumen. Ich machte es mir auf unserem Bett mit meinem Wärmekissen gemütlich und konzentrierte mich doch bald immer mehr darauf, die stärker werdenden Wehen zu veratmen.

Gegen 22:30 Uhr wurde ich doch etwas unsicher und unruhig, da die Schmerzen zunahmen und ich von meiner letzten Geburt in Erinnerung hatte, wie schnell das Ende ab diesem Zeitpunkt bereits in Sicht gekommen war. Also rief ich doch lieber unsere Hebamme an, die auch schon darauf gewartet hatte und sich sofort auf den Weg zu uns machte.

Das war auch gut so, denn bald darauf reichte das Atmen allein in den Wehen nicht mehr aus und ich begann schon hörbar mitzutönen. Als der Liebste das hörte, wurde ihm wohl auch klar, dass es bereits gut voran ging, das hielt ihn aber nicht davon ab, noch eben duschen zu gehen.

Wenig später – meine Aufmerksamkeit war mittlerweile voll und ganz vom Geburtsgeschehen gefordert – kam die Hebamme an, ich schätze das muss so um kurz nach 23:00 Uhr gewesen sein. Mein Tönen war inzwischen so laut geworden, dass ich mich mit einem Teil meines beobachtenden Verstandes fragte, ob das G wohl aufwecken würde.

Die Wehen kamen nun in sehr kurzen Abständen und ich spürte wie zu den Schmerzen ein steigendes Druckgefühl dazu kam, welches ich nicht kontrollieren konnte. Du hattest es wohl ebenfalls recht eilig, zu uns zu kommen.

Meine zwei Begleiter standen mir ab da ununterbrochen zur Seite und halfen mir, mich aufs Atmen zu konzentrieren und eine einigermaßen bequeme und geburtsfördernde Position zu finden.

Ich konnte spüren, wie die Geburt voran Schritt, wie dein Köpfchen Stück für Stück weiter rutschte und der Drang dich hinaus zu schieben immer unaufhaltsamer wurde.

Es war 23:44 Uhr, als die Arbeit geschafft und das Wunder deiner Geburt vollbracht war. Eine Tochter! Sofort konntest du auf meinem Bauch landen und ganz sanft mit auspulsierender Nabelschnur in dieser neuen Welt ankommen. Ein paar Minuten später klingelte es wieder an der Tür und nun war die Gemeinschaft mit V endlich komplett. Offenbar dauert es etwas länger, im Auto von Stuttgart zu uns zu fahren, als ich zum Kinderkriegen brauche!

Dein erstes Ankommen hier bei uns war sehr friedvoll und gesegnet. Dankbarkeit erfüllte mich vom Kopf bis zu den Zehen, dass diese unkomplizierte Hausgeburt, zu diesem Zeitpunkt, mit dieser Begleitung geschehen durfte. Ich wurde ein bisschen genäht, dann wurdest du untersucht und trankst bald mit viel Kraft an meiner Brust. V half der Hebamme, es uns nach der Anstrengung schön bequem zu machen und blieb noch bis 2 Uhr. Um 2:30 Uhr verabschiedete sich auch die Hebamme und wir sanken müde und überglücklich ins Bett. Nur wenige Minuten später, sobald der Trubel vorbei und Ruhe eingekehrt war, wachte G dann auf und war natürlich erstmal ganz überwältigt von der Ankunft seiner kleinen Schwester.

Da er so sehr in Aufregung versetzt war, legte T sich mit ihm doch wieder ins Kinderzimmer, aber an Einschlafen war irgendwie nicht zu denken.

Um vermutlich etwa 3:45 Uhr wollte ich noch mal aufstehen und auf die Toilette gehen. Während mir dies zuvor ohne Schwierigkeiten gelungen war, wollte diesmal mein Kreislauf nicht so richtig mitspielen. Außerdem hatte ich angefangen, deutlich stärker zu bluten, was mich auch beunruhigte.

Mit T’s Hilfe schaffte ich es zwar zurück ins Bett, aber auch dort wurde mein Befinden nicht richtig besser und auch die Blutung hörte nicht auf.

Das war uns beiden dann doch eindeutig zu heikel und wir riefen gegen 4:30 Uhr den Rettungsdienst zur Hilfe. Jetzt wurde es nochmal aufregend und G war natürlich mittendrin dabei. Das Team von der Rettung war super freundlich, kompetent und auf Zack. Kurze Zeit später lag ich schon im Krankenwagen. T war bereits mit dir und deinem Bruder in Richtung der nächstgelegenen Klinik losgefahren, aber diese war leider überlastet und konnte uns nicht aufnehmen. Mit leichter Verzögerung kamen sie dann aber auch bald bei uns, in der zweitnächsten Klinik an.

Im Kreißsaal wurde ich fachlich sofort gut versorgt. Die Blutung kam tatsächlich aus der Gebärmutter selbst und mit den passenden Medikamenten war sie schnell im Griff.

Leider war die Ärztin eher vom Typ Empathie-Eisklotz / Metzger und machte eine unsensible Bemerkung nach der anderen. Auch bestand sie darauf, meine Dammnaht nochmal aufzumachen und neu zu vernähen und irgendwie konnte ich mich in der Situation auch schlecht dagegen wehren. So ließ ich also alles möglichst gleichmütig über mich ergehen und stand die notwendigen Untersuchungen und Maßnahmen so tapfer wie möglich durch.

Ich war jedenfalls heilfroh, hier nicht zum Gebären hergekommen zu sein, sondern deine Geburt in so wundervoller Atmosphäre Zuhause erlebt zu haben.

Zum Glück blieb die Ärztin mit ihrer Umgangsart eine Ausnahme, denn der Rest vom Personal entpuppte sich als extrem freundlich und zugewandt. So verbrachten wir dann einen ganzen Tag und die darauf folgende Nacht im Zweibettzimmer auf der Wochenstation, zusammen mit einer anderen, sehr sympathischen, frisch gebackenen Mama und ihrer kleinen Tochter. Und ich erholte mich hier problemlos von den Strapazen der vergangenen Nacht.

Du verschliefst fast den ganzen Aufenthalt und wurdest eigentlich immer nur zum Stillen wach. Das machtest du von Anfang an ganz wunderbar, ich hatte ja auch schon gleich reichlich Milch für dich. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück konnten wir auch schon wieder heim und starteten mit vielen guten Wünschen aus Familie,  Gemeinschaft und Freundeskreis in unser Wochenbett zu viert.

4 Kommentare bei „Willkommen auf Erden!“

  1. Oooooooh so schön!! Herzlichen Glückwunsch! Und so ein süßes Mäuschen 😍 ich hab die Tage immer mal wieder geguckt, ob sich da nicht was angekündigt hat und jetzt ist es soweit ❤️ Toll!

    Auch dass deine Hausgeburt geklappt hat. Super 🙂 jetzt wünsche ich dir ein schönes und erholsames Wochenbett und dass ihr euch alle in Ruhe kennenlernen und eingrooven könnt 🙂

  2. Liebe Jitka- Ameise, herzlichste Glückwuensche und alles Liebe von uns 5en aus Berlin! ❤️ Kathrin

  3. Dankeschön!
    Mittlerweile ist die erste Woche schon rum und der Milcheinschuss überstanden (haha den find ich schlimmer als das Gebären).
    Seit gestern versuchen wir es mit dem Abhalten über das Töpfchen und ich bin positiv schockiert, wie gut das funktioniert. Ich glaube seit heute morgen war nur einmal was in der Windel gelandet. Na, mal sehen, wie das Experiment weiter geht 😃

    1. Meine beste Freundin macht das auch. Ihre Motte ist 8 Wochen und sie machen es nur beim großen Geschäft. Aber es klappt so 4 von 5 mal 😉

      Milcheinschuss fand ich auch bäh 😂

      Alles Gute euch 🙂

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