Aufbruch ins Unbekannte

Oh, was war ich aufgeregt, kann ich euch sagen! In der Theorie klingt ja alles immer so nett und easy. Aber wenn´s dann konkret wird und du plötzlich Mit-Gastgeber*in für 20 wildfremde Personen bist, dann sieht die Lage doch schon wieder anders aus! Aber alles nochmal auf Anfang.

Der Mensch ist und bleibt ein Rudeltier, kein Einzelgänger. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte der Isolation und des Konkurrenzkampfes hinweg und durch die horrenden Auswüchse des extremen Individualismus in unserer industrialisierten, kapitalistischen Welt bekamen wir von Kindesbeinen an zwar ganz andere Glaubenssätze in unser System eingepflanzt. Doch ich wehre mich mit Leibeskräften dagegen, diesen entwürdigenden, krankhaften Glaubenssätzen weiterhin Macht über mich zu geben. Stattdessen begebe ich mich in die Fülle der zwischenmenschlichen Begegnungen hinein, weil ich tief in mir drin weiß, dass es das ist, was uns Menschen erfüllt und nährt.

Wie ich hier ja schon berichtet hatte, haben sich auf unser Gesuch hin erstaunlich viele verschiedene Menschen gemeldet. Unsere Liste geht mittlerweile weit über 30 und da sind die Kinder noch gar nicht mitgezählt. Zum Kennenlerntreffen kamen dann schließlich 22 Erwachsene und 5 Kinder. Ich kann mit Fug und Recht behaupten: Das hat sich schon sehr nach einer Gruppenstärke angefühlt, die ich genau richtig fände für ein gemeinsames Leben, Wirken und Arbeiten. Aber mir ist schon klar, dass nicht alle dieser Menschen letztendlich wirklich diejenigen sein werden, die am Ende mit uns zusammen das Projekt verwirklichen. Es war ja erstmal nur ein erstes Beschnuppern.

Im Vorfeld habe ich mir super viele Gedanken darüber gemacht, wie wir den Tag gestalten und strukturieren sollen. Lange Zeit war mir nicht so wirklich klar, wie ergebnisorientiert ein solches Treffen am besten ausgerichtet sein sollte. Zum Glück haben mich meine Mitstreiter*innen am Abend vorher nochmal gut von der Palme runter geholt und wir entschlossen uns, möglichst wenig Struktur von außen vorzugeben. Und so sind wir dann auch relativ ergebnisoffen an den Tag heran gegangen und das war genau richtig so, glaube ich.

Der Input, den wir als Initiator*innen an die Gruppe gegeben haben, fiel dann auch dementsprechend knapp aus. Wir schilderten unseren persönlichen Weg hierher in wenigen Worten und stellten die von uns ausgearbeiteten Grundhaltungen vor. Diese spiegelten den aktuellen Stand unserer gemeinsamen ideellen Ausrichtung wider und alle Interessierten waren und sind dazu eingeladen, in die Auseinandersetzung mit diesen Standpunkten zu gehen. Wir hoffen, sie helfen uns allen, im nächsten Schritt eine kollektive Vision herauszufiltern, mit der wir uns alle identifizieren können.

Ich war positiv davon beeindruckt, dass unsere Kinderlein insgesamt wirklich sehr gut durchgehalten und sich immer wieder über lange Phasen hinweg in ruhige Beschäftigungen vertieft haben. Für mich war das ein gelungenes Beispiel dafür, wie alle Generationen (von 1 bis Ende 70) einen ganzen Tag miteinander verbringen können und am Ende irgendwie allen Bedürfnissen einigermaßen gerecht wurde. Außerdem bin ich richtig, richtig froh, dass G jetzt auch endlich mal gemerkt hat, dass Gemeinschaftsleben auch für ihn etwas Schönes und einen großen Gewinn bereit hält. Gemeinschaftstreffen hieß für ihn in der Vergangenheit leider allzu oft „Erwachsene-sitzen-stundenlang-zusammen-und-reden-blablablabla!“. Jetzt erlebt er, dass durch Gemeinschaft auch Spielkamerad*innen für ihn hinzu kommen können. Das ist ja so ein essentieller Punkt für mich als Mutter, warum ich mir eben auch ein Leben mit anderen Familien an einem Ort wünsche.

Das Mitbring-Buffet war ein absoluter Hit. Ich freu mich schon auf das nächste Mal, yumm! Also um die kulinarische Versorgung unserer Gruppe müssen wir uns in diesem Kreis scheinbar keinerlei Sorgen machen. Die Frühlingssonne lachte zur Mittagszeit auch so richtig schön vom blauen Himmel herab, da ließen wir uns die Köstlichkeiten draußen vor dem Haus schmecken und schauten den Kindern beim Herumtoben zu. Einfach nur herrlich!

Überrascht war ich davon, dass bereits drei Personen nach kürzester Zeit klar für sich erkennen konnten, dass wir mit unseren Vorstellungen wohl nicht genug übereinstimmen, so dass sie sich wieder aus der Runde verabschiedeten. Ich sehe das als eindeutigen Erfolg an, denn offensichtlich haben wir uns – aller Offenheit zum Trotz – doch klar genug gezeigt und unsere Ausrichtung sichtbar gemacht. Dadurch haben wir unser primäres Ziel für dieses Treffen – nämlich es den Menschen zu ermöglichen zu erkennen, ob sie zu uns passen oder eben nicht – ohne großen Aufwand und mit geringen „Verlusten“ (Zeit, Energie, emotionales Einlassen) auf beiden Seiten erreichen können.

Und mit dem Rest der Truppe geht es auch direkt frohen Mutes weiter, den abenteuerlichen Weg des Gemeinschaftwerdens und Projektgründens voran, immer voran. Es fühlt sich genau richtig an, was wir hier tun. Auch wenn die Zeit am Sonntag nicht besonders lang war (7 Stunden), merke ich, wie bei mir zu den einzelnen Leuten schon die ersten zarten Beziehungssprösslinge entstehen. Und ich bin soooo neugierig darauf zu sehen, wie sich diese Sprösslinge immer weiter entfalten, miteinander und mit anderen Trieben verranken, schließlich ein ganzes, kompliziertes Flechtwerk von einem bunten Miteinander bilden werden, das niemals aufhört zu wachsen und sich zu verändern. Das ist dann Gemeinschaft.

In tiefer Dankbarkeit für all die Menschen, welche diesen Weg ebenfalls beschreiten wollen.

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