Veganer-Jubiläum

Ein ganzes Jahr ist nun vergangen, seit wir uns -nach einem knappen Jahr des Herantastens- endgültig zum Veganismus bekannt haben. Somit gehören wir also zu dem geschätzten 1 % in Deutschland, die versuchen, komplett auf tierische Produkte zu verzichten – den Tieren, den Menschen und dem Planeten Erde zuliebe. Mein Resumee des letzten Jahres gibt es heute und die Antwort auf die Frage, wie wir nun unsere Ernährung weiter verändern möchten, um endlich von industriell gefertigter Ware und dem ganzen Plastik wegzukommen.

Umstellung
Ich kann sagen, die Umstellungszeit war ziemlich aufwendig, teilweise anstrengend, immer wieder begleitet von Gefühlen des Verzichtens und des Verlustes und der sozialen Isolation.
Hätte ich es angepackt und auch noch durchgehalten, wenn ich gleichzeitig Beruf und Kind hätte unter einen Hut kriegen müssen? Ich weiß es nicht, fürchte aber, die Antwort lautet Nein.

Es hat ungefähr ein halbes Jahr gebraucht, bis ich unser Repertoire derart erweitert hatte, dass der Alltag gut funktionierte. Ein weiteres halbes Jahr, in dem ich immer wieder neue Rezepte ausprobiert und als alltagstauglich befunden habe, um einen abwechslungsreichen Kochplan für ca. 4 Wochen aufstellen zu können.

Das Backen und die Versorgung mit Süßem war de facto der Bereich, in dem ich sehr schnell super Ergebnisse erzielt habe und wo mir auch bis heute überhaupt nichts „fehlt“.

Gewohnheit
Die Macht der Gewohnheit hat im Falle der Ernährungsumstellung zuerst für Frust und Abwehr gesorgt, im Verlauf aber dazu geführt, dass etablierte Verhaltensweisen immer leichter von der Hand gingen. Bis ich zuletzt -zumindest für zuhause – überhaupt keine Probleme mehr hatte mit dem veganen Lebensstil.

Einkauf
Das Einkaufen wurde durch die neue Ernährungsweise ziemlich vereinfacht, kann ich berichten. Hauptsächlich wanderten frische Früchte und Gemüse in den Einkaufswagen, dazu Getreideprodukte und Hülsenfrüchte, ein paar Gemüsekonserven und Produkte aus der „Tofuecke“, also Aufschnitte, Sojajoghurt, Pflanzenmilch und dergleichen.
Ich finde es zwar einerseits erfreulich, dass viele Supermarktketten der steigenden veganen Kaufkraft Rechnung tragen und immer mehr vegane Produkte anbieten. Allerdings gehen all diese Produkte (Wurst- und Käseersatz, Tofuprodukte usw.) mit einer hohen Verarbeitung und einer Menge Verpackungsmüll einher. Nachhaltigkeit ist hier eher nicht zu finden. Veganismus allein rettet die Umwelt absolut nicht. Nicht, wenn die Produktion und Entsorgung genau so unökologisch vonstatten geht, wie bei den tierischen Produkten.

Kosten
Die Kosten waren aufgrund eines recht hohen Anteils dieser verarbeiteten Lebensmittel insgesamt erschreckend hoch. Aber um den Absprung von Kuhmilch und ihren Produkten zu schaffen, haben wir hier erstmal keine Einschränkungen getroffen. Im Internetversand haben wir dann auch noch größere Mengen an Nüssen und Saaten bestellt, was immerhin etwas günstiger war, als die kleinen Tüten im Supermarkt zu kaufen.

Soziale Aspekte
Für mich persönlich war die soziale Isolation mit das Schlimmste. Jedes Buffet im Kinderladen, jeder Besuch bei Freunden oder gemeinsame Reisen mit Verwandten oder Bekannten führte bei mir zu einem kräftigen moralischen Dilemma. Meine ethischen Werte vertreten und mir mein Essen selbst mitbringen? Mich damit von vornherein ausgrenzen, gemeinsame Kochgelegenheiten schon akribisch vorplanen und mit allen Beteiligten abstimmen? Meine Ansprüche an mich selbst runter schrauben und den leichteren Weg gehen und bei diesen Gelegenheiten mitessen, was auf dem Tisch steht?

Ich habe von allem etwas probiert und nichts hat mich wirklich zufrieden gemacht. Wenn die Reisegesellschaft auf ihr Fleisch besteht, können wir nicht zusammen kochen. Wenn die Verwandten unbedingt essen gehen wollen, gibt es entweder mehr oder minder vegane Beilagen oder vollvegetarische Mahlzeiten für mich auf den Teller. Buffets bestücke ich immer mit einem sehr sättigenden Beitrag, z.B. Pizza oder Nudelsalat oder esse mich im Zweifelsfall vorher zuhause schon satt. Oder ich esse ausnahmsweise dann nicht-vegan und fühl mich die ganze Zeit wie Falschgeld. Irgendwie.

Die Leichtigkeit ist definitiv dahin.

Leute einladen klappt immer super, unser Essen kommt eigentlich auch gut an, völlig unabhängig, ob es ein_*e Vegetarier_*in, Veganer_*in oder Omnivor_*in ist, die ich bekochen kann. Wenn ich unsere Feiern und dazu gehörigen Buffets komplett vegan haben will, geht das aber schon ganz schön ins Geld (im Gegensatz zu „Jede_*r bringt was mit“) und ist mit einem enormen Stress und Aufwand vorher verbunden. *Puuh*

Aber es gab auch wirklich tolle Erlebnisse. Meine Eltern zum Beispiel, die sofort umschwenkten und mir bei jedem Besuch etwas Leckeres aus ihrem veganen Fundus zubereiteten. Mein Vater, der selber immer weniger Tierprodukte isst und meine Mutter, die sogar zur Weihnachtszeit nach veganen Keksrezepten für mich gesucht hat. Dann natürlich meine Schwiegereltern, mit denen die Umstellung erstmal zu einigen kritischen Gesprächen führte, die inzwischen aber bei jedem Besuch super viele vegane Lebensmittel und Süßigkeiten für uns bereit halten. Auch einige Freund_*innen bemühen sich redlich, uns bei Verabredungen etwas Veganes anbieten zu können, da bin ich jedesmal sehr gerührt.

Unterwegs
Die Ernährung zuhause hat sich mittlerweile total eingespielt und stellte mich bereits seit einigen Monaten vor keine großen Herausforderungen mehr. Unterwegs zu sein ist allerdings eine andere Kiste. Natürlich versuche ich immer gut im Voraus zu planen und genug Snacks vorbereitet da zu haben, die wir auch mitnehmen können. Und wenn es „nur“ Obst und Nüsse oder Reiswaffeln sind. Aber bei längeren Ausflügen oder spontanen Touren, die dann in die Essenszeit reinfallen, ist es echt schwierig, dem Ideal zu entsprechen.
Denn wir leben leider in einer unveganen Welt. 90% meiner Mitmenschen essen alles, was die Palette bietet und weitere 9% haben kein Problem mit dem Verzehr tierischer Lebensmittel. Als Minderheit von unter 1% der deutschen Gesamtbevölkerung ist es etwas Besonderes, an Imbissen oder beim Bäcker etwas kaufen zu können, was über Schrippen oder Pommes hinaus geht.

Mit Kind
Unser Kind lebt hier in unseren 4 Wänden ebenfalls voll vegan, einfach weil wir nichts anderes einkaufen. Und er isst meist mit gutem Appetit, was auf den Tisch kommt. Natürlich arbeitet das Thema in ihm und er hat oft Fragen zum Thema Fleisch essen. Fast bei jedem Einkauf möchte er an der Fleischtheke anhalten und fragt, von welchen Tieren die Produkte gemacht wurden.

Die ersten zwei Bücher, die ich für ihn besorgt hatte, waren mir viel zu düster und nicht für ein (kleines) Kind geeignet. Deshalb habe ich nochmal recherchiert und bin auf die Wuschel-Geschichten gestoßen. Diese liebevollen Büchlein sind genau das Richtige, um meinem Dreijährigen unsere Lebensentscheidungen in Sachen Ernährung mit Leichtigkeit und ohne drohend erhobenen Zeigefinger verständlicher zu machen.

Gesundheit
Die wohl häufigste Frage im Bekanntenkreis ist die Frage nach der Gesundheit und möglichen Mangelzuständen bei Veganer_*innen. Ich mag den Blog von der Ricemilkmaid sehr gerne, da sie mit vielen Vorurteilen bezüglich veganer Ernährung, Kuhmilch und Eiern und vielem anderen mehr aufräumt. Wir haben uns entschieden für unsere Familie Vitamin D3 und Vitamin B12 künstlich zuzuführen, wobei ich das ganze Halbwissen rund um lebensnotwendige Stoffe und die Verwertung im Körper, mit dem die Wissenschaft sich brüstet, sehr kritisch sehe. Momentan fehlt uns noch der Mut, dem ganzen Pharma-Unken komplett den Ton abzudrehen, und deshalb gibt es diese beiden Stoffe erstmal weiterhin. Aber ganz überzeugt bin ich nicht, und was Propaganda und was sinnvolle Information ist, gilt es für uns in den nächsten Jahren auch hier noch gut heraus zu filtern.
Meine Blutwerte sind jedenfalls tiptop und bis auf weiteres sehen wir deshalb davon ab, unser Kind regelmäßig zu Blutkontrollen zu schleifen. Er isst schließlich dasselbe wie ich und dabei bleiben wir vorerst.

Ausblick
Spannend wird das Ganze – also unsere Gewohnheiten, die Versorgung mit allen wichtigen Stoffen, die allgemeine Zufriedenheit – wenn wir nun auf die Reise gehen. Unser Ziel wird es sein, so wenig industriell gefertigte Produkte wie möglich zu konsumieren. Wir möchten im nächsten Schritt an der Regionalität und Saisonalität unserer Ernährung arbeiten, um wahrhaftig einen Beitrag der Nachhaltigkeit zu leisten. Ich mache mich innerlich wieder auf eine Zeit gefasst, in der ich Unzufriedenheit oder Verzichtzwang empfinden werde. Ich hoffe, meine Einstellung zum Essen selbst wird sich verändern, wenn ich nicht mehr tagtäglich im Überfluss schwimme, sondern mit den eigenen Händen die wertvollen Nahrungsmittel pflegen, umsorgen, ernten kann.

Wir haben auch schon mit Tofu, „Wurst“ und „Käse“ herstellen herum experimentiert. Allerdings braucht es dafür oft Zutaten, die weitere Strecken zurück gelegt haben. Und für das Jahr im Wohnwagen sind die Rezepte auch zu aufwändig, zu stromintensiv oder benötigen einen Backofen, dessen Nutzung wir auch beim Leben in Gemeinschaft nicht voraussetzen können (oder möchten, da wir erstmal gar nichts voraus setzen möchten, sondern ganz offen sein und schauen wollen, wer und was uns auf unserer Orientierungsreise begegnen wird. Also planen wir lieber einfach und autark und lassen uns gerne positiv von den Menschen und dem Leben an sich überraschen).

Ich hoffe, das Unterwegs-Sein, Wegkommen vom Altbekannten, Aussteigen aus der Komfortzone, erleichtern mir die Umstellung auf Neues und Ungewohntes. Und ich schwöre dem Konsum natürlich nicht zu 100% ab, aber ich will noch bewusster und noch sorgfältiger entscheiden, wenn ich Geld für etwas ausgebe, dass die marode Lebensmittelindustrie oder das System als solches weiter unterstützt.

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