Utopia (Sinnkrise)

Der Aufschub, der dadurch entstanden ist, dass T beim ersten IELTS-Versuch ganz knapp daneben lag, führte zu einer weiteren intensiven Auseinandersetzung mit den zu erwartenden Lebensbedingungen in Neuseeland. Und weitergehend zu der Frage, ob wir gerade mit unserer Vorgehensweise unser Leben wirklich in eine Richtung lenken, die unseren Zielen und Wünschen entspricht.

Ich würde es nicht kalte Füße nennen. Denn das Loslassen des Alt-Bekannten und das Einlassen auf ein völlig neues, unabsehbares Abenteuer reizt uns nach wie vor – am liebsten würde ich sofort alle Zelte hier abbauen und in einen Flieger steigen, damit es endlich losgehen kann mit dem neuen Lebensgefühl. Aber unsere Motivation gepaart mit unseren langfristigen Zielen kommt gerade nochmal ganz ordentlich auf den Prüfstand.

Was ist uns wichtig? Was für ein Leben möchten wir führen?
Will T überhaupt in seinem alten Beruf weiter arbeiten oder seine Energie genau so wie ich in neue Aufgaben stecken? Und wie sieht das dann finanziell aus?
Können wir in Neuseeland überhaupt die Dinge verwirklichen, wie wir es hoffen?

Irgendwie ist es ein wenig ein Déjá vu für mich. Denn vor gut 6 Jahren waren wir schon mal an dem Punkt, dass wir uns wünschten, wir könnten eine neue Art Dasein mitgestalten, die das alte System endlich überflüssig macht und Planet und Menschheit gleichermaßen vor dem drohenden Untergang rettet. Die Idee des Aussteigens kam auf und vermischte sich bald mit dem Wunsch des Auswanderns.

Damals waren Planet plastic, Jacques Fresco mit dem Venusprojekt und die Zeitgeist-Filme unsere inspirierenden Wegbegleiter. Heute gesellen sich Tomorrow, Alphabet oder auch unser Streben nach einem veganen Leben zu diesen Überlegungen dazu.

Es fehlt an Klarheit, an Konkretem, an Umsetzbarkeit. Heute wie vor 6 Jahren. Mit dem Unterschied, dass wir heute fest entschlossen sind, ein neues Leben zu beginnen. Die Welt steht uns sozusagen offen, wir müssen nur anfangen, nach dem Richtigen zu suchen, denke ich.

Und was ist dieses „Richtige“? Es ist noch immer ein vages, etwas nebulöses Gefühl aus Gemeinschaft, Nachhaltigkeit, Weltverbesserung, Ganzheitlichem Leben. Ich sehe mich als ein kleiner Teil einer möglichen Keimzelle, die, im nahrhaften Milleu gezüchtet, wachsen und sich vermehren wird, sich teilen, austauschen und von anderen gesunden Organismen befruchtet werden kann – und umgekehrt.

Ich habe Kraft. Ich habe den Willen, etwas Gutes zu schaffen. Ich habe den Mut, das Vertraute aufzugeben, mich zu verändern, zu lernen, weiter zu entwickeln. Ich habe die Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist, dass wir unseren Kindern und den nachfolgenden Generationen von Menschen und Tieren eine Lebensweise weiter geben können, die auch noch in Zukunft das Leben auf diesem Planeten möglich macht.

Es ist alles so viel, ich weiß nicht genau, wo wir anfangen sollen. Vielleicht kommt vor dem Niederlassen in der Fremde doch erst nochmal eine große Weltreise zuvor, Reinschnuppern in das Leben im Exil, in Kontakt gehen mit anderen Menschen, die einen Teil unserer Ideen schon verfolgt und umgesetzt haben. Vielleicht müssen wir erst noch ein paar konkretere Erfahrungen sammeln um zu verstehen, was genau wir eigentlich suchen und wie wir uns am besten einbringen können in diese globale Revolution, die Abkehr vom zerstörerischen, vergiftenden, ausbeutenden Kapitalismus – hin zu einem friedvollen, gerechten Miteinander im Einklang mit Natur und Menschen, ressourcen-orientiert, naturverbunden (ohne auf die hilfreichen Fortschritte komplett verzichten zu müssen).

Aber wie kann so eine Gemeinschaft entstehen, wachsen, sich erweitern und Beständigkeit erlangen? Fragen über Fragen. Und bisher noch viel zu wenig Antworten.

Meine eigene Utopia sieht jedenfalls in ihren Ansätzen ungefähr so aus:

  • Gesunde Nahrung für alle, (am allerliebsten rein pflanzlich, defintiv keine Massentierhaltung mehr) direkt vor Ort und überwiegend im manuellen Anbau gewonnen und lokal verarbeitet.
  • Effiziente Energiegewinnung ohne Erdöl, ohne Atomkraft.
  • Herstellung der benötigten Wohnräume, Alltags-Gegenstände und Technologie unter fairen Bedingungen mit dem Ergebnis der qualitativ höchstwertigen Produkte (Haltbarkeit, Umweltverträglichkeit, Effektivität etc.) – zum Gebrauch für alle Gemeinschaftsmitglieder jederzeit frei verfügbar.
  • Strukturierte und gut geplante Gemeinde, an den Bedürfnissen der Einwohner orientiert. Tauschringe materieller und ideeller Art / eigene lokale Währung. Gleichstellung der Arbeitskraft eines jeden einzelnen (egal ob man sich z.B. um die Kinder kümmert, in einer Phase des intensiven Lernens steckt, den ganzen Tag lang Unkraut zupft, andere medizinisch betreut, den Müll entsorgt oder Windräder konstruiert – you get the picture).
  • Transport neu denken, weg vom Kleinwagen, hin zu mehr Gemeinschaftslösungen bzw. kürzere Wege für jeden einzelnen = fußläufige Arbeitswege, Priorität auf Ausbau von Fuß- und Fahrradwegen innerhalb der Gemeinden.
  • Bewusstes Gemeinschaftsleben, kollektive Weisheit finden, Synergien nutzen, Konsensbildung anstreben. In Bindung leben.
  • Förderung von freiem Lernen einerseits und einem Schulsystem andererseits, das die Kinder sicher und individuell auf die Anforderungen des Lebens vorbereitet. Eine natürliche Einbindung der Kinder in die Arbeit des alltäglichen Lebens, gemeinsame Verantwortung für den Nachwuchs und die Weitergabe (überlebens)notwendiger Fähigkeiten.
  • Ganzheitliche, am Menschen orientierte Medizin. Gesunde Lebensweise, Prävention. Ohne monetäre Zwänge. So viel Pharmazie wie nötig, so wenig wie möglich.

Und wie steht es um deine Utopia? Wohin geht deine persönliche Reise?

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