Wenn weniger mehr ist

Vor kurzem habe ich euch einen ersten Einblick in meine momentane Gemütsverfassung gegeben und festgestellt, dass ich dringend Prioritäten setzen muss. Tatsächlich bin ich das Thema nun zügig angegangen und habe meine To-Do-Liste etwas abgespeckt.

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Noch am selben Tag habe ich entschieden, dass das ganze große Arbeitsfeld des Hebamme-Seins, meine Kapazitäten völlig überschreitet. Ich bin nunmal gerade noch eine Zuhause-Bleib-Mutter und habe definitiv weder die Zeit noch die Energie, meine berufliche Identität von der Pieke auf neu zu gestalten und zu formen. Durch meine derzeitige Weiterbildung in traditioneller Hebammenkunst, gerät mein gesamtes Verständnis der Hebammerei ins Wanken und ich stehe dort, wo früher einmal meine Kompetenzen und Fähigkeiten zu finden waren, vor einem Scherbenhaufen. Diesen wieder aufzukehren und zusammen zu setzen, meine Fachlichkeit von Grund auf neu zu erlernen – dazu müsste ich eine_*n Mentor_*in finden, welche_*r die wahre Hebammenkunst noch beherrscht und diese in der Praxis weiter geben möchte. Weder existiert so jemand in meiner erreichbaren Umgebung, noch könnte ich die Zeit für eine solche Ausbildung gerade aufbringen.

Nichtsdestotrotz werde ich die Fortbildung zu Ende besuchen und mir die Inspirationen von dort fest einprägen. Sobald ich wieder als Hebamme arbeite, werden all die inspirierenden Wissensfragmente und der neu gelenkte Blick meine Begleiter sein.

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Mir geht es sehr gut mit dieser Entscheidung und ich kann automatisch deutlich mehr Energie in mein Zusammensein mit G investieren. Es gab deutlich mehr erwartungsfreie Zeit für ihn und mich. Was bedeutet, dass ich ohne (allzu großes) Rattern im Kopf mich einfach mit ihm aufhalten konnte und ihn unsere Aktivitäten und das Tempo der Alltagsverrichtungen vorgeben lassen konnte.

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Das hat mich sofort mehr entspannt als alles andere und so kann ich im Umkehrschluss die notwendigen Haushaltstätigkeiten mit mehr Freude und Konzentration durchführen, als wenn ich ständig fünf Dinge gleichzeitig erledigen will. Ich bin außerdem dazu über gegangen, statt eines Wochenplans einen Drei-Wochen-Essensplan zu schreiben. So muss ich einmal etwas mehr Zeit investieren, habe aber hinterher viel weniger Mühe, die Einkäufe zu planen und kann flexibler mal ein Gericht tauschen, da ich direkt mehr Auswahl auf einen Blick habe. Genial hilfreich ist für uns die kostenlose Smartphone-App Bring! Hier können wir jederzeit benötigte Dinge eintragen und der/die/* andere sieht die Liste direkt mit ein. Wer einkaufen geht, kann die erledigten Sachen abhaken und auch dies ist für den/die/* anderen sichtbar.

Was in der Tat ein wenig auf der Strecke bleibt, ist mein aktives Sozialleben. Ich fühle mich noch immer überfordert, mit vielen Menschen parallel Kontakt zu halten. Was meine Freundin E und mich zu einer Diskussion darüber veranlasst hat, wieviele soziale Kontakte der Mensch eigentlich braucht zum Glücklichsein. Dies ist ganz sicher individuell verschieden, aber ich vermute, dass es eine gewisse Obergrenze gibt, zu wie vielen Personen man engen und regelmäßigen Kontakt halten kann – je nach eigener Lebenssituation und Belastungspensum natürlich. Und momentan spüre ich, dass mein Level sich sehr nach unten reduziert und die nahe Familie und einige wenige Freunde mir vollkommen ausreichen, um mich verbunden und im Austausch zu fühlen, ohne unter einen subjektiv empfundenen Erwartungsdruck zu geraten.

Zeit für mich selbst finde ich zwar nicht wirklich mehr als zuvor, doch das Blogschreiben, das Fotografieren und die sporadischen Yoga-Sessions mit meiner Freundin M reichen mir einigermaßen aus, mich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.

Ach ja und ich versuche bewusst mindestens einmal am Tag eine Tasse Tee in Ruhe zu trinken, auch wenn G an mir zerrt oder Aufgaben erledigt werden wollen. Außerdem genieße ich das Draußensein, Sonne im Gesicht, einen Sommerregen, ein unverhofftes Päuschen auf einer Bank, wenn G einen längeren Mittagsschlaf hinlegt und so weiter…

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Somit komme ich zu meinen letzten beiden großen Baustellen: Das Auswandern und das nachhaltigere Leben. Beide sind eng miteinander verwoben. Beide sind noch schwer greifbar und benötigen intensive Recherchen. Ich bin dabei, bemühe mich um reichlich vegane Ernährung, um Konsumvermeidung und DIY-Projekte.

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Ich erlaube mir kleine Schritte zu gehen und erfreue mich bei meiner Recherche an Menschen, die ähnlich oder gleich denken, die vielleicht schon deutlich weiter sind auf ihrem Weg, als ich es bin. Ich übe mich in Geduld und Demut und hoffe, dass sich alles mit der Zeit finden wird, anstatt in Groll darüber zu verfallen, dass ich so lange schon im System verhaftet bin, dass das Freikämpfen und Loslassen so mühsam und schmerzhaft zu sein scheint.

Meine Listen an Auswandervorbereitungen verursacht meiner besseren Hälfte gerade hohen Druck und ich versuche auch hier mehr Raum zu zu lassen und mich nicht zu stark auf eine bestimmte Zeitplanung zu versteifen. Ob es tatsächlich Ende nächsten Jahres klappt oder vielleicht doch erst ein paar Monate später wahr wird, sollte mir nicht so wichtig sein. Auch das Auswanderziel muss noch einmal gründlich auf diverse Facetten hin überprüft werden. Ich bin gerade damit beschäftigt, meine aktuelle Motivation und meine Erwartungen zu benennen und so viele Informationen wie möglich zu beschaffen, um ein realistisches Bild für die Umsetzung unserer Pläne zu erhalten. Unter anderem geht es bei den Erwartungen um gesellschaftliche Zwänge und Arbeitsmarkt, Lebenshaltungskosten, Landpreise, medizinische Versorgung, Anbindung an eine Community, Sozialabsicherungen, Kinderbetreuung und Schulsystem und dergleichen mehr. Es wäre schon reichlich unklug, alle Zelte abzubrechen, an den am weitesten entfernten Ort auf dieser Welt zu ziehen, um dort auf dem Boden der Realität zu landen, welcher ebenso hart oder schlimmstenfalls noch härter ist als der in der verlassenen Heimat.

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Es ist noch viel zu tun. Zum Glück habe ich mehr Ruhe und einen klareren Fokus. Dazu ein bisschen Gelassenheit und Entschleunigung, Perfektionsdenken lockern, die eigenen Nerven schonen, so gut es geht… diese Richtung sollte ich unbedingt beibehalten!

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